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CD-Besprechung

The Sound of the 20s

The Sound of the 20s

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 14.08.15

Ars Produktion ARS 38 179

1 CD/SACD stereo/surround • 79min • 2015

Mit dem eröffnenden „ Agitato“ der a-Moll-Violinsonate von Ernest Bloch springen Stefan Tarara und seine Partnerin Lora Vakova-Tarara gleichsam mit Verve in ein Duo-Programm von hoher literarischer Wertigkeit. Die in der jeweiligen Gesamtanlage schlüsssig wirkenden, dabei in der Tongebung und im Bereich der Detailpräzisierung ebenso elastisch wie unmissverständlich angelegten Wiedergaben stehen meiner Ansicht nach in einer imaginären Rangliste von neueren, aber auch älteren Violine/Klavier-Einspielungen ganz oben. Gestützt auf eine räumlich, farblich und dynamisch aufmerksame Aufnahmeregie, können die beiden Interpreten all ihre instrumentale Wendigkeit im Alleingang, vor allem aber ihr aufmerksames Aufeinanderzugehen und Aufeinanderhören, das heißt: ihre kammermusikalische Vorzüge ausspielen.

Der eingangs erwähnte Kopfsatz der Bloch-Sonate aus dem Jahr 1920 gewinnt unter diesen Umständen an Profil, an Laune und Kontrast. Dass es sich hier um ein bedeutendes Werk handelt, wird dem Hörer spätestens im Verlauf des „Molto quieto“ zu haltenden zweiten Satzes bewusst. Wenn nämlich der musikalische Plan den Geiger in melodisch gewissermaßen unbekannte, entfernte Zonen führt, während die Pianistin im Unter- und im Hintergrund mit vibrierenden, oszillierenden Figuren für Belebung, aber auch für Vieldeutigkeit sorgt.

Beste Voraussetzungen also für Ravels sieben Jahre später entstandene Violinsonate, deren in manchen Passagen kindlich timbriertes, leicht dissonant getupftes „Allegretto“ klar und luftig serviert wird. Die vom Jazz inspirierten Verschleifungen im Violinpart behandelt Stefan Tarara mit äußerster Diskretion, durchaus passend zu den mit großer Vorsicht an- und eingepassten Klaviermodulationen. Vielleicht befinden sich hier die beiden Instrumentalisten weniger auf amerikanischen Musikboden als schon in Richtung jenes spanischen Hochplateaus, von dem im folgenden Duo des belgischen Komponisten Jacques-Alphonse de Zeegant (Jg.1955) die „Rede“ ist. Manches in der melodischen Erfindung und in der klavieristischen Wegbegleitung erinnert mich an die Musik von Ernest Bloch. Auf jeden Fall gibt sich de Zeegant als ein Stilist zu erkennen, der – von allen avantgardistischen Strömungen und Schulen des 20. Jahrhunderts unbeeindruckt – seinen Eingebungen und Bildvorstellungen nachgibt und damit als Konservativer mitten im modernen Leben steht.

In letzter Zeit ist erfreulich Bewegung in die Enescu-Interpretation gekommen. Die hier eingespielte Dritte Violinsonate liegt in einigen Versionen vor. Sie ist ein bevorzugtes Thema jener Geigerinnen und Geiger, die sich generell mit Musik befassen, die unter dem Eindruck von volksmusikalischen Vorlagen und Impulsen komponiert worden sind (Bartók, Kodály!). Was hat man sich unter dem „Charakter rumänischer Volksmusik“ vorzustellen? Ohne in musikethnologische Diskussionsabgründe hinab zu steigen, scheint es doch von Nutzen – zumal der Begleittext leider recht pauschal bleibt –, den Hörern im „Melancholischen Moderato“ des ersten Satzes ungarisch-rumänische Folklore anzukündigen. Übermäßige Sekunden, daktylische Rhythmen und chromatisch gleitende Leidensbekundungen erinnern an den Trauergesang rumänischer Landleute.

Im zweiten Satz „Andante sostenuto e misterioso“ begibt sich Enescu auf die Suche nach den verborgenen, geheimnisvollen Seiten der rumänischen Volksseele. Am Beginn überrascht per Flageolett eine weit gespannte Choralmelodie, es folgen ungewöhnliche Klangabmischungen, ehe der Geiger im dynamisch vorerst sanften Schlussteil den Dämpfer aufsetzen muss. Im Anschluss daran nimmt das Geschehen mit einem markanten Tremolo noch einmal Fahrt auf. Diesem „Lento pensieroso“ – gewissermaßen „von gelassener Nachdenklichkeit“ – dürfte Enescu Bedeutung beigemessen haben, zumal die satzinterne Vortragsanweisung den fühlenden Blick der Ausführenden in die Vergangenheit lenkt: „Estatico legatissimo tranquillo poco vibrato, nostalgico“!

Im Finale herrscht Tanzstimmung. „Allegro con brio“ von den beiden Instrumentalisten erwünscht, sorgen Tanzrhythmen rustikalen Charakters für typisch ländlich-slawische „Nach der Arbeit“-Atmosphäre. Aber auch an eine dörfliche Festlichkeit könnte Enescu gedacht haben, massive Akkordkompressionen lassen an Ausgelassenheit bis hin zu Raufereien denken.

Der aus Heidelberg stammende, vielfach ausgezeichnete Stefan Tarara (Jg. 1986) und die bulgarische Pianistin Lora-Evelin Vakova-Tarara leisten alles, was zur Hervorhebung und zur Einbindung der beschriebenen Details und Vorgänge nötig ist. Darüber hinaus gelingt es ihnen, alle Einsamkeit, alle Freudigkeit und allen Schmerz dieser in betörende Musik getauchte „Szenen“ abzubilden und bis in ihre leisesten Verästelungen auszuforschen.

Vergleichsaufnahmen: Enescu: Flammer – Pennetier ( Thésis THC 82017), Y. und H. Menuhin (EMI 5 65964 2), Stern – Zakin (Sony SK 64532), Korcia – Pludermacher (RCA 690862), Kavakos – Nagy (ECM 476053-2), Haendel – Ashkenazy (Decca 455488-2), Doll – Marton (Arco Diva UP 0083-2131), Remus – Eduard (Hänssler 98.240), Stark– Pescia (Claves 50-2811), Breuninger – Duis (Telos music records TLS 062)

Peter Cossé [14.08.2015]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 E. Bloch Sonate Nr. 1 a-Moll für Violine und Klavier 00:29:47
4 M. Ravel Sonate Nr. 2 G-Dur op. 7 für Violine und Klavier 00:16:58
7 J.-A. de Zeegant Duo für Violine und Klavier (Souvenirs d'Espagne) 00:03:51
8 G. Enescu Sonate Nr. 3 a-Moll op. 25 für Violine und Klavier (Dans le caractère populaire roumain) 00:27:33

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Stefan Tarara Violine
Lora Vakova-Tarara Klavier
 
ARS 38 179;4260052381793

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