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CD-Besprechung

Decca 478 7697

1 CD • 85min • 2014

09.12.2014

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Die Allmacht des weltweiten Internets verändert längst auch die Mechanismen des klassischen Musikbetriebs. Ob etwa der gebürtigen Ukrainerin Valentina Lisitsa der internationale Durchbruch ohne ihre eigene virale Initiative, nämlich ihre beständigen Aktivitäten auf einem eigenen „Youtube“-Kanal, geglückt wäre, zumindest so verhältnismäßig zügig, ist wenigstens unsicher. So gehört die 1973 geborene Pianistin zu denjenigen Musikern, deren Karriere nicht von wenigen Entdeckern befördert, sondern von einer breiten Masse von Anhängern getragen wurde und wird. Mit ihren konventionellen eigenen Produktionen, die Lisitsa in den Mittelpunkt stellen, springt die Plattenfirma Decca also noch schnell auf einen Zug auf, der ohne ihr Zutun längst losgefahren ist, versäumt es aber nicht, die Umstände dieses neuen Typus´ der pianistischen Laufbahn im ansonsten wenig informativen Beiheft auszuwalzen.

Das jüngste Album Lisitsas, „Etudes“, ist mit 85 Minuten Spielzeit nicht nur randvoll, sondern – besonders gegen ein Youtube-Video gehalten – sogar betont konventionell aufgemacht. Es versammelt in einer sehr sinnvollen Zusammenstellung die großen romantischen Etüdenzyklen Schumanns und Chopins, wobei auch die posthumen Etüden Schumanns berücksichtigt werden, Chopins im Nachlaß vorgehaltene Stücke jedoch fehlen. Das durchaus ansprechende Spiel Lisitsas, das viele bislang über Computerlautsprecher hörten, wird also nun in die typische Klangästhetik der modernen Decca getaucht, die hier sehr edel, gedeckt und ein wenig plüschig geraten ist. Damit paßt zwar die Aufnahmetechnik zu Lisitsas betont sinnlichen Interpretationen, verstärkt aber deren Weichzeichnungstendenzen, anstatt ihnen entgegenzuwirken.

Lisitsas erstes Augenmerk gilt der Klangmacht des Konzertflügels, der generell beachtliches Volumen ausbildet und selbst in den pianistischen Stürmen der Etüden Chopins noch weich gerandet erscheint. Zwar kann Lisitsa ordentlichen Wirbel entfachen. Trotz der monumentalen Ausbreitung des Klangs, zu der auch eine starke linke Hand beiträgt, ist der Klang jedoch immer kontrolliert, energisch zusammengefaßt, so dass auch das üppige Spiel immer ein Zentrum hat. So ergibt sich etwa in der 11. Etüde a-Moll des 2. Bandes, natürlich auch in der berühmten Revolutionsetüde c-µoll am Schluß des 1. Bandes, eine reizvolle Gleichzeitigkeit von fast aufschreiender Dramatik in mäßigender Einkleidung durch den Anschlag.

Während einzelne Etüden, etwa die 3. F-Dur des 2. Bandes, kernig definiert werden, wirkt Lisitsas Pedalgebrauch in einzelnen Nummern, etwa der populären liedhaften 3. Etüde E-Dur aus der 1. Sammlung, zu stark; das könnte man sich distinkter vorstellen. Besonders deutlich wird das gegenüber den klassischen Aufnahme der Etüden Chopins Maurizio Pollinis aus den 1970er Jahren (Deutsche Grammophon), in welcher der Italiener mit seinem trockenen, bisweilen gemeißelten Anschlag ungleich höhere Transparenz erzielte; dies brachte stets ein Mehr an Prägnanz mit sich, wo Lisitsa eher musikantisch agiert – mit allen Vor- und Nachteilen. Die Symphonischen Etüden Schumanns bieten einen wunderbaren, kontrastreichen zweiten Teil dieser Kompilation; zwar sind einzelne Abschnitte in anderen Interpretationen bildhafter gelungen, etwa die 4. Etüde, die den Humor vermissen läßt, den etwa Tzimon Barto hier in seiner EMI-Aufnahme aus den späten 1980er Jahren entdeckt hatte; Lisitsa agiert momentweise schlicht ein wenig zu schwerfällig. Das schadet jedoch im Ganzen nicht dem veritabel symphonischen Zug, den Lisitsa bis zum sehr vivace durchstürmten Finale entfacht.

Wenngleich Valentina Lisitsa also ihre Anschlagspalette durchaus noch erweitern kann und für die nächste Einspielung auf eine etwas prägnantere Akustik pochen sollte, bleibt festzuhalten, dass hier das Internet einmal eine Pianistin von echter Substanz bekannt gemacht hat.

Dr. Michael B. Weiß [09.12.2014]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Frédéric Chopin
1Etüden op. 10 00:28:29
13Etüden op. 25 00:31:13
Robert Schumann
25Sinfonische Etüden op. 13 00:25:31

Interpreten der Einspielung

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