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CD-Besprechung

Carl Philipp Emanuel Bach
The Complete Works for Piano Solo

Carl Philipp Emanuel Bach<br />The Complete Works for Piano Solo

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 04.08.14

hänssler CLASSIC 98.003

26 CD • 33h 45min • [P] 2014

Vor beängstigend umfangreichen Editionen, die nur von einem einzelnen Interpreten gestaltet werden, möchte man gerne die Musikfreunde warnen. Schon so genannte Gesamtaufnahmen mit bekannten, fast schon populären Werken wie die 32 Klaviersonaten Beethovens zeigen, dass sie oft einem publizistischen Ehrgeiz entsprechen – jenem des Interpreten und jenem des Herausgebers. Vor allem solche Editionen, die gleichsam am Stück produziert werden – also nicht das Ergebnis einer jahrelangen Beschäftigung mit sporadischen Veröffentlichungen sind –, diese Einspielungen wirken nicht nur routiniert und oberflächlich, meist sie sind es auch! Ich denke da an Gesamtaufnahmen von Haydns Klaviersonaten und des Beethovenschen Klavierschaffens mit Rudolf Buchbinder (Telefunken, später Teldec), an großangelegte Haydn-Serien mit Walter Olbertz (Eurodisc 300 067-460) und Ekaterina Derzhavina (Hänssler PH 12037). Alfred Brendels Wirken hat gezeigt, dass es sich nicht nur kommerziell, sondern auch künstlerisch auszahlt, etwa Beethoven- oder Mozart-Sonaten gleichsam einem imaginären Tournee- und Lebensplan entsprechend in abwechselnder Zusammenstellung nach und nach herauszugeben. So kann man aufschlussreich verfolgen, wie seine frühe Beethoven-Darstellungen für das Label Vox pianistisch zwar tadellos sind, aber den späteren Philips-Produktionen im Bereich von Emotion und pianistisch verfügtem Intellekt unterlegen sind.

Das Thema ist aktuell, denn ein Projekt bietet den Klavierenthusiasten in jeder Hinsicht Anschauungsunterricht zum editorischen Thema im Allgemeinen und zur gestalterischen Ausformung eines Vorhabens im Speziellen. Hier handelt es sich um die erste Gesamtaufnahme der Solo-Klavierwerke von Carl Philipp Emanuel Bach mit der kroatischen Pianistin Ana-Marija Markovina, die vom Label Hänssler herausgegeben wurde.

Vor der immensen Gesamtleistung der u. a. von Vitaly Margulis, Anatol Ugorski und Rolf-Dieter Arens in ihrem künstlerischen Lebensweg geförderten Pianistin ziehe ich alle nur verfügbaren Hüte. Sie kümmert sich auf Grundlage einer nicht nur soliden, sondern auch im satztechnischen Ernstfall belastbaren Technik, die es ihr offensichtlich ermöglicht, auf die unterschiedlichsten Problemstellungen werkstilistischer und werkemotionaler zu reagieren. Anders gesagt und zugleich lobend hervorgehoben: es wird (und wurde mir) in diesen langen Stunden mit der Musik Carl Philipp Emanuels niemals langweilig. Stets versucht Markovina unter dem gewaltigen Materialdruck die gestaltende Oberhand zu behalten. Das heißt; die Sonaten, Fantasien, Rondos, Variationsreihen und als besonderer Repertoirebereicherung auch die Soloarrangements einiger Klavierkonzerte und Sinfonien wirken aufmerksam gelesen. Und dies im Allgemeinen auch dann, wenn ein Stück von „sonderbarer“ Eigenart die Interpretin zu vermehrter Hingabe und heftigerem expressiven Pegelausschlag zwingt.

Dass im Zuge einer solchen Mammutarbeit die eine oder andere Kostbarkeit nicht ganz in ihrem musikalischen Wert erkannt oder ganz einfach übersehen und überhört werden kann, zeigen meiner Ansicht nach zwei Stücke, die neben den sechs Württembergischen Sonaten für die insgesamt wenigen C. P. E. Bach-Bekenner von stärkerem Interesse zu sein scheinen. Im Fall des einen handelt es sich um den dritten Satz aus der Sonate in h-Moll (Wq 55,3) aus dem Jahr 1774. Ein „Cantabile“ von elegischer, nachdenklicher Melodik, fein liniert, einprägsam in der thematischen Erfindung – kurzum: eine kleine Kostbarkeit mit hohem Zugabenpotenzial für Pianisten auf Repertoiresuche. Mir ist dieses Stück zum ersten Mal im Rahmen einer frühern Cziffra-Einspielung mit Werken von Scarlatti, Lully, Couperin, Hummel, Krebs, Mozart (KV 310) und Beethoven (Polonaise op. 89!) begegnet. Ruhig, ohne Aufhebens sinnlich und sinnierend, schickte er die unschuldig wirkende Kleinigkeit auf die kantable Reise. Und auch sein junger Kollege Christopher Hinterhuber, der – wie er mir versicherte – diesen Satz durch die Cziffra-Aufnahme kennenlernte, verfolgt in seiner Naxos-Darbietung eine solche Dramaturgie. Ana-Marija Markovina nun hetzt, hechelt ohne jeden melodischen Schmelz durch dieses ohne Zweifel als Andante geplantes „Cantabile“, dazu noch etwas holprig in der Diktion – ein sonderbarer Fall von Fehleinschätzung einer thematisch und vom Ausdruck her ganz eindeutigen Vorlage.

