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CD-Besprechung

Debussy Claude: Reflêts dans l'eau (aus: Images I) – Andantino molto

Denon 1 CD Hortus 113

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 07.07.14

Denon Hortus 113

1 CD • 71min • 2012

Von den Interpretationen der japanischen Pianistin Mitsuko Uchida abgesehen, sind mir keine herausragenden Wiedergaben französischer Literatur im Gedächtnis, die von Interpreten gleicher Herkunft verantwortet wurden. Eigentlich ein überraschender Umstand, wenn man sich das japanische Feingefühl für zarte, wohlgeordnete Linien und geradezu durchsichtig nuancierte Farbwirkungen in Erinnerung ruft. Auch die kunstvoll-zeitlosen Gebilde der Porzellanmanufaktur in der Kakemion-Tradition könnten in Einklang mit ihren geschmeidigen Bebilderungen für einen japanischen Interpreten eine Einstiegshilfe sein. Präziser: eine solche, seit Jahrhunderten bewahrte Kunst hätte als ein Moment der skulpturell-musikalischen Assoziation in Richtung etwa der Images, der Estampes oder der 24 Préludes mitentscheidende Bedeutung. Auch die japanische Gartenkunst und die Integration des Wassers in diese alchemistische Philosophie des Sichtbaren wären durchaus als Brücke des Verständnisses zu deuten, wenn es um die vielen Nuancen ruhender und mobiler Wässerigkeit in den Kompositionen Debussys geht.

An diesem Punkt musikalisch überhöhter Naturgegebenheiten knüpft der 32jährige, aus Tokyo stammende Kotaro Fukuma an, wenn er seine Werkzusammenstellung unter das Motto „Reflets dans l’eau“ stellt, dem Eröffnungsstück aus der ersten Serie der Images. Natürlich können nicht alle Nummern dieser Zusammenstellung unter der Prämisse „flüssig“ bestätigt werden. Aber diesem speziellen Aggregatzustand vermag ein aufmerksamer Spieler unter verschiedensten satztechnischen Umständen gleichsam hörend nach zu spüren. So enthält die erste der beiden „ Arabesques“ ein gehöriges Potential an heller, durchsichtiger Feuchtigkeit. Und auch jenen Blättern, die in den Images II den Klang der Glocken durch das Ästegewirr hindurchklingen lassen, mag man eine Portion tropischer Regenschwere andichten.

Kotaro Fukuma – mir mit Schumann- und Takemitsu-Aufnahmen für das Label Naxos in guter Erinnerung – besitzt nicht nur das rein pianistisch-technische Zeug für all die feinmechanischen Schwierigkeiten, die den Bildertexten der Musik Debussys mitgegeben sind. Der in Paris bei Bruno Rigutto und Marie-Francoise Bucquet ausgebildete Pianist nutzt diese Fähigkeiten, möglichst vielen den Partituren innewohnenden Nuancen, ihren Verbindungen untereinander und ihren motivischen und gedanklichen Gegenüberstellungen nachzuhorchen, ihnen zumindest auf der ideellen und materialen Fährte zu bleiben. Diesem japanischen Interpeten, dem Aldo Ciccolini am 5. April 2012 in Asnières das Verdienst „einer wunderbaren Karriere“ bescheinigte, ist es gegeben, in der Musik Debussys auch dem Unsichtbaren Gehör zu verschaffen. Und zugleich dem akustisch sozusagen Sichtbaren, also den Wassern, den Lüften und all den Veränderungen in der Wetter- und Stimmungslage! Diesen bei Debussy gleichsam kontrapunktisch geschichteten und gereihten Qualitäten wird Kotaro Fukuma vor allem in den verhaltenen, andeutenden, aber auch in den quellfreudigen Passagen dieses Programmes gerecht. Selten bekommt man die Goldfischleins in so munterer Verspieltheit zu hören. Eine kleine Wohlfühlkommunität hinter blankgeputzten Aquariumscheiben, die den von Debussy so filigran porträtierten Winzlingen einmal nicht zum von Menschen verfügten Gefängnis werden, sondern ein Ort der von Licht durchfluteten Freiheit..

