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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Mel Bonis

Myriam Barbaux-Cohen

Ars Produktion ARS 38 349

1 CD/SACD stereo/surround • 74min • 2022

30.09.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Die 1858 geborene Mélanie Bonis zählte zu den ersten Frauen, die am Pariser Conservatoire Komposition studieren durften. Kein Geringerer als César Franck hatte ihren Eltern empfohlen, das starke musikalische Talent der Tochter systematisch ausbilden zu lassen. Ausgezeichnete Leistungen im Studium ebneten Bonis den Weg in die Kompositionsklasse von Ernest Guiraud, wo Chausson, Debussy und Pierné zu ihren Mitschülern gehörten. 25-jährig wurde sie von ihren Eltern vom Conservatoire genommen und in eine Vernunftehe mit einem reichen Witwer gedrängt, durch die sie zur Stiefmutter von fünf Kindern wurde, denen sich später noch vier eigene hinzugesellten. Zwar aller materieller Sorgen enthoben, doch mit der Organisation des Haushalts einer Großfamilie beschäftigt, fand sie lange Jahre nur wenig Zeit zu komponieren und entfaltete erst in fortgeschrittenem Alter eine reiche schöpferische Tätigkeit, von der letztlich 192 Opuszahlen Zeugnis ablegen.

Bonis, die ihren Vornamen auf Veröffentlichungen zum geschlechtsneutralen „Mel“ verkürzte, gelangte im französischen Musikleben durchaus zu Ansehen. Saint-Saëns beispielsweise zeigte sich von ihrem Klavierquartett Nr. 1 so beeindruckt, dass seine Vorurteile gegen Komponistinnen dadurch hinfällig wurden. Ihre größten Erfolge konnte Bonis in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts feiern. Nach dem Ersten Weltkrieg musste sie, wie viele Komponisten ihrer Generation, erleben, dass ihr Stil aus der Mode geriet und sie noch zu Lebzeiten vergessen wurde. Gerade weil sie in jenen Jahren ungebrochen produktiv blieb, bereitete es ihr großen Kummer, das ihre Musik nicht aufgeführt wurde.

Klingende Autobiographie

Lange Zeit vergessen, wird Bonis' Schaffen seit einigen Jahren dem Musikleben zurückgewonnen. Ihre Klaviermusik liegt mittlerweile beim Furore-Verlag in elf Bänden vor. Aus diesem reichen Fundus präsentiert Myriam Barbaux-Cohen eine Auswahl von 18 Stücken unter dem Titel „Memoires d'une Femme‟. Die Werke sind, der Idee einer Autobiographie entsprechend, chronologisch geordnet, vom Walzer Étoiles op. 2 aus dem Jahr 1884 bis zu den 1928 komponierten Cloches lontaines op. 121. Sie umspannen mithin viereinhalb Jahrzehnte, und damit nahezu das ganze Künstlerleben der Komponistin. Ihrem Stil ist Mel Bonis im Laufe dieser Zeit stets treu geblieben. Bis zuletzt blieb sie eine Künstlerin der Belle Epoque. Ihre Klavierwerke durchzieht durchweg ein melancholischer Unterton, der in den späteren Stücken immer dominanter hervortritt. Sie ist eine Meisterin der Herbst- und Abendstimmungen, der schattigen Idyllen, der stillen Klagen in der Einsamkeit. Formal herrscht unter den Stücken durchaus Abwechslung: von rund zweiminütigen Miniaturen bis zu La Cathédrale blessée op. 107, einer neunminütige Fantasie über das Dies Irae.

Nicht ganz ausgeschöpftes Potential

Myriam Barbaux-Cohen identifiziert sich voll und ganz mit der von ihr dargebotenen Musik, wie unmissverständlich aus dem im Beiheft mitgeteilten Brief hervorgeht, den sie über die Schranken der Zeit hinweg direkt an die Komponistin geschrieben hat. So erfreulich diese persönliche Verbundenheit ist, sie kann nicht ganz verdecken, dass Barbaux-Cohens Darbietungen das Potential der Bonisschen Musik nicht voll ausschöpfen. Was das rein pianistische Handwerk betrifft, so ist die Pianistin über jeden Zweifel erhaben. Auch vermag sie dem Klavier die Vielfalt an sorgfältig abgestuften Klängen zu entlocken, die für die Aufführung solch klangsinnlicher Musik nötig ist. Zu wenig merkt man jedoch in ihrem Spiel ein Gefühl für die Entwicklungen auf der Ebene der Harmonik, was wiederum die Phrasierung beeinträchtigt. Gleich der die CD eröffnende Walzer kommt nicht recht in tänzerischen Schwung. Auch in den anderen Stücken entsteht so mitunter der Eindruck von Ziellosigkeit. Barbaux-Cohen scheint die Musik erst im Moment des Spielens nachzuvollziehen. Das „Fernhören“ fehlt. So erklären sich auch so manche Rubati, die einfach Rubati um ihrer selbst willen sind und keine Begründung in der jeweiligen harmonischen Entwicklung haben. Dadurch legt sich über manche Stücke von Mélanie Bonis eine gewisse Schwere, die nicht hätte sein müssen, und für die man nicht die Komponistin verantwortlich machen sollte.

Norbert Florian Schuck [30.09.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Mélanie Bonis
1Etiolles.Valse op. 2 (À ma mère) 00:04:40
2Prélude op. 10 (Auftakt) 00:01:51
3Gai Printemps op. 11 (Impromptu) 00:02:37
4Près du Ruisseau op. 9 (Pour Madame Édouard Filon) 00:02:20
5Pensées d'Automne op. 19 (À Mademoiselle Thérése Chaigneau) 00:03:45
6Berceuse op. 23 Nr. 1 (À ma petite Jeanne) 00:05:29
7Eglogue op. 12 00:04:24
8Romance sans Paroles op. 29 00:03:12
9Méditation op. 33 Nr. 1 (À Madame Jeanne Monchablon) 00:03:58
10Carillon Mystique op. 31 (À Monsieur Raoul Pugno) 00:06:37
11Ballade op. 27 (À Gabrielle Monchablon) 00:07:20
12Romance sans Paroles op. 56 (À Madame Gayrard-Pacini) 00:01:51
13Barcarolle op. 71 (À Gabrielle Monachablon) 00:04:49
14La Cathédrale blessée op. 107 (À la mémoire de Auger de Lassus) 00:09:07
15Au Crépuscule op. 111 (À ma petite amie Madeleine) 00:03:53
16Une Flûte soupire op. 117 00:02:18
17Berceuse triste op. 118 00:02:09
18Cloches lointaines op. 121 00:03:34

Interpreten der Einspielung

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