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CD-Besprechung

Jurgis Karnavičius

String Quartets Nos. 1 & 2

Ondine ODE 1351-2

1 CD • 76min • 2020

08.05.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Der 1884 geborene Jurgis Karnavičius zählt zu den hervorragenden Persönlichkeiten der litauischen Musik im frühen 20. Jahrhundert. Gleichfalls gehört er auch zur Musikgeschichte Russlands, denn als 19-Jähriger hatte er seine Heimat – die bis 1918 zum Russischen Reich gehörte – verlassen und war nach Sankt Petersburg gegangen. Dort studierte er bei Nikolai Rimskij-Korsakow, Anatolij Ljadow, Jāzeps Vītols, Alexander Glasunow und Maximilian Steinberg, und unterrichtete nach Abschluss seiner Studien ab 1913 selbst am Petersburger Konservatorium. 1926 wurde er Vorsitzender der Leningrader Gesellschaft für Zeitgenössische Musik. Erst 1927, nach 24-jähriger Abwesenheit, zog er zurück in das mittlerweile unabhängig gewordene Litauen. In Kaunas, der damaligen Hauptstadt, wirkte er als Konservatoriumsprofessor und spielte Bratsche im Orchester des Staatstheaters. Als er 1941 starb, war Litauen im Zuge des Zweiten Weltkriegs erneut seiner Eigenstaatlichkeit beraubt worden.

Die Opern und Ballette, die Karnavičius während seiner Kaunaser Jahre schrieb, verschafften ihm den Ruf eines bedeutenden Pioniers litauischer Bühnenkomposition. Nicht weniger wichtig ist sein Beitrag zur Kammermusikliteratur. Als einer der ersten Litauer widmete er sich intensiv dem Streichquartettschaffen.

Ein litauischer Streichquartettpionier

Das Vilniuser Streichquartett legt nun die erste Folge einer Gesamtaufnahme der insgesamt vier Streichquartette Karnavičius' vor, auf welcher die Quartette Nr. 1 g-Moll op. 1 und Nr. 2 d-Moll op. 6 zu hören sind. Mit dem Ersten Quartett schloss Karnavičius 1913 seine Studien ab und erhielt für das Werk prompt den Beljajew-Preis. Die erste öffentliche Aufführung im Jahre 1916 konnte er jedoch nicht erleben, da er als russischer Soldat in österreichische Kriegsgefangenschaft geraten war. Sein Zweites Streichquartett entstand 1917 während der Internierung im böhmischen Gefangenenlager Josefstadt.

Die Werke sind in traditionell viersätziger Form geschrieben, wobei in beiden Fällen das Scherzo dem langsamen Satz vorangeht. Ihre niedrigen Opuszahlen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich keineswegs um Kompositionen eines Anfängers handelt. Der Tonsatz verrät einerseits die gute Schule, die der Komponist durchlaufen hat. Zum Andern kann man Karnavičius durchaus als einen geborenen Streichquartettkomponisten bezeichnen, denn offenbar ist ihm Polyphonie ein selbstverständliches Mittel zum Ausdruck seiner Gedanken.

Russische Schule, litauischer Ton

Das Erste Quartett steht deutlich in der folkloristischen Tradition des Mächtigen Häufleins, wobei Karnavičius seine Themen auf Intonationen der Folklore seiner litauischen Heimat aufbaut. Lied und Tanz sind durchweg als Inspirationsquellen spürbar, wobei der vokale Einschlag dadurch verstärkt wird, dass zahlreiche Abschnitte wie instrumental ausgeführte Chormusik anmuten. Das Moll des ersten Satzes ist osteuropäisches Volkslied-Moll; „heroische Kämpfe“ werden in dieser introvertierten, aber leicht beschwingten und beinahe heiteren Musik nicht ausgefochten. Im Gegenzug wirkt das Dur der übrigen Sätze durch Karnavičius' Neigung zu subdominantischen Harmonien und zu linearer Dissonanzbildung häufig von Schatten überzogen. Besonders deutlich wird dies im langsamen Satz, der wohl der bedeutendste des Werkes ist. Das Zweite Quartett baut auf den gleichen stilistischen Grundlagen auf wie das Erste, wobei die folkloristischen Einflüsse etwas in den Hintergrund treten. Die Dissonanzen sind rauer geworden, der Tonfall ernster. Die eröffnenden Takte, deren charakteristische Harmoniefolge im Verlauf des Kopfsatzes häufig wiederkehrt, könnte man sich auch als Teil eines Schostakowitsch-Quartetts denken. Freilich verrät die folgende Musik, dass der Komponist eine Generation älter ist. Westliche Einflüsse und Fin-de-Siècle-Stimmung haben in diesem Werk stärkere Spuren hinterlassen als im Quartett Nr. 1. Als besonders gelungen möchte ich auch hier den langsamen Satz nennen.

Das Vilniuser Streichquartett präsentiert Karnavičius' Werke in sehr soliden, das lyrische und kantable Element betonenden Aufführungen, die recht geeignet sind, der Musik dieses litauischen Quartettmeisters Freunde zu gewinnen.

Norbert Florian Schuck [08.05.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Jurgis Karnavičius
1Streichquartett Nr. 1 op. 1 00:34:46
5Streichquartett Nr. 2 op. 6 00:41:37

Interpreten der Einspielung

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