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CD-Besprechung

A. Pettersson

BIS 1 CD 1860

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 02.11.11

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BIS 1860

1 CD • 78min • 2010

Gäbe es wohl was Schöneres für den Rezensenten als die angenehme Enttäuschung? Den köstlichen Augenblick, in dem sich der letzte Rest vorgefertigter Ansichten oder ablehnender Erwägungen unter dem Ansturm tatsächlicher Eindrücke pulverisiert und wir uns – anstatt bis zuletzt mit geschärfter Mi(e)ne auf Schwachheiten zu lauern – nur noch vergnügt bereichern lassen, bis wir im Hochgefühl neuer Erkenntnisse nur noch die besten Noten ziehen können? Ich jedenfalls liebe das und gebe hiermit gern zu Protokoll, dass ich aus dieser Kombination von CD und DVD einen persönlichen Gewinn gezogen habe, der die dreifache Zehn noch um einige Punkte überschritte, wenn's die Editionstechnik denn erlaubte.

Wie es kam, dass binnen einer Stunde aus dem Saulus („um Himmels willen nicht schon wieder eine dieser überflüssigen Rekonstruktionen!") ein enthusiasmierter Paulus wurde, ist schnell gesagt: Der 60-minütige Film über Allan Pettersson und seine unvollständige erste Sinfonie ist so liebevoll gemacht und von einer derartigen Begeisterung getragen, dass wohl nur der verbohrteste Dogmatiker sich unberührt hätte abwenden und zur kläglichen Tagesordnung hätte übergehen können. Bio-, Topo- und Geographisches verbinden sich mit Blicken auf ein aberwitziges Manuskript; lebendige musikwissenschaftliche Würdigungen (ja, so etwas gibt es!) beleuchten den Stellenwert des eigentümlichen Werkes, das trotz seiner Lücken merkwürdig „fertig" wirkt; Ausschnitte aus einem Rundfunk-Interview des Komponisten, Fotos und Erinnerungen, dazu Szenen aus den Proben und Aufnahmen – man wird gewissermaßen von allen Seiten unter Beschuß genommen und kapituliert ebenso rasch wie bereitwillig.

Christian Lindberg glüht förmlich, wenn er über sein langjähriges Verhältnis zu Petterssons Werken spricht, und wenn er am Pult des Symphonieorchesters Norrköping steht, scheint zwischen ihn, die Musiker und die Komposition tatsächlich keine Briefmarke mehr zu passen: Der ganze Mensch und der ganze Raum bilden eine bis zum Bersten mit Klang erfüllte, eingeschworene und beschwörende Einheit im Dienste eines besessenen Komponisten, dessen Persönlichkeit sich schemenhaft über dem gesamten Geschehen ausbreitet. Ob die Wissenschaftlerin Laila Barkefors und ihr junger Kollege Per-Henning Olsson ihre Entdeckungen mitteilen, ob Nils Larsson, der Vorstand der Allan-Pettersson-Gesellschaft sich über die marginalen Figürchen und Kommentare im Autograph der ersten Sinfonie amüsiert oder die Kompositionsstudenten Truls Nilsson und Ulf Blomqvist von ihrer extrem aufwendigen Entzifferungsarbeit berichten – immer dominiert die schöpferische Kraft im Hintergrund, an der sich die konkreten Aktivitäten entzündeten.

Bald wird auch klar, dass es sich bei dieser Ersteinspielung des vermeintlichen Fragments nicht um eine Rekonstruktion oder gar „Vollendung", sondern lediglich um die Reinschrift eines absurd komplexen Manuskripts handelt. So erhalten wir das Klangbild einer Partitur, die beiseite gelegt wurde, als René Leibowitz, bei dem Pettersson in Paris studierte, die üppigen, überbordenden Fantasien seines Schülers mißbilligte. Dass der Verfasser der außerordentlichen Musik – man möchte ihn angesichts seiner Schaffensweise eher als „Entdecker" bezeichnen – dennoch an diese Erstgeborene glaubte, dürfen wir annehmen: Ihm nahm schließlich der Tod erst während der siebzehnten Sinfonie die Feder aus derselben Hand, die durchaus in der Lage gewesen wäre, die großformatigen Seiten der Ersten in den Ofen zu befördern und auf die bald danach entstandene zweite Sinfonie eine „1" zu schreiben. Ob jedoch pure Nostalgie oder tiefere Notwendigkeit: Dass Pettersson den Schlüssel zu seinem sinfonischen Gebäude nicht wegwarf, ist ein ebenso großer Glücksfall wie die hier vorliegende Doppelpräsentation, die – zumal sie ohne alle Wehleidigkeit auskommt – so instruktiv wie fesselnd und daher erst wirklich lehrreich geraten ist.

Rasmus van Rijn [02.11.2011]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Pettersson Sinfonie Nr. 1 00:30:11
2 Sinfonie Nr. 2 00:46:45

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Norrköping Symphony Orchestra Orchester
Christian Lindberg Dirigent
 
1860;7318590018606

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