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CD-Besprechung

F. Schubert • J. Widmann

Avi-music 2 CD 855209

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 25.10.10

Avi-music 855209

2 CD • 1h 28min • 2009

Das große Oktett gehört, ich räum’ es unumwunden ein, nicht eben zu meinen persönlichen Favoriten aus Franz Schuberts üppigem Katalog, weshalb ich auch mit ganz besonderer Aufmerksamkeit ans kritische Werk gehe: einmal, weil der Sympathiebonus fehlt, der mir bei anderen Stücken den Blick a priori trüben könnte, und dann, weil ich noch immer darauf hoffe, dass mir eine Interpretation die Augen und Ohren öffnen und mir so den Zugang zu dem quasi abendfüllenden Divertimento mit seinen vielschichtigsten Ambitionen erleichtern würde.

Es scheint mir das im vorliegenden Falle tatsächlich gelungen. Der Mitschnitt, der am 23. Juni 2009 während des Lars-Vogt-Festivals Spannungen im Kraftwerk Heimbach entstand, kann für sich zunächst in Anspruch nehmen, vom ersten bis zum letzten Augenblick (und das sind hier bekanntermaßen sehr viele) auf wahrhaft „lebendige“ Weise dem Namen des Festspiels gerecht zu werden: Selbst die zwiefach gebotene Exposition, die den Kopfsatz auf eine kolossale Viertelstunde ausdehnt, ist keine Wiederholung, sondern eine subtile, in vielen Nuancen und Artikulationswerten verlagerte, neu beleuchtete Variante, die selbst dem mitunter recht nervtötenden Punktierungsmotiv den monotonen Anstrich zu nehmen vermag.

Bald will mir scheinen, dass just diese aus den musikalisch-musikantischen Tiefen emporsteigende „Live-Haftigkeit“, diese Lust an Aktion und Reaktion, für das Gelingen des gesamten Stückes von zentraler Bedeutung ist. Gerade hier überhöre ich gern und bereitwillig den einen oder andern kleinen Wackler zwischen den Bläserstimmen und die etwas aus dem Ruder laufende Sechzehntelkette einer Geige, da ich im Austausch dafür als echten Gewinn das Streben des Komponisten „nach der großen Sinfonie“ gewissermaßen in statu nascendi miterleben kann. Und nicht allein dies! Nach und nach entsteht der Eindruck, als habe Franz Schubert, das ewige Kind, die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen und in den sechs Sätzen mehr als bloß eine Komposition untergebracht – wie er ja beispielsweise in seinen späten Sonaten auch immer wieder die Klaviatur sprengt und in Zwischenreiche vordringt, wo die Gattungs- und Klanggrenzen fallen: Solche Töne wie das Violoncello-Kontrabass-Pizzikato bei Takt 151 im zweiten Satz, das hereinfährt, als wär’s die große Trommel eines Mahlerschen Kondukts; die Dämonie der fünften Variation im Andante und das schier naive Umschlagen in die geradezu „adrette“ Schlußveränderung; dann wieder das Grollen und unterschwellige Toben des Andante molto, mit dem das Finale beginnt – das alles geht weit über die Ränder eines „schönen“ Kammermusikauftrags hinaus.

Mehr noch: Ich frage mich, ob das ganze Gebilde nicht vielleicht sogar etwas wie eine jener ordres darstellt, wie sie die französischen Clavecinisten herausbrachten, eine umfängliche Sammlung, aus der der Spieler sich seine Suiten baukastenartig einrichtete? Denn das besonders ländliche Menuett (V) und das beinahe mit Beethovenschem Zuschnitt hämmernde Scherzo (III), das Adagio (II) und das Andante con variazioni (IV) könnten sich, vor allem unter Beachtung des Zeitfaktors, gegenseitig neutralisieren; wählte man aus dem kompletten Angebot jedoch zum Beispiel eine „Suite“ wie I-II-III-VI oder I-IV-V-VI, so wären bereits zwei gänzlich verschiedene Charaktere, zwei „große Sinfonien“ von erklecklicher Aufführungsdauer erreicht. Und wieder einmal hätte der grenzüberschreitende Franz Schubert in einer Partitur mehr als nur eine Aufgabe gelöst. Dass mir diese Hypothese (von der ich nicht mal weiß, ob’s wirklich meine war) überhaupt in den Sinn kam, war ganz eindeutig das Resultat der Heimbacher Spannungen. Die Intensität des Gebotenen, die geschärfte Individualität der einzelnen Sätze, die geistreiche, mit hoher Anteilnahme zugebrachte Stunde weckten den Gedanken und ein beträchtlich vermehrtes Interesse an dem Werk.

Angenehm überrascht war ich auch von Jörg Widmanns Oktett: Der 1973 geborene Klarinettist und Komponist hat hier eine jener prismatischen Brechungen versucht, zu denen Franz Schubert ganz besonders einlädt, betrachtet das „Original“ dabei aber mit einer so einfallsreichen Distanz, dass viel Platz für subjektive Reflexionen bleibt – namentlich der dritte von fünf Sätzen, ein Lied ohne Worte für die prominente Klarinette, spricht von jener tiefen Überzeugung und inneren Nähe zu Schubert, die ich bereits in den voraufgegangenen sechzig Minuten als die eigentlich treibende Kraft der muskalischen Darbietung empfunden hatte. Das Publikum zollt beiden Werken den gebührenden Tribut: Frenetisch nach dem „alten“ und weit mehr als bloß höflich bei dem „neuen“ Oktett, die sehr schön miteinander auskommen.

Rasmus van Rijn [25.10.2010]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Schubert Oktett F-Dur op. 166 D 803
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Widmann Oktett für Klarinette, Fagott, Horn, 2 Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Jörg Widmann Klarinette
Dag Jensen Fagott
Sibylle Mahni-Haas Horn
Isabelle van Keulen Violine
Rachel Roberts Viola
Tanja Tetzlaff Violoncello
Yasunori Kawahara Kontrabass
Carolin Widmann Violine
Florian Donderer Violine
Hanna Weinmeister Viola
Gustav Rivinius Violoncello
 
855209;4260085532094

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