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CD-Besprechung

Florian Noack

Transcriptions & Paraphrases

Florian Noack

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 30.05.14

Ars Produktion ARS8 148

1 CD/SACD stereo/surround • 68min • 2014

„Taste the Best“, bzw. „Die Stars von Morgen“ – so schmückt sich zweisprachig eine CD-Reihe, in deren Rahmen fünf blitzgescheite, auffällig brillante Klaviertranskriptionen des 23-jährigen belgischen Pianisten Florian Noacks angeboten werden. Unter dem genannten Titel – so liest man es in der „Coda“ des Begleithefts – „soll die Aufnahme neben dem professionellen Vertrieb im Handel auch auf entsprechenden Sendeplätzen im WDR vorgestellt werden.“ Doch damit nicht genug, denn es “öffnet der WDR Türen für weitere Auftritte in den Konzertsälen des Landes Nordrhein-Westfalen“. Als ökonomischer und publizistischer Treibriemen fungiert der „Verein der Freunde und Förderer der Hochschule für Musik und Tanz Köln“. In den biographischen Notizen gibt es zwar keinen Hinweis, dass Noack an der Kölner Hochschule studiert habe, aber immerhin gewann er 2011 den dritten Preis des „Kölner Klavierwettbewerbs“ und ein Jahr später den „Karlrobert Kreiten-Klavierwettbewerb“, der in Erinnerung des aus Bonn stammenden, 1943 als Hitler-Gegner hingerichteten Pianisten in Köln ausgerichtet wird.

Florian Noacks kraftvolles, gelegentlich nicht nur impulsives, sondern in den dynamischen Spitzen auch etwas grobes, grelles Klavierspiel weckte das Interesse von so namhaften Interpreten wie Dmitri Bashkirov, Cyprien Katsaris und Boris Berezovsky. Was Katsaris anbelangt, kann diese Aufmerksamkeit nicht verwundern, denn zwischen dem pianistischen Trapezkünstler transkribierter, paraphrasierter Originalstücke und dem belgischen Bearbeiter orchestraler und operntheatralischer Partiturvorlagen gibt es hinreichend Parallelen im Hinblick auf literarisches Einzelgängertum und die für solche Ausflüge unverzichtbaren technischen Voraussetzungen.

Florian Noack begnügt sich nicht mit vorliegenden Klavieradaptionen, vielmehr ist er sein eigener Herr in allen anstehenden Fragen klavierorchestraler Instrumentierung. Und er wirft sein Auge und seine durchtrainierten Hände nicht nur auf absolute Zugstücke des Repertoires. Er wagt es auch mit Werken und Werkausschnitten, die im Allgemeinen auf den zweiten und dritten Rängen einer imaginären Beliebtheitsskala zu finden sind. So etwa der von Anatol Liadov in sanften Tönen und Wellen Verzauberte See, dessen unschuldige Mystik Noack im doppelten Sinne „begreift“ – nämlich in der Funktion eines nachdenklichen Klaviermalers und mit der Autorität eines Organisators von Zeit und Raum. Dies in anschaulich entschleunigter Musikalisierung einer Landschaft, die unter der sensiblen Kontrolle eines reifen Virtuosen wie Noack durchaus als Klangszenerie mit Zentrum, mit Vorder- und Hintergrund zu erleben ist.

Vier Stücke aus Tschaikowsky Schwanensee zeigen Noack als Könner in den Bereichen von schwärmerischer Klangflut („Scene“) bis hin zu beweglicher Farbigkeit im „Russischen Tanz“. Während in diesen Miniaturen pianistische Präsenz und Klarheit der atmosphärischen Definition erwünscht sind, erfordern die rund 20 Minuten Romeo und Julia-Fantastereien einen dramaturgisch wie klavieristisch langen Atem. Hier scheint Noack mit all seinen Qualitäten der stufenden, verzögernden und drängenden Werkgestaltung in seinem transkriptorischen und aufführungspraktischen Element zu sein. Insofern ziehe ich seinen Version der Fantasie-Ouvertüre jener seines bulgarischen Kollegen Emile Naoumoffs vor, dessen farblich und figurativ etwas weniger subtile Version am 1.März.1989 in Paris mit dem Bearbeiter am Flügel aufgezeichnet wurde (Gega GD 184).

Mit den drei Aleko-Übertragungen (Einleitung, Tänze der Frauen, bzw. der Männer) gelingt es Noack nicht nur, die Klavierfachwelt zu überraschen, sondern mit seiner eigens zusammengestellten „Suite“ auf Rachmaninoff als Opernkomponisten aufmerksam zu machen. Wer kennt sich schon gründlich im musiktheatralischen Schaffen des vorwiegend als Klavieralchemisten vertrauten Spätestromantiker aus! Von ungleich größerer Popularität sind die von Rimsky-Korsakoff so unnachahmlich erdachten und instrumentierten Geschichten aus „1001 Nacht“. Sheherazade – die sinfonische Märchendichtung op. 35 – stellt einen Klavierästheten vor schier unlösbare Probleme, denn weder die weiten, immer wieder durchbrochenen melodischen Bögen, noch die brillanten Tonrepetitionen der Bläser im schauerlichen Finale lassen sich – wie man meinen sollte – ohne große Wirkungsverluste auf den Tasten realisieren. Noack hingegen packt die bewegten bis hitzigen Sätze gleichsam beim orchestralen Schopf, zündet wenn nötig den Turbo, gibt sein Bestes im erzählend-singendem Tonfall. Das umfangreiche Werk erklingt hier mit kaum merklichen Kürzungen, so dass den Wiederholungen im Bereich der satzinternen Motive und Durchführungen überzeugend Rechnung getragen ist. Um Noacks hohe nachschöpferische Vernunft und sein pianistisches Können im Umkreis dieser Thematik einschätzen zu können, kann es dienlich sein, andere Versuche mit dem orientalischen Sujet zum Vergleich heranzuziehen. So etwa des Komponisten eigene Transkription für Klavier zu vier Händen, die mit dem reichlich hölzern agierendem Duo Pianistico Stefano Malferri und Carlo Mazzoli erschienen ist (Nuova era 7205). Dem dritten Satz „ Der junge Prinz und die junge Prinzessin“ hat sich Pietro Galli ohne große Anschlagsraffinesse angenommen (Cassiopée 969262). Lediglich von diskographischer Bedeutung ist meiner Meinung nach die lieblos anmutende Bonsai-Fassung des Werkes, die Prokofieff angefertigt und eingespielt hat (The Reproducing Piano 5.1926 – fonè 90 F 15). Vielleicht hat die Pianistin Evgenia Rubinova diesen dramaturgischen Missstand beheben wollen, als sie in ihr Prokofieff-Arrangement mit einer Kadenz erweiterte.

Peter Cossé [30.05.2014]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 P. Tschaikowsky Schwanensee op. 20a (Ballettsuite) 00:09:44
5 S. Rachmaninow Aleko (Suite) 00:10:53
8 N. Rimsky-Korssakoff Scheherazade op. 35 (Sinfonische Suite aus "Tausend und eine Nacht") 00:21:03
12 A. Ljadow Der verzauberte See op. 62 00:06:11
13 P. Tschaikowsky Romeo und Julia (Fantasie-Ouvertüre nach Shakespeare) – Andante non tanto quasi moderato 00:19:26

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Florian Noack Klavier
 
ARS8 148;4260052381489

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