Anzeige

Teilen auf Facebook RSS-Feed Klassik Heute
Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

CD • SACD • DVD-Audio • DVD Video

CD-Besprechung

The Roots & The flower

Counterpoint in Bloom
Schumann OPUS 56 & 60

OUR Recordings 6.220675

1 CD • 63min • 2020

08.09.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Am 15. August dieses Jahres beging Jens E. Christensen, Titularorganist der Kopenhagener Vor Frelsers Kirke – auf deutsch Erlöserkirche – seinen 75. Geburtstag und gab kurz zuvor sein Organistenamt nach 32-jähriger Tätigkeit auf. Christensen gehört zu den renommiertesten dänischen Organisten. Er ist Professor für Orgel an der Königlichen Musikhochschule in Kopenhagen. Konzertreisen führten ihn an Spieltische in ganz Europa, wobei Nôtre Dame in Paris als „Ritterschlag“ gelten darf. Sein Abschiedskonzert umfasste die eher selten aufgenommenen opp. 56 und 60 von Robert Schumann, die er am heimatlichen Instrument (IV/59) einspielte

Schumanns „Kunst des Kanons und der Fuge“

Während seiner Schreibblockade der Jahre 1843/44 erkannte Schumann, der ja nie an einem Konservatorium studiert hatte, dass es im Bereich „Kontrapunktik“ noch Lerndefizite gab, Deshalb liehen Clara und er sich im April 1845 eine Pedalklaviatur, um Orgelwerke – vornehmlich Bachs – daheim intensiv zu studieren. Dieses Pedalklavier regte den Komponisten dann zu seinen 6 Studien in Kanonform op. 56 und den 6 Fugen über B-A-C-H op. 60 an. Die Fugen bezeichnete er in einem Brief an seinen Verleger als „…eine Arbeit, von der ich glaube, dass sie meine anderen vielleicht am längsten überleben wird.“ Beide Opera sind zukunftsweisend: Die Studien für das französische Stimmungsstück eines Lemmens, Guilmant oder Widor (Anspieltipp Tr. 9, der genauso gut von Lefébure-Wély sein könnte); die Fugen für das Orgelwerk Max Regers. Letzteren dürften besonders die zu Beginn und Schluss stehenden „Steigerungsfugen“ beeindruckt haben. Dieses Prinzip der durchgehenden Steigerung setzte Bach erstmalig in seiner Es-Dur-Fuge allerdings noch abschnittsweise um, Mendelssohn und Schumann kamen wohl gleichzeitig – darin durchaus auch von Beethoven beeinflusst – auf den Gedanken, dies in eine durchgehende Gestalt zu gießen.

Interpretation aus dem Verständnis von Geschichte und Gegenwart

Das formidable Können von Jens E. Christensen ermessen wohl nur diejenigen, die selbst versucht haben, die Studien op. 56 auf der Orgel überzeugend zu interpretieren. Deren Satz ist nämlich mit seinen tiefen Mittelstimmen und teilweise dicken Begleitakkorden äußerst pianistisch. Hier Transparenz zu schaffen und trotzdem die Melodien mit feinstem Mikro-Timing ins Schwingen zu bekommen, bedarf einer meisterlichen Technik und Musikalität. Die Fugen bedürfen in ihrer kompositorischen Komplexität einerseits der intellektuellen Durchdringung der Fugenkünste (Augmentation, Diminution, Umkehrung, Krebs) – hier ist eine Auseinandersetzung mit Zwölftonkompositionen keinesfalls schädlich. Andererseits bedürfen sie eines langen Atems und einer virtuosen Pedaltechnik.

Christensen erfüllt beide Kriterien in Vollendung und kann dabei durch ein eher barockes, an Froberger-Ricercaren und spanischen Tientos geschultes Artikulieren, das manchen vermeintlichen Legato-Bogen des Originals als Phrasierungsangabe auffasst, seine Erkenntnisse auch verdeutlichen. Die Klangtechnik macht alles richtig. Die Dynamik des sehr farbig – aber dennoch eher barock als romantisch klingenden – Instruments wird hervorragend eingefangen, ohne dass es zu Exzessen käme. Das Booklet ist jedoch eher ein Ärgernis. Was bringt die ausführliche Betrachtung des dänischen Musiklebens um 1820 zu Beginn des Textes für einen Erkenntnisgewinn? Warum findet sich im gesamten Booklet keine Information über die hervorragend klingende Orgel? Hätte man auf die Werbung für Eigenproduktionen der letzten drei Seiten verzichtet, hätte sich wohl noch genügend Platz für Disposition und einige Registrierungen gefunden! Dafür ziehe ich im Gesamteindruck klar einen Punkt ab.

Fazit: Sehr gelungene Einspielung der beiden wichtigen Schumann Opera für die Orgel. Eigentlich bevorzuge ich für die „Studien“ die Trio-Bearbeitung von Theodor Kirchner, muss jedoch zugeben, dass – wenn ein Könner sie spielt – auch die Orgelfassung sehr reizvoll ist. Für die Fugen , die mich hier weit mehr überzeugen als in der Einspielung von Simon Preston auf einem spätromantischen Instrument, empfiehlt es sich, den Notentext mitzulesen und mitzudenken. Abgesehen vom Beiheft allen Interessenten empfohlen.

Thomas Baack [08.09.2021]

Anzeige

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Robert Schumann
1Fuge Nr. 1 über den Namen B-A-C-H B-Dur op. 60 Nr. 1 00:06:46
2Fuge Nr. 2 über den Namen B-A-C-H B-Dur op. 60 Nr. 2 00:06:42
3Studie C-Dur op. 56 Nr. 1 00:02:29
4Studie a-Moll op. 56 Nr. 2 00:06:07
5Studie E-Dur op. 56 Nr. 3 00:03:43
6Fuge Nr. 3 über den Namen B-A-C-H g-Moll op. 60 Nr. 3 00:05:24
7Fuge Nr. 4 über den Namen B-A-C-H B-Dur op. 60 Nr. 4 00:06:49
8Studie As-Dur op. 56 Nr. 4 00:04:53
9Studie op. 56 Nr. 5 00:03:32
10Studie E-Dur op. 56 Nr. 6 00:04:06
11Fuge Nr. 5 über den Namen B-A-C-H F-Dur op. 60 Nr. 5 00:03:23
12Fuge Nr. 6 über den Namen B-A-C-H B-Dur op. 60 Nr. 6 00:09:21

Interpreten der Einspielung

Vorherige ⬌ nächste Rezension

00.00.00
»zur Besprechung«

Das könnte Sie auch interessieren

02.01.2018
»zur Besprechung«

Marin, Axel Borup-Jørgensen / OUR Recordings
Marin, Axel Borup-Jørgensen / OUR Recordings

23.11.2016
»zur Besprechung«

Organ Music, by Axel Borup-Jørgensen / OUR Recordings
Organ Music, by Axel Borup-Jørgensen / OUR Recordings

27.10.2015
»zur Besprechung«

Bachiana, Transformationen von Moscheles • Schumann • Reinecke / SWRmusic
Bachiana, Transformationen von Moscheles • Schumann • Reinecke / SWRmusic

Anzeige

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Anzeige