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CD-Besprechung

Weinberg

Symphonies Nos. 2 & 21

Weinberg

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 10.07.19

Klassik Heute
Empfehlung

DG 483 6566

2 CD • 2h 29min • 2018

Die Litauerin Mirga Grazinyte-Tyla, seit 1976 in der Nachfolge von Simon Rattle, Sakari Oramo und Andris Nelsons Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra, hat sich für ihr Debütalbum bei der Deutschen Grammophon ein höchst außergewöhnliches Programm ausgesucht. Dass sie mit Musik des in der Sowjetunion wirkenden polnischen Juden Mieczyslaw Weinberg (1919-96), der in letzter Zeit in einer Breite entdeckt und gewürdigt wird wie kein anderer lange unterschätzter Komponist, überrascht nicht, nachdem sie auf der ECM-Einspielung der vier späten Kammersymphonien mit der Kremerata Baltica bereits die Vierte Kammersymphonie geleitet hatte. Nun also stellt sie auf zwei CDs zwei 45 Jahre auseinanderliegende Symphonien Weinbergs vor: seine Zweite op. 30 von 1945/46 für Streichorchester und seine 1991 vollendete 21., Kaddish betitelt – die letzte, die er komplettieren konnte. In der Streichersymphonie dirigiert sie die Kremerata Baltica, in der Kaddish-Symphonie, die bislang kaum aufgenommen wurde, die vereinten Kräfte des CBSO und der Kremerata, unter Mitwirkung von Gidon Kremer als solistischem Konzertmeister. Nur ganz klein gedruckt ist übrigens erwähnt, dass sie auch die Sopransolo-Abschnitte am Ende des letzteren Werkes singt, und sie tut dies nicht nur glockenklar und mit natürlicher Ausdrucksstärke, sondern auch mit entrückter Schönheit. Auch als Dirigentin zeigt sie sich nicht nur mit klarer Vorstellung und souveräner Beherrschung auch der rhythmisch sehr komplexen, technisch sehr anspruchsvollen Abschnitte insbesondere in der Kaddish-Symphonie, sondern auch als eine Musikerin, die dem Werk mit Demut begegnet und herauszufinden versucht, was die Musik ihr zu sagen hat, und eben weit weniger, was sie uns mit dieser Musik sagen möchte.

In der 35minütigen Zweiten Symphonie agiert die Kremerata Baltica agogisch und dynamisch wach flexibel unter der Dirigentin, mit deren Intentionen das Orchester spürbar vertraut ist. Klarheit, Dichte des Ausdrucks und der Wille zu sinnfälliger Phrasierung sind offenkundige Merkmale, das zentrale Adagio besticht mit dem Mut zu einem wirklich langsamen Tempo, ohne in die Gefahr der Spannungslosigkeit zu geraten. Auch das Wilde, gelegentlich scharf Zugespitzte des Finales kommt mit authentisch erscheinender Schärfe. Im Allegro moderato-Kopfsatz geht manchmal der ganztaktig schwingende Walzer-Charakter unnötigerweise verloren, aber das passiert anderen Dirigenten auch, und auch hier ist die Darbietung als Ganzes durchaus fesselnd und dramatisch beherrscht.

Die fast einstündige Kaddish-Symphonie erachtete Weinberg neben der Oper Die Passagierin, die seine postume Entdeckung einleitete, als sein wichtigstes Werk. Sie ist – aus der Feder eines Künstlers, der zu Beginn des II. Weltkriegs seine Familie in Polen zurückließ und später feststellen musste, dass sie ausgelöscht wurde – „den Opfern des Warschauer Ghettos gewidmet“. In einem großen Satz umfasst sie extrem kontrastierende Episoden, beinhaltet auch eine quasi improvvisando wirkende Klezmer-Episode, zitiert zweimal verhalten auf dem Soloklavier aus dem Beginn von Chopins g-moll-Ballade (wehmütige Hommage an die für immer zurück gelassene Heimat), ist über lange Strecken fast so etwas wie die Reflektion einer trauernden Agonie, ausgehend vom choralhaften Abwärtsgleiten des Beginns, das verschiedentlich wiederkehrt, und plötzlich recken sich vom Terror geschüttelte, schrillste Dissonanzen gegen den Himmel, das Orchester tobt in polymetrischen, polymotivischen und einige Male fast ein wenig polystilistischen Überlagerungen. Dann wieder die Anbetung der Stille. Die Gegensätze sind maximal, und sie werden maximal ausgekostet und zelebriert. So hat diese Musik, auch dank der absolut hochkarätigen Mitwirkenden, erstmals die Chance, sich quasi in ihrer ganzen Größe zu zeigen. Einzig noch mehr Bewusstsein über die Artikulation der harmonischen Spannungs-, Entspannungs- und Richtungsverhältnisse würde ich Frau Grazinyte-Tyla hier noch wünschen, aber dieser Wunsch gilt eigentlich auch für fast jeden ihrer Kollegen. Auch die Klangregie lässt in diesen Aufnahmen eigentlich keine Wünsche offen, und das Booklet ist in seinem spezifischen Informationsreichtum (Text von Verena Mogl) mit Liebe gestaltet. Eine vorbildliche Produktion, die gewiss hilft, den Namen Weinberg mit aller Macht im allgemeinen Bewusstsein zu etablieren.

Christoph Schlüren [10.07.2019]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Weinberg 01:34:21
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 00:54:38
 
483 6566;0002894836566

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