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CD-Besprechung

Nils W. Gade

Chamber Works Vol. 2

cpo 777 165-2

1 CD • 58min • 2013

01.08.2016

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Es ist diese Produktion ein hübsches Beispiel dafür, dass man mitunter auch in scheinbar Überflüssigem eine ordentliche Dosis nützlicher Dinge finden kann. Nachdem das Ensemble MidtVest in der ersten Folge seiner Gade-Serie mit dem Klaviersextett op. 44 und dem Klaviertrio op. 42 zwei offiziell publizierte Werke vorgestellt hatte, erschien mir das Programm der vorliegenden zweiten Veröffentlichung anfangs doch recht lückenbüßerisch: Das (ungedruckte) Streichquartett e-Moll aus dem Jahre 1877, dem sich der Komponist noch einmal kurz vor seinem Tod zuwandte, nebst seinem ursprünglichen Kopfsatze und einem ausgeschiedenen Andantino, dazu ein Klaviertrio des 22-Jährigen und ein noch älteres Scherzo für Klavierquartett – hätte man da etwa schon begonnen, in den Hinterlassenschaften des Landsmannes herumzustöbern und auszuforschen, was sich an Fragmentarisch-Unfertigem würde versilbern lassen?

Ich gebe gern zu, daß der Anfangsverdacht völlig unbegründet war und selbst die Integration der beiden verworfenen, deswegen aber keineswegs verwerflichen Streichquartettsätze einen konzeptionellen Sinn erfüllten – da sie uns deutlich die Verbesserung vor Ohren führen, die Gade mit der Revision des späten Werkes gelungen war: Das Andantino, dass den zweiten (von insgesamt fünf) Sätzen hätte abgeben sollen, ist ein hübsches, fürs Ganze aber entbehrliches Stück; und das letztgültige Allegro, das seinerseits aus dem Quartett op. 63 herübergerettet wurde, erweist sich gegenüber dem älteren Allegro non troppo definitiv als die stärkere Leistung, die dazu angetan ist, ein Interesse zu wecken, das bis zum Schluß erhalten bleibt. Hier wären die Musiker freilich bei der Aufnahme mit einer etwas räumlicheren Einfassung noch besser zur Geltung gekommen, und womöglich hätte sich so im Scherzo auch eine wirklich elfengleiche Elastizität von selbst eingestellt ...

Die beiden nachfolgenden Kreationen aus der Jugendzeit sind, allein schon durch die Anwesenheit des Klavieres, klanglich um genau jenes Quentchen fülliger geraten und haben mich weit mehr überrascht als das irgendwo zwischen Schumann, Mendelssohn und frühem Brahms lebende Quartett. Das Scherzo cis-Moll für Klavierquartett, nach Auskunft des Begleittextes einer der frühesten kammermusikalischen Versuche des damals 19-jährigen Gade, hat etwas von der vergnüglichen Grillenhaftigkeit des typischen Jungromantikers, der versucht, die Begleitmusik zu einer gespenstischen Hoffmann-Szene zu schreiben – und das ohne Rücksicht auf polierte Oberflächen oder schulmäßige Stimmführungen. Ähnliches gilt von dem drei Jahre später in Angriff genommenen B-Dur-Trio, dessen Kopfsatz, wie wir erfahren, von allen fragmentarischen Teilen am weitesten gediehen war und durch zwanzig geschmackvoll eingerichtete Klaviertakte spielbar gemacht werden konnte. Beeindruckend, wie sich hier die Jugendkraft alle Zeit der Welt nimmt, um eine gerade betörende Introduktion zu “schöpfen” und mit einem Allegro con fuoco zu verknüpfen, das das Epitethon angesichts seiner emotionalen Schwankungen unbedingt verdient, ohne aber etwa mit dauerndem “getös und lerm” auf der Nervenharfe zu spielen: Völlig entwaffnend sind vor allem die filigranen Figurationen des Klaviers, woraus eine Grundkenntnis des Beethovenschen Opus 73 spricht, sowie das volksliedhaft-schlichte Nebenthema, dem selbst böswillige Köpfe nichts werden entgegenzusetzen haben.

Der Poesie der Komposition entspricht die Poesie der Einspielung in allen Belangen derart suggestiv, dass einem schon vor der Lektüre der nützlichen Gebrauchsanweisung die “tondichterischen” Aspekte des Stückes aufgehen: Das erzromantische Programm, das dem jungen Gade hier vorschwebte, ist eines vom liebentbrannten Herzen des Helden, der endlich in die Ferne zieht – und wenn der Vorhang gefallen ist, vermutlich noch immer sein schmachtend’ Liedlein pfeift.

Als erfreuliche Überraschung sei schließlich die Biographie des dänischen Ensembles MidtVest angeführt: Endlich mal eine Truppe, die trotz ihres bald 15-jährigen Bestehens sich NICHT an die Spitze irgendwelcher internationaler Tonkünstler-Brigaden und durch seine allgegenwärtige Präsenz auch NICHT zu einem der führendsten Repräsentanten der Kammermusik hinaufkatapultiert hat. Anstatt sich in diesem elenden Gedränge zu tummeln, liefern die Künstler ganz einfach vorzügliche Interpretationen.

Rasmus van Rijn [01.08.2016]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Niels Wilhelm Gade
1String Quartet e minor 00:31:37
7Trio B-Dur für Violine, Violoncello und Klavier (1. Satz) – Adagio - Allegro con fuoco 00:13:54
8Scherzo cis-Moll für Klavierquartett 00:09:30

Interpreten der Einspielung

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