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CD-Besprechung

Joachim Raff

Complete Works for Cello and Piano

Avie AV2490

1 CD • 72min • 2021

11.02.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Oxana Shevchenko und Christoph Croisé feiern in ihrem zweiten gemeinsamen Album den schweizerischen Komponisten Joachim Raff, der vor 200 Jahren am Ufer des Zürichsees das Licht der Welt erblickte. Er gehörte zu Lebzeiten zu den im deutschen Sprachraum meistaufgeführten Tonkünstlern. Sein Ruhm verblasste nach seinem Tod 1882 jedoch schnell. Heute kennt man allgemein nur noch seine Cavatina op. 85,3 als sentimentales Encore der Geiger. Er gehörte zu den fleißigen Komponisten, denen die Arbeit leicht von der Hand ging – was für „am Genie leidende“ (Spät-)Romantiker eher keine Empfehlung darstellte – und kam binnen 40 Jahren auf über 200 mit Opuszahlen versehene Werke, darunter 11 Sinfonien, 6 Opern, zahlreiche Kammermusikwerke und über 100 Klavierstücke.

Zwischen traditioneller Romantik und Neudeutscher Schule

Raff beherrschte sämtliche romantische Idiome und konnte sich so mal schumannesk, mal „lisztig“ geben. Man kann ihn – wie auch seinen Zeitgenossen Carl Reinecke, der stolz auf den Titel „Epigone“ war – der Nachahmung bezichtigen, beraubt sich aber in diesem Fall der Freude an hörenswerter Musik. Sein Klaviersatz ist ausgesprochen farbig und kann zwischen äußerster klassizistischer Transparenz und Gewichtigkeit à la Brahms changieren. Hinzu kommt ein außergewöhnliches Talent für die Erfindung eingängiger – jedoch origineller und nicht trivialer – Melodien. Diese tragen bereits die ganze Empfindung in sich selbst und verlieren, wenn man sie mit aufgesetzten Effekten verkitscht. Gerade ein sentimentalisierendes Wimmervibrato wirkt bei Streichern dann außerordentlich schmalzig. Das Duo op. 59 ist nach dem Prinzip von Cavatine und Cabaletta angelegt. Die beiden „Begegnung“ und „Erinnerung“ betitelten Fantasiestücke op. 86 sind Notturni. Die Romanzen op. 102 wurden ursprünglich für Horn komponiert. Die pastorale Sonate op. 183 ist für das Entstehungsjahr 1873 in ihrer klassizistischen Viersätzigkeit recht retrospektiv, aber durchaus schwung- und wirkungsvoll.

Überzeugende Interpretation

Der schweizerische Cellist Christoph Croisé und die kasachische Pianistin Oxana Shevchenko – beide Preisträger vieler Wettbewerbe – nehmen die Werke beim Wort und erliegen nirgendwo der Versuchung, auf die Tränendrüse zu drücken. Vielmehr spüren sie den einzelnen Phrasen nach, singen sie aus, ohne dabei den Überblick über den Gesamtzusammenhang zu verlieren. Shevchenko hält den anspruchsvollen Klavierpart – die Uraufführungen spielte Raffs Freund Hans von Bülow – jederzeit transparent, Kadenzen glitzern, Melodien schwingen, vollgriffige Fortissimi sind frei von jeglicher perkussiver Härte. Croisé, der bereits auch als Barock-Cellist Furore gemacht hat, hält seinen Ton stets schlank und agiert mit einer Feindynamik, wie man sie eher von Geigern kennt, und einem belebenden, die Phrasen liebevoll aussingenden, absolut unaufdringlichem Vibrato bei perfekter Intonation. Niemals verwendet er den abgegriffenen Effekt des „Schluchzens auf der A-Saite“. Vielmehr lässt er sein Instrument in allen Lagen perlmuttfarben schimmern. Er kommt damit wohl dem Klangideal des Cellisten der Uraufführungen, Bernhard Cossmann, sehr nahe. Cossmann war übrigens der einzige Cellist, den Bülow als Duo-Partner akzeptierte.

Gegen die Klangtechnik bestehen keine Einwände. Manche hätten sich vielleicht ein prominenteres Herausstellen des Cellos gewünscht, jedoch sind das Duo und die Sonate ausdrücklich vom Komponisten für Klavier und Violoncello bezeichnet. Der Booklet-Text informiert umfassend über Komponisten, Werke und Interpreten.

Fazit: Eine Aufnahme, die sogar mir als nicht unbedingtem Cello-Fan viel Freude bereitet hat. Ein würdiges Geschenk zum 200. des Komponisten. Pflicht für alle Cellisten, die sich an den Mendelssohn- und Brahms-Sonaten „abgespielt“ haben und die lernen wollen, dass Romantik auch ohne Klangverdickung funktioniert. Die 2 Romanzen sind auch für Amateure erreichbar. Klare Empfehlung an alle Kammermusikliebhaber!

Thomas Baack [11.02.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Joseph Joachim Raff
1Duo A-Dur op. 59 für Violoncello und Klavier 00:16:19
2Phantasiestück op. 86 Nr. 1 für Violoncello und Klavier (Begegnung) 00:07:20
3Phantasiestück op. 86 Nr. 2 für Violoncello und Klavier (Erinnerung) 00:08:10
4Romanze F-Dur op. 182 Nr. 1 00:05:10
5Romanze B-Dur op. 182 Nr. 2 00:05:12
6Sonate D-Dur op. 183 für Violoncello und Klavier 00:30:08

Interpreten der Einspielung

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