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CD-Besprechung

Ludwig van Beethoven

Missa solemnis

Ludwig van Beethoven

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 7

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 08.05.18

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BIS 2321

1 CD/SACD stereo/surround • 74min • 2017

Als Beethoven 1818 vor der Aufgabe stand, eine Festmesse für die Inthronisation seines Freundes, Schülers und Mäzens, Erzherzog Rudolf, zum Erzbischof von Olmütz zu komponieren, orientierte er sich an der h-Moll Messe von J. S. Bach, die er aus einer Abschrift im Besitz Gottfried van Swietens kannte. Während Bach sich auf die barocken Nebentonarten von D-Dur beschränkte und niemals mit einer Aufführung in liturgischem Rahmen rechnete, schloss Beethoven die von ihm für Widmungen an den Erzherzog bevorzugten B-Dur (opp. 97, 106, 133), G-Dur (opp. 58, 96) und indirekt Es-Dur (opp. 73, 81a) in seine Tonartendisposition ein. Sollte hier eine tiefere Bindung, als bisher angenommen, die Ursache sein? Diese Frage ist insofern von Bedeutung, als sich das Werk gegen eine praktische Verwendung sperrt. Für den Rahmen der katholischen Liturgie ist es zu schwer, mit 70-80 Minuten Dauer zu lang und in Bezug auf die Bläser nach dem Vorbild Cherubinis (doppeltes Holz, Kontrafagott 2 Trp., 4 Hrn., 3 Trb.), zu massiv instrumentiert. Als Konzertstück ist es zu kurz und verwendet im Gegensatz zum handlungsorientierten Oratorium einen rein liturgischen Text, dem eine Unterbrechung durch Canapés und Champagner – womöglich zwischen Credo und Sanctus – kaum taugen kann. Auch aufgrund der Widmung „Von Herzen – möge es zu Herzen gehen“ nehme ich an, dass dieses „Opus Summum“ die Idee eines Kunstbuchs mit der Feier einer Seelenzwillingsschaft verbindet.

Jegliche Aufführung der Missa Solemnis steht und fällt mit dem Chor, da die Anforderungen – speziell an die Soprane – sich jenseits jeglichen vernünftigen Maßes bewegen. Offensichtlich war das Geld, welches Beethoven für den Unterricht in Vokalkomposition bei Antonio Salieri aufwandte, eine Fehlinvestition. Wenn es bereits für ausgebildete Solistinnen schwierig bis unmöglich ist, auf dem zweigestrichenen a, die Vokale „i“ oder „ü“ verständlich zu artikulieren – „Flügel“ (9. Symphonie) und „Himmel“ (Sophie im Rosenkavalier) werden in Sängerkreisen gerne als „Flägel“ und „Hammel“ verjuxt – ist das, was die Damen des Bach Collegium Japan hier abliefern, rekordverdächtig. Das gäbe die volle Punktzahl für den mit 31 Sängern besetzten „Chor“, wenn Maestro Suzuki seinen Virtuosen nicht etliche Aspirierungen hätte durchgehen lassen. Im „In Gloria tua“ ist die Notation Beethovens interessant: Tempo: Allegro man non troppo e ben marcato, Achtelbewegung auf „Gloria“, > -Akzent auf 1. und 3. Achtel: Gewünscht wird glo-o-ho-o aber nicht glohohohoho, wobei die h’s in der Wunschversion durch einen Stoß vom Zwerchfell realisiert werden müssen. So wird es von den Pädagogen des Belcanto-Zeitalters beschrieben und wurde es wohl auch von Salieri unterrichtet. Davon abgesehen ist der Chorklang homogen, die Intonation perfekt.

Ann-Helen Moen und James Gilchrist lösen ihre Aufgaben exzellent. Gilchrist fällt im Agnus etwas heraus, indem er Färbungen wählt, die eher an Bellini gemahnen und dadurch von der oratorischen Haltung der Kollegen abstechen. Roxana Constantinescu leistet sich im „Agnus“ ein paar schlampige Aspirierungen, mischt sich ansonsten aber hervorragend mit den Kollegen. Benjamin Bevan verfügt über eine warm-voluminöse klangvolle Mittellage bei leichter Höhe, muss aber die Volltiefe ab A brustig aufreißen und verfügt auf dem Fis nicht mehr über die sonore Substanz, die diese, für einen Basso cantante gedachte, Partie erfordert.

Ob eine Streicherbesetzung mit 8:8:5:4:3, (Gardiner besetzt: 13:12:9:8:4) überhaupt in der Lage ist, den massiven Bläsersatz mit teilweise brachial und nicht hundertprozentig präzise agierenden Pauken zu balancieren, wage ich zu bezweifeln. Im „Benedictus“ brauche ich nicht unbedingt den Geigenschmelz eines Schneiderhan, aber ich erwarte, dass der Solo-Part – quasi als Vox Angelica – deutlich über dem Vokalquartett schwebt.

Masaaki Suzuki beschert uns insgesamt eine sehr saubere, eher leidenschaftslose Einspielung. Das mag für die vielen im Stile antico komponierten Passagen passen, erscheint mir aber für ein Werk, das letztendlich Inspiration für das „Veni Creator“ in Mahlers 8. Symphonie war, als zu Zen-meisterlich zurückhaltend.

Hinsichtlich von Aufnahmetechnik und Produktion sind zumindest bei 2-Kanal Wiedergabe erhebliche Abstriche zu machen. Offensichtlich wurde das Ganze auf 5+1 mit Stereo-Zweitverwertung abgemischt. Sowohl die PCM Version als auch die 2 kanalige DSD Version unterschlagen die Streicher nahezu komplett. Als Produzent hätte ich mich auch dafür eingesetzt, „Gratias“ und „Grazias“, sowie „Agnus“ und „Angnus“ zu vereinheitlichen. Möglicherweise macht aber die Surround-Version eine diese Beschwerden zunichte.

Wer das „Utopia triumphans et amans“ dieser Messe erleben möchte, greife zum Live-Mitschnitt unter John Eliot Gardiner von 2012 auf SDG.

Thomas Baack [08.05.2018]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 L.v. Beethoven Missa solemnis D-Dur op. 123 für 4 Solostimmen, Orgel, Chor und Orchester 01:14:07

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Ann Helen Moen Sopran
Roxana Constantinescu Mezzosopran
James Gilchrist Tenor
Benjamin Bevan Bariton
Ryo Terakado Violine
Bach Collegium Japan Ensemble
Masaaki Suzuki Dirigent
 
2321;7318599923215

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