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CD-Besprechung

Passion for Ukraine

Lena Belkina
Violina Petrychenko

Solo Musica SM 418

1 CD • 45min • 2022

25.11.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Die russische Invasion in der Ukraine hat für die Mezzosopranistin Lena Belkina, die seit einigen Jahren vor allem im Belcanto-Fach international erfolgreich ist, den Wunsch wachgerufen, “die eigene Selbstidentifikation zu stärken”, sich auf die Spuren ihrer Kindheit und Jugend auf der Krim zu begeben und zugleich ukrainische Musik ins Bewußtsein der ausländischen Hörer zu rücken – Musik, die ihren Weg als Sängerin von Anfang an begleitet hat.

Der Fundus der ukrainischen Volkslieder, so schreibt sie in ihrem sehr persönlichen Einführungstext im Booklet des Albums, umfasst nicht weniger als 15 500 Titel. Sie ist mit diesen Liedern groß geworden und hat deshalb drei davon an den Anfang ihres Programms gestellt, dem sich jeweils drei Kunstlieder von vier ukrainischen Komponisten anschließen. Gemeinsam ist allen zugrunde liegenden Texten die enge Verbindung von Naturerleben und seelischer Verfassung. Sonne, Mond und Sterne, die Jahreszeiten und immer wieder Pflanzen und Blumen spielen darin eine zentrale Rolle. Die unmittelbare Einfachheit und Eingängigkeit im Melodischen eignet auch den meisten Kunstliedern, die ihre Wurzeln im Volkston haben und nur wenig Berührung mit der westeuropäischen Liedkultur oder gar der Oper zeigen.

Beschaulich und melancholisch

Der älteste der ukrainischen Komponisten, Gregory Alchevskiy (1866-1920) hat neben vielen anderen Arbeiten auch Arrangements russischer und ukrainischer Volkslieder geschaffen, aber er war nicht nur Komponist und Pianist, sondern auch als Sänger und Gesangslehrer tätig. Die seiner Schwester Khrystia, einer Dichterin, gewidmeten Romanzen (zu Die Seele ist ein zartes Maiglöckchen hat sie selbst den Text geschrieben) weisen ihn als ein ukrainisches Pendant zu Francesco Paolo Tosti aus. Die Melancholie in Schau im Frühling nicht auf den Mond und Sommernacht bekommt angesichts des Krieges für die Sängerin eine zusätzliche Bedeutung. Auch bei Kyrylo Stetsenko (1882-1922), der am Ende seines kurzen Lebens Priester wurde, stand die Pflege der nationalen Musiktradition im Zentrum des Schaffens. Sein melodisch sehr eingängiges Abendlied ist auch wegen seines Lullaby-Charakters in der Ukraine bis heute populär. Sehr konträr in der Stimmung sind die Miniaturen Ich stand da und lauschte dem Frühling und Ich schaue auf die hellen Sterne, träumerisch und heiter das eine, schwermütig mit einem Tschaikowsky-Touch das andere.

Mit emotionalem Nachdruck

Bei Mykhailo Zherbin (1911-2004), über den bei Wikipedia nichts zu finden ist, außer dass er auch Ingenieur war, fällt gegenüber den Vorgängern eine erhöhte Expressivität auf, die sich bereits in der Prelude-Vokalise ohne Worte ausdrückt, dann in Letzte Blumen mit einer aufgewühlten Klavierbegleitung aktuelle Assoziationen hervorruft, wenn es da heißt „Rote Rosen werden schwarz, als ob das Blut in den Wunden getrocknet sei“. Jedenfalls legt der intensive Vortrag von Lena Belkina und der Pianistin Violina Petrychenko solche Assoziationen nahe. Ganz konkret auf den Krieg bezogen ist das Agnus dei aus dem im Juli komponierten Requiem für Mariupol von Illia Razumeiko (Jg. 1989), einem engen Freund der Sängerin, den sie schon seit 14 Jahren kennt und der ihr, als sie begann, Deutsch zu lernen, sinnig das Lied Widmung auf den schon von Schumann vertonten Text Friedrich Rückerts zueignete. Er war damals erst 19 Jahre alt, aber es scheint, dass er auch weiterhin der musikalischen Tradition des 19. Jahrhunderts verpflichtet blieb. Das gilt auch für das kurz darauf entstandene Wiegenlied, für das die Sängerin jetzt von der jungen Dichterin Iryna Shklianka einen neuen, zeitgemäßeren Text schreiben ließ.

Befeuert von ihrer Partnerin Violina Petrychenko, die eine ausgewiesene Kennerin der ukrainischen Musik ist, erreicht Lena Belkina in allen Liedern des Albums bei vollendeter Klangschönheit eine emotionale Nachdrücklichkeit, die nie ins Sentimentale abrutscht.

Ekkehard Pluta [25.11.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
trad.
1Misyats na nebi (Mond am Himmel) 00:03:11
2Tchotyry voly pasu ya (Ich weide vier Ochsen) 00:04:19
3Tchy ya v luzi ne kalyna bula (War ich nicht ein Viburnum) 00:03:02
Gregory Alchevskiy
4Dusha se konvaliya nizhna (Die Seele ist ein zartes Maiglöckchen) 00:02:04
5Ne dyvysia na misyats vesnoiu (Schau im Frühling nicht auf den Mond) 00:02:19
6Litnioyi nochi (Sommernacht) 00:02:00
Kyrylo Stetsenko
7Vechirnya pisnya (Abendlied) 00:03:48
8Stojala ja i sluhala vesnu (Ich stand und lauschte dem Frühling) 00:01:52
9Dyvlius ya na yasniyi zori (Ich schaue zu den hellen Sternen) 00:01:45
Mykhailo Zherbin
10Vocalise-Prelude 00:03:12
11Plyve moya dusha (Meine Seele schwebt) 00:02:20
12Ostanni kvity (Letzte Blumen) 00:03:50
Illia Razumeiko
13Widmung 00:03:45
14Kolyskova (Wiegenlied) 00:03:14
15Agnus Dei aus Requiem für Mariupol 00:03:57

Interpreten der Einspielung

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