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CD-Besprechung

Horn 6

Horn 6

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 17.03.15

Ars Produktion ARS 38 531

1 CD • 62min • [P] 2014

An innovativen Wendepunkten ist die Geschichte der Musik und ihrer Instrumente nicht arm – einer von ihnen lässt sich Ende des 17. Jahrhunderts ausmachen: Hörner waren bis dahin vor allem Signalinstrumente der Jäger – auch der Türmer hoch oben über den Dächern der Stadt. Doch dann zog das Instrument mit seinem weittragenden Klang in die Kunstmusik ein. Heute gehören Hörner zur Grundsubstanz eines jeden Orchesterapparats. Solistisch haftet dem Hornklang durchaus etwas naturverbundenes an – um den Hörer nachhaltig aus der lärmenden, technisierten Alltagswelt heraus zu tragen.

Reich gefüllt ist die ganze Trickkiste an virtuosen und dynamischen Möglichkeiten für den Spieler. Dies demonstriert Joachim Bänsch auf seiner neuen CD „Horn6“ für solistisches Horn bzw. bis zu sechsstimiges Hornensemble. Zur Seite stehen ihm, siehe Bookletfoto: Joachim Bänsch, Joachim Bänsch – und immer wieder Joachim Bänsch! Richtig – dieser Spieler verkörpert sein eigenes bis zu sechsstimmiges Ensemble. Hier spielt ein Meister auf dem Instrument alle Stimmen selbst. Overdub macht's möglich. Dass heißt aber keineswegs, dass es sich hier ein Künstler einfach macht. Zwei Wochen zog er sich in die Einsamkeit einer kleinen südfranzösischen Kirche zurück, welche die idealen akustischen Voraussetzungen für sein Vorhaben bot. Das ganze wurde zur Geduldsprobe mit oft nur minimaler Tagesausbeute: „ Man schafft lediglich zwei bis drei Minuten pro Tag, da es sehr kompliziert ist, die verschiedenen Stimmen genau aufeinander einzuspielen.“ Jeder, der schon mal mit einem nicht leibhaftigen Musiker, sondern mit einer Zuspielstimme musizierte, weiß, auf welche Herausfordernung sich Joachim Bänsch einließ.

Den eindrücklichen Höhepunkt präsentiert diese CD gleich zu Anfang, nämlich das große Sextett von Louis François Dauprat (1781-1868). Dieser Protagonist eines galanten Stils französischer Coleur war selber von diesem Instrument besessen. Er erforschte neue Ausdrucksregister und Klangfacetten, reizte die virtuosen Möglichkeiten bis ins damals kaum Vorstellbare aus. Genau das richtige also für den technisch und interpretatorisch mit allen Wassern gewaschenen Joachim Bänsch: Da sind weite kantable Bögen farbenreich auszumalen, wecken extrem rasant zu artikulierende Passagen eine regelrecht sportliche Faszination. Quirlinge Klangrede umweht den Hörer wie ein frischer Frühlingswind. Kraft entfaltet sich in den überaus vitalen sforzati. Dynamische Fanfarenstöße leuchten auf, nicht selten in gleißender Flächigkeit. Bänschs Tongebung ist in solchen Momenten von kühner Modernität und weniger von historisierender Vorsicht durchdrungen. Federleicht und elastisch muten Echo-Effekte und Stakkato-Tonrepetitionen an – ja, es geht viel auf diesem Instrument, was einst nur ein Signalgerät war. Und vermutlich ist die heutige differenzierte Präzision, mit der Bänsch in sechsfacher Vervielfältigung die weitgespannten Sätze durchdringt, meilenweit den Interpretationen von einst voraus. So konnte man auf alten Instrumenten definitiv nicht spielen! Und so analytisch wie durch Bänsches Overdub-Verfahren die Komplexität der sechs Stimmen auch nicht durchdringen...

Danach haben Bänschs fünf geklonte „Kollegen“ erstmal Pause, wenn sich alles aufs Soloinstrument fokussiert. Intim und in meditativ ruhigem Fluss durchmisst Bänsch – nun ganz allein ein präludierendes Akkordgewoge in Carl Philipp Emanuel Bachs Sonate a-Moll Wq 132. Eine Hommage an denen eigenen Lehrer und Mentor lässt er dann folgen: Michael Höltzel fantasierte über eine Romanze aus Mozarts Hornkonzert KV 447. Dann „verdoppelt“ sich Joachim Bänschs Hornspiel wieder zu einer trickreichen Passacaglia und Fuge, ebenfalls aus der Feder von Michael Höltzel.

Ob der letzte Programmpunkt auf dieser CD eine wirklich glückliche Wahl ist, muss diskutiert werden und dürfte die Hörer dieser insgesamt höchst bemerkenswerten Produktion etwas polarisieren: Bachs Choral aus der Kantate Nr 147 ist ohnehin schon als eines der am meisten strapazierten Kirchenlieder „totmusiziert“ worden. Dieser Eindruck wird durch die hier vorhandene Interpretation keineswegs relativiert, sondern eher noch verstärkt: Die etwas aufdringlich anmutende Orgel steht im Zentrum für einen vierstimmigen „Chorgesang“ – die Assoziation von schleppendem Kirchenlied-Gesang einer Gemeinde ist hier nicht fern.

Stefan Pieper [17.03.2015]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 L.F. Dauprat Grand Sextuor C-Dur op. 10 00:33:43
7 C.Ph.E. Bach Sonate a-Moll Wq 132 für Flöte solo 00:14:45
10 M. Höltzel Fantasia über die Romanze aus dem Hornkonzert KV 477 von W.A. Mozart 00:04:13
11 Passacaglia und Fuge 00:05:11
12 J.S. Bach Jesus bleibet meine Freude BWV 147 (für 4 Hörner und Orgel) 00:03:33

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Joachim Bänsch Horn
Dietrich Schlender Orgel
 
ARS 38 531;4260052385319

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