Besonders gespannt war ich, wie Fukuma seinen CD-Vortrag mit Debussys bald feingliedriger, bald kraftvoll, ja triumphal endender „L’isle joyeuse“-Betrachtung beenden würde. Viele der unten genannten, zum Teil auch für diese Rezension aufs Neue gehörten Einspielungen beginnen ja vielversprechend, haben Kontur und Richtung so lange der musikalische Prozess noch übersichtlich, das heißt: in klaren Strecken von Trillerbebungen und melodischen Kleinsteinheiten verläuft. Den meisten Pianisten und ihren weiblichen Mitbewerberinnen auf Inselabstecher geht mit Fortdauer und Verdichtung der Szenerie der Atem aus. Sie drängen – meiner Ansicht nach – allzu früh auf das explosive Finale hin. Fukuma erweist sich hier als gewissenhafter, kluger Dramaturg. Die Werte auf einer imaginären Freudigkeitsskala steigen stetig, aber mit Bedacht auf das von Debussy mehrmals eingefügte „Atemholen“, also auf kurze Zurücknahmen des musikantischen Pulsschlages. Am Ende, wenn die insulare Freude in Überschwang gipfelt, ist es nicht unbedingt eine Frage der reinen Muskelkraft, dem Zusatnd einer friedlich narkotisierten Ausflugsgesellschaft glaubhaft Gesicht und Klang zu verleihen. In den verschiedenen Einspielungen mit Sviatoslav Richter ist dies der Fall, aber es genügt, wenn Jubel nicht durch Klanggewalt, sondern einzig und allein durch vorbereitende und schließlich gipfelnde Intensität abgebildet wird. Hier scheint mir Fukuma der frühen Decca-Aufnahme mit Ashkenazy verwandt zu agieren. Anders ausgedrückt: er und seine Hörer befinden sich an einem Ort, von dem man nur ungern wieder ablegen möchte.

Vergleichseinspielungen - L’isle joyeuse: Pollini (DG 445 187-2), Rische (Koch 3-1636-2; Schwann /Musica mundi LP VMS 1085), Casadesus (Sony SM2K 60795), Colom (Zanfonia H -10.0046), Tiberghien (Harmonia mundi HMN 911717), Kay (Analekta FL 23135), Ousset (Berlin classics 0182522 ART), Tabe (Chandos 9912), Gulda (Great Pianists Philips 456 817-2), Kocsis (Great Pianists Philips 456 874-2), Pludermacher (RCA 796512), Artzt (Zulus Z0502001), Austbö (Simax PSC 1250), Khudoley (Melodya LP 17643-44a), Ashkenazy (Decca LP 6.42128 AN und Decca 425 081-2), Rouvier (Denon C37-7734), Weissenberg (DG 415 510-2), Francois (EMI CMS 769434 2), Demus (Amadeo 423 272-2), Pommier (Virgin VC 7 90847-2), Horowitz (Carnegie Hall 1966 CBS M3K 44681), Fergus-Thompson (ASV DCA 711), Bouget (Tudor 731/34), Armengaud (Arts 47840-2), Gieseking (EMI CDF 3000262 AAD, Pearl GEMM 9449, VAI Vaia 1117-2), Bavouzet (Chandos 10443 und 10743), Adni (EMI CD-EMX 2055), Trpceski (EMI 5 00272 2) Jardon (AR Ré-Sé AR 2001-1), Ciccolini (EMI 50999 685824 2 5 CD 51), F. Chaplin (Pierre Verany PV 700031), Ito (Pierre Verany PV 797013), Rieko (Genuin 11199), Blechacz (DG 00289 477 9548), Ogawa (BIS CD-1955/56), Chenyin Li (Genuin 12228/III), Reyes (Azur classic AZC 101), Volondat (Pavane LP ADW 7140, EMI LP 2704651), Rév (Hyperion CDA 66416), W. Haas (Philips LP 6770 036, Van Cliburn (RCA GD 60726), Marcelle Meyer (EMI CZS 7 67405), Hierholzer (Marus LP 308536 D) Tacchino (Pierre Verany PV.792101), Rubinstein Reproduktions-Klavier - Bellaphon 690-07-073), Zitterbart (Tacet 34), Tichman (Wergo 286 243-2) Ránki (Hungaroton LP SLPX 11886), Stott (Conifer classics 75605 51755-2), Thibaudet (Decca 452 022-2), Arnold (ambitus 97930), Thiollier (Naxos 8.553292), M. Jones (Nimbus Records NI 1773), Studer (Claves LP P 505), Perianes (Harmonia mundi HMC 902164), Richter (Live classics; DVD – BBC Legends)

Peter Cossé [07.07.2014]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 C. Debussy Reflêts dans l'eau (aus: Images I) – Andantino molto

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Kotaro Fukuma Klavier
 
Hortus 113;3487720001130

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