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CD-Besprechung

Liszt

Freudvoll und leidvoll
Jonas Kaufmann & Helmut Deutsch

Sony Classical 19439892602

1 CD • 80min • 2020

05.10.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Helmut Deutsch ist nach eigenem Bekenntnis seit früher Jugend ein glühender Bewunderer von Franz Liszt und es war ihm wohl auch ein Herzensanliegen, sein lange Zeit sehr vernachlässigtes Liedschaffen wieder ins Bewusstsein der Musikfreunde zu rücken. Ein Pionier ist er dabei nicht, denn zum Liszt-Jahr 2011 gab es beim kleinen Label Marsyas eine verdienstvolle sechsteilige Lied-Edition mit vielen echten „Ausgrabungen“, die aber ohne nennenswerte Nachwirkungen im Konzert-Repertoire blieb. Der Einsatz von Deutschs langjährigem Freund Jonas Kaufmann, der nun auf dem Zenith seines Ruhmes steht, wird den Kompositionen möglicherweise eine größere Breitenwirkung sichern.

Dass man Liszt als Liedkomponisten auf eine Stufe mit Schubert, Schumann oder Brahms stellen kann, wird von Deutsch gar nicht behauptet, zu uneinheitlich sind seine Beiträge zu dieser Gattung, in stilistischer, aber auch in qualitativer Hinsicht. Er hat sich an großen literarischen Vorlagen abgearbeitet – in Deutschland vor allem an Goethe und Heine – und er hat um die Bewältigung der Dichtungen förmlich gerungen, oft mehrere Versuche unternommen: Goethes Der du von dem Himmel bist etwa existiert in vier Fassungen (von denen zwei auf dieser CD zu hören sind), bei Freudvoll und leidvoll hat er zwei ganz unterschiedliche Varianten geschaffen und beide überarbeitet. Die Vertonungen von Es war ein König in Thule und Die Loreley erklingen hier in der jeweils zweiten Fassung.

Das Klavier spielt „die erste Geige“

Ich denke, man tut Liszt nicht Unrecht, wenn man unterstellt, dass die menschliche Stimme nicht sein eigentliches Medium war. Das Klavier spielt bei den Liedern deshalb nie eine begleitende, sondern in der Regel eine ebenbürtige Rolle, in seinen früheren Versuchen zur Gattung drängt es sich sogar oft in den Vordergrund. Von einigen Liedern hat er auch reine Klavierfassungen erstellt, die sich im Konzertsaal mehr durchgesetzt haben als die gesungenen Versionen. Eine schöne Balance findet er in Nikolaus Lenaus Die drei Zigeuner (1860), wo der Klavierpart vom Geist der ungarischen Rhapsodien geprägt ist. Helmut Deutsch geriert sich in allen Fällen nicht als Tastenlöwe, sondern überzeugt durch ruhige Souveränität und poetisches Fingerspitzengefühl.

Im Dienst der Dichtung

Zum Lob des Sängers ist festzuhalten, dass er die überwiegend hochkarätigen Dichtungen zu ihrem Recht kommen lässt. Seine Diktion ist vorbildlich und der Vortrag imaginativ. Kaufmann vermittelt überzeugend die gesungenen Inhalte. Die rein vokale Umsetzung ruft bei mir dagegen zwiespältige Gefühle hervor, denn mehr als beim letzten Album („Selige Stunde“) überlagert der Heldentenor den Lied-Interpreten oft allzu sehr. Inzwischen bei Rollen wie Otello und Tristan angelangt, muß sich der Sänger intimere Töne oft geradezu abnötigen, da die Stimme nicht mehr die frühere Flexibilität besitzt. Mezza-voce-Passagen klingen manchmal wie markiert. Und die bei Liszt häufig bemühten Aufschwünge als Mittel starker Emotion bekommen oft etwas Gewichtheberhaftes.

Die drei Petrarca-Sonette, die Kaufmann schon früher im Repertoire hatte, verlangen im Grunde einen Belcanto-Tenor (ich habe zum Vergleich Luciano Pavarotti und Lawrence Brownlee gehört), Kaufmann ist durch und durch Verismo-Sänger, der den dramatischen Ausdruck über alles stellt. Schon im kurzen Entree mit Heines Vergiftet sind meine Lieder wird die Richtung vorgegeben. Und die führt hier oft – etwa am Ende des Liedes Ich möchte hingehen – zu einem Schmerzenston à la Florestan. Andererseits bemüht sich der Sänger in „Schlagern“ wie Es muß ein Wunderbares sein und O lieb, so lang du lieben kannst (bekannter in der Klavierversion als Liebestraum Nr. 3) um eine liedhafte Einfachheit, die aber in die Nähe des Operettenhaften gerät.

Ekkehard Pluta [05.10.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz Liszt
1Vergiftet sind meine Lieder S 289 00:01:27
2Freudvoll und leidvoll S 280,1 (1. Fssg., 2. Version) 00:02:26
3Freudvoll und leidvoll S 280,2 (2. Fssg.) 00:01:26
4Es war ein König in Thule S 278 00:03:41
5Im Rhein, im schönen Strome S 272 00:03:36
6Die Loreley S 273 00:06:31
7Ihr Glocken von Marling S 328 00:02:39
8Die Drei Zigeuner S 320 00:05:36
9Sonnetto 47 del Petrarca Benedetto sia 'l giorno S 270,2 00:06:00
10Sonnetto 104 del Petrarca Pace non trovo S 270,2 00:06:47
11Sonnetto 123 del Petrarca L' vidi in terra angelici costumi S 270,2 00:05:23
12Es muss ein Wunderbares sein S 314 00:01:40
13O lieb, so lang du lieben kannst S 298 00:05:05
14Die stille Wasserrose S 321 00:03:36
15Ein Fichtenbaum steht einsam S 309 00:02:37
16Es rauschen die Winde S 294,2 00:03:06
17Ich möchte hingehn S 296 00:07:24
18Der du von dem Himmel bist S 279 00:04:30
19Der du von dem Himmel bist S 279 00:03:27
20Über allen Gipfeln ist Ruh' S 306 00:03:29

Interpreten der Einspielung

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