Anzeige

Teilen auf Facebook RSS-Feed Klassik Heute
Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

CD • SACD • DVD-Audio • DVD Video

CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Without Borders

BIS 2630

1 CD/SACD stereo/surround • 74min • 2021

26.08.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Der junge türkische Pianist Can Çakmur (Jg. 1997) erweist sich – wie bereits in seiner vorangegangenen Einspielung der Liszt-Bearbeitungen des Schwanengesangs von Franz Schubert – auch in seiner jüngsten Aufnahme als Meister intelligenter Programmgestaltung. Auf die Idee, den Einfluss turko-balkanischer Rhythmen auf die Klaviermusik des 20. Jahrhunderts zu untersuchen, muss man erst einmal kommen. Als Demonstrationsobjekte dienen die höchst anspruchsvollen Sonaten von Béla Bartók, Georges Enescu und Ahmad Adnan Saygun sowie Passacaglia, Intermezzo und Fuge des vorwiegend als Dirigenten berühmten Dimitri Mitropoulos.

„Bulgarische“ Rhythmen

Die Musik des Balkan zeichnet sich durch die Verwendung komplizierter, häufig ungerader Taktarten aus. Die einzige wichtige ungerade Taktart West- und Zentraleuropas ist der für Sarabande, Menuett, Mazurka und Walzer genutzte Dreiertakt. Die iberische Halbinsel kennt zudem die Unterteilung eines 4/4-Taktes in 3+3+2 Achtel („Opapa, Opapa, Oma“ zählt man die Rumba), die wohl aus Lateinamerika importiert wurde. Die türkischen Aksak-Rhythmen, die sich ebenso auf dem Balkan finden, sind wesentlich komplexer, da sie 5er-, 7er-, 9er-, 10er- und 13er-Metren verwenden, die sich im Inneren dann aus ungleichen Teilen von 2er- und 3er-Gruppen zusammensetzen. So wird beispielsweise aus dem üblichen 3x3 eines 9/8-Takts ein asymmetrisches 2+3+2+2-Metrum. Bartók bezeichnete dies als „bulgarisch“ und nutzte es prominent im Mikrokosmos wie auch in seiner zwar noch tonalen, aber ausgesprochen dissonanten Sonate Sz 80 aus dem Jahr 1924, die das Klavier durchaus auch schlagzeugmäßig behandelt

Mitropoulos schreibt seine Passacaglia anstatt im üblichen ¾-Takt im 7/4-Metrum. Das Thema steht in einem leicht getrübten a-Moll, wird dann aber von Quartenschichtungen überlagert, die danach auch Intermezzo und Fuge bestimmen. In den späten Klavierwerken seines Mentors Ferruccio Busoni, wie auch beim mittleren Hindemith finden sich sehr ähnliche Formulierungen,. Ein technisch in seinen Verästelungen höchst anspruchsvolles Stück!

Mindestens ebenso anspruchsvoll ist auch die Saygun-Sonate, die als letztes Werk des Komponisten erst 1991 entstand. Sie changiert – quasi als Rückblick auf dessen Studienzeit in Paris – zwischen Spätromantik, Impressionismus und klassischer Moderne. Dabei ist sie weniger radikal als die Präludien über Aksak-Rhythmen des Komponisten, die teilweise serielle Techniken fokussieren.

Die abschließende Enescu-Sonate ist das in ihrer Tonalität klarste und freundlichste Werk der CD. Hier sind komplexe klangliche Probleme aufgrund der durchweg polyphonen Anlage und der deutlich zu differenzierenden, meist drei oder vier Klangebenen zu lösen. Die detailverliebte Vortragsbezeichnungen würde Max Reger alle Ehre machen.

Durchdachtes Programm

Can Çakmur ist zunächst einmal für eine absolut überzeugende Ersteinspielung der interessanten Sonate von Ahmad Adnan Saygun zu danken. Pianistisch und gestalterisch spielt er alle Werke auf sehr hohem Niveau. Allerdings reicht es bei Bartók und Enescu (noch) nicht zur Referenz, da bei Enescu der Patensohn des Komponisten, Dinu Lipatti noch gesanglicher und filigraner agiert, bei Bartók jedoch die Ungarn von Andor Foldes bis Zoltan Kocsis idiomatischer und selbstverständlicher spielen. Die extremen Schwierigkeiten des Mitropoulos-Tryptichons meistert Çakmar jedoch brillant. Hier ist das Passacaglien-Thema immer durchhörbar und die Fuge erstrahlt in kristalliner Transparenz.

Aufnahmetechnisch gibt es keine Einwände, wenngleich ich dem Pianisten einen Flügel mit höherem Farbpotential gegönnt hätte. Im Booklet beweist der Pianist, dass er nicht nur gescheit spielen, sondern über das Gespielte auch klug schreiben kann..

Fazit: Eine hochinteressante Zusammenstellung von – bis auf den Bartók – Raritäten der klassischen Moderne. Um den Reiz der Werke zu erfassen, ist mehrmaliges Hören unbedingt erforlderlich.

Thomas Baack [26.08.2022]

Anzeige

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Béla Bartók
1Klaviersonate Sz 80 00:12:54
Dimitri Mitropoulos
4Passacaglia, Intermezzo e Fuga 00:14:56
Ahmed Adnan Saygun
7Klaviersonate op. 76 00:22:32
George Enescu
11Klaviersonate Nr. 3 D-Dur op. 24 Nr. 3 00:22:31

Interpreten der Einspielung

Vorherige ⬌ nächste Rezension

23.08.2022
»zur Besprechung«

Johann Wilhelm Wilms, Chamber Music for Flute Vol. 2
Johann Wilhelm Wilms Chamber Music for Flute Vol. 2

Das könnte Sie auch interessieren

29.10.2022
»zur Besprechung«

Enescu, Piano Sonatas • Piano Suite No. 2
Enescu, Piano Sonatas • Piano Suite No. 2

13.11.2021
»zur Besprechung«

Giovanni Bottesini, Revolution of Bass
Giovanni Bottesini, Revolution of Bass

17.01.2021
»zur Besprechung«

Liszt / Schubert, Schwanengesang
Liszt / Schubert, Schwanengesang

Anzeige

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Anzeige