Im musikalischen Um- und Wendekreis der bedeutenden, geradezu zukunftsweisenden Fantasie in fis-Moll (Wq 67 bzw. H 300) geht es zum Glück nur um Nuancen. Das zerfurchte, unwirtliche musikalische Gelände dieser für die damalige Zeit sicher erschreckend subjektiven „Einzelsitzung“ durchquert und beleuchtet Markovia mit markanten Akzenten und Zäsuren. Sie zeigt aber auch Sinn für die kleinen Ermüdungen und Erholungen auf der womöglich von Bach wie selbstanalytisch entworfenen „Empfindungsreise“. Die immerhin fast 13 Minuten in Anspruch nehmende Fallstudie erhält somit in ihren Umrissen und in ihren psychologischen Bebungen überzeugend Gestalt. Um eine Spur energischer, auch aggressiver in der Werkinszenierung verhalten sich allerdings Interpreten wie Alexei Lubimov oder jüngst auch die deutsche Pianistin Danae Dörken.

Diese Hinweise sollen und können den Wert dieses ungemein sorgfältig edierten und ausführlich kommentierten Hänssler-Schwergewichts nicht schmälern. Allein die Tatsache, dass man sich nun endlich im editorischen Gewirr der Werke zurecht finden und damit auch die bisher meist nachlässig platzierten Stücke einordnen kann, wird jedem Musikfreund, vor allem aber den fachlich mit Musik befassten Hörern willkommen sein.

Württembergische Sonaten Nr. 1 – 6: Glenn Gould (CBS LP 76983 bzw. Sony S2K 60686), van Asperen (Telefunken LP 6.35378 EK),; Cantabile/Andante h-Moll aus der Sonate h-Moll Wq. 55/3 (H. 245): Cziffra (EMI CZS 7 673662 bzw. Trianon /Pathé Marconi LP TRX 6137 oder Supraphon LPV 364/VM957) Hinterhuber (Naxos 8.557450) Fantasie fis-Moll H 300 (Wq 67) „C.Ph.E.Bachs Empfindungen“: Dörken (Ars Produktion 38150), Lubimov (ECM 461812-2), Tsuruta (Naxos 8.551235), Staier (Deutsche Harmonia Mundi RD 77025), Fuller (Gramola 98915); Preußische Sonaten Nr. 1 – 6: van Asperen (Telefunken LP 6.35460 EK); Achtzehn Probestücke in sechs Sonaten Wq 63/H70 -75 zum „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“: Thalheim (Capriccio 10 107); 12 Variationes auf die Folie d’Espagne d-Moll Wq 118,9: Staier (Deutsche Harmonia Mundi RD 77025), Döling (MDG LP G 1100): Ausgewählte Werke, Sammeleinspielungen: Pletnev (DG 459 614-2), Tsuruta (Naxos 8.551235), Spányi (BIS CS 1424, BIS CD-1819, BIS CD 1493), Staier (Deutsche Harmonia Mundi RD 77025), Hinterhuber (Naxos 8.557450), Fuller (Gramola 98915), Hinterhuber (Naxos 8.557450), Spiri (Orfeo C 639061 A), Garvey (Elan 2214), Bohnke (aurophon LP AU-11217), Black (EMI LP 067 16 9598 1), Gilels (Melodia /Eurodisc LP 80291 XK), Tilney (Archiv Produktion LP 2533 326), Haebler ( Philips LP 6500 120), Junghanns ( Telefunken LP 6.42073 AP), Samuel (1.1932 Koch Legacy 3-7137-2 K2), Kalamkarian LP Columbia 80826, Rémy (MDG LP G 1153), Ney (Colosseum LP SM 508), Horszowski (Pearl GEMM CDS 9979), Aust-Joan (soundstarton SST 31140),

Peter Cossé [04.08.2014]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 C.Ph.E. Bach Preußische Sonaten Wq 48
20 Clavierstücke verschiedener Art Wq 112
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Württembergische Sonaten Wq 49
CD 3
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Sonaten mit veränderten Reprisen Wq 50-52
CD 4
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
25 Kurze und leichte Clavierstücke Wq 113
CD 5
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
19 Kurze und leichte Clavierstücke Wq 114
CD 6
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Sechs leichte Clavier-Sonaten Wq 53
19 Sammlung von Menuetten, Polonaisen und anderen Handstücken fürs Clavier Wq 116
CD 7
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Six Sonates pour le clavecin à l'usage des Dames Wq 54
24 Sammlung von Solfeggios, Fantasien und charakteristische Stücke fürs Clavier Wq 117
CD 8
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Clavier-Sonaten für Kenner und Liebhaber (Sammlungen 1-6 Wq 55-59, 61)
CD 9
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
22 Sammlung verschiedener Clavierstücke mit Variationen Wq 118
CD 14
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Clavier-Concerte H 242 Wq 43,1-6 (Fassungen für Clavier solo)
CD 15
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Symphonien für Orchester Wq 22 (Fassungenfür Clavier solo)
CD 16
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Clavier-Sonaten Wq 62 (in verschiedenen Sammlungen einzeln gedruckt)
CD 19
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Sechs Sonaten nebst sechs neuen Sonatinen Wq 63
CD 20
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
11 Sechs Sonatinen für Clavier Wq 64
23 Vollständige Sammlung aller ungedruckten Claviersonaten Wq 65

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Ana-Marija Markovina Klavier
 
98.003;4010276025665

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