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CD-Besprechung

Thomas Adès conducts Adès

DG 00289 483 7998

1 CD • 56min • 2019, 2016

03.04.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Die Musik von Thomas Adès (Jahrgang 1971) wurde schon in seinem Heimatland Großbritannien immer kontrovers diskutiert. Das begann mit der berüchtigten Blow-Job-Szene in seiner ersten Oper Powder Her Face (1995), wobei es da freilich weniger um die musikalische Qualität ging, und endet sicher nicht mit seinem neuen Klavierkonzert (2019), ausdrücklich ganz konventionell mit Concerto for Piano and Orchestra betitelt. Von einigen Förderern sozusagen als die neue Hoffnung der englischen Musik in den Himmel gehoben – Sir Simon Rattle dirigierte Adès‘ Asyla bei seinem Antrittskonzert als Chef der Berliner Philharmoniker – gab es auch immer Stimmen, die einen Eklektizismus kritisierten, der unentschieden zwischen allen möglichen Anklängen an die Größen des 20. Jahrhunderts oszilliert. Dabei ist Adès keineswegs nur gefällig und schon gar nicht leicht realisierbar – man braucht nur die rhythmisch absurd komplexe Partitur etwa des Klavierquintetts anzuschauen. Die letzten Opern des Briten – The Tempest (nach Shakespeare) und The Exterminating Angel (2016) – erfuhren allerdings ganz überwiegend Zuspruch.

Inspiration oder geschmäcklerisches Virtuosentum?

Die CD der Deutschen Grammophon beschert dem Hörer die Uraufführung des Klavierkonzerts aus Boston: mit dem Komponisten – selbst ein ausgezeichneter Pianist – am Pult und Kirill Gerstein, der spätestens seit seiner sensationellen Einspielung des Busoni-Konzerts zu den absoluten Supervirtuosen gezählt werden sollte. Bereits nach einem Jahr weltweit gespielt, gerieten hier die Kritiken zumeist überschwänglich; auch der Rezensent war kürzlich von der Live-Aufführung in München zunächst ganz begeistert. Das Stück ist sicher eine gelungene Show, genau wie man sie von einem traditionellen Klavierkonzert erwartet. Zwei brillante Ecksätze mit lebendigen, oft jazzigen Rhythmen und klarer Struktur umschließen einen Mittelsatz, der doch sehr an Bartóks Nachtmusiken an entsprechender Stelle erinnert. Aber tatsächlich sind durchaus Zweifel angebracht: So hält Damian Thompson im Spectator Adès‘ Inspiration für völlig versiegt. Bei genauerer Betrachtung erscheint vieles wirklich nur irgendwie zusammengeklaubt, von Gershwin bis Ligeti; das Publikum mag sich da bitte seine eigene Meinung bilden. Die Darbietung ist tadellos und die Aufnahmetechnik leistet ihr Bestes; nur der Solist ist etwas zu sehr im Vordergrund.

Etwas zu penetrante „Totentanz“-Komposition

Durch einen anonymen Text aus dem 15. Jahrhundert unter einem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Fries in der Lübecker Marienkirche inspiriert, entstand Adès‘ Totentanz, für Mezzosopran, Bariton und Orchester (2013). Es handelt sich um ein memento mori in ebenfalls bester Tradition: die Unausweichlichkeit des Todes, die soziale Stellungen ignorierend. Die einzelnen Abschnitte des Werkes mit überwiegend dunklen Orchesterfarben sind differenziert im Ausdruck, wirken aber in ihrer Eindringlichkeit teilweise zu penetrant, was Adès als Dirigent sogar noch mit dickem Pinselstrich unterstreicht. Das insgesamt zu lang geratene Stück schwächelt vor allem daran, dass die verschiedenen Protagonisten nur von zwei Sängern dargestellt werden – zudem ist Christianne Stotijn hier überzeugender als Mark Stone, der mit seinem Deutsch noch ein wenig radebrecht. Leider müssen beide Solisten streckenweise beinahe brüllen, um übers Orchester zu kommen; der Gesamteindruck des Live-Mitschnitts aus Boston bleibt somit ambivalent. Für eingefleischte Adès-Fans ist diese Veröffentlichung dennoch sicher ein Muss.

Martin Blaumeiser [03.04.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Thomas Adès
1Klavierkonzert 00:21:26
4Totentanz 00:34:33

Interpreten der Einspielung

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