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CD-Besprechung

Johann Paul von Westhoff Sei Partite à Violino senza basso accompagnato

Arcana A 354

1 CD • 63min • 2009

06.05.2010

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

In der Konzertpraxis sind sie zwar eher selten zu hören, kaum einmal in ihrer Ganzheit, meistens als Zugaben – doch generell erfüllt Johann Sebastian Bachs Werk für einstimmige Soloinstrumente, Violine, Violoncello oder Flöte, die Kenner seit jeher mit tiefer Bewunderung: Es liegt auch ein heute noch spürbarer Aspekt von Kühnheit darin, ein weitdimensioniertes, mehrsätziges Stück durch eine einzige Instrumentallinie auszudrücken, quasi die gesamte eigene Musikästhetik radikal, nämlich auf bloßen Punkt und bloße Linie, zu reduzieren. Sehr viel weniger bekannt ist, dass Bach keineswegs der Erste war, der Werke solchen Satzdesigns schrieb. Bereits 1683, also noch vor Bachs Geburt, hatte der Dresdner Komponist und Violinvirtuose Johann Paul von Westhoff (1656 – 1705) eine Suite „pour le violon seul sans basse“ im Mercure galant veröffentlicht und lieferte zusammen mit dem Dresdner Druck seiner Solopartiten für Violine solo von 1696 das wesentliche Vorbild für Bachs Werke.

Wenn man Westhoffs Partiten, etwa in der ebenso strengen wie schönen Einspielung Gunar Letzbors, gegen Bach hört, wird deutlich, dass die beiden altersmäßig weit auseinanderliegenden Meister, die sich noch als Hofmusiker am Weimarer Hof kennenlernen konnten, im direkten Vergleich wechselseitig keine Verluste einstecken müssen. Wenngleich auch die Partitenform eine generelle Vergleichbarkeit herstellt und Westhoff etwa schon Einzelelemente wie etwa das raffinierte mehrgriffige Spiel vorwegnimmt, ist beider Ästhetik doch prinzipiell verschieden. Während Bach bekanntlich weitdimensionierte harmonische Entwicklungen entspinnt – und das wohlgemerkt einstimmig! -, ist Westhoff eher am Impetus kleinerer motivischer Zellen interessiert, die er in tendenziell kürzeren metrischen Einheiten situiert. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Gigue der Partita Nr. 1 a-Moll, in welcher die breit gezogene chromatische Lamento-Formel nur knapp durchgeführt wird, eher kurz anzitiert als systematisch ausgelotet. Es wäre denn auch weit gefehlt, hier einfach für Bach musikgeschichtlichen Fortschritt zu konstatieren; im Gegenteil hat etwa die neuere moderne oder gar zeitgenössische Musik eher wieder zu einer solchen Ästhetik der Kürze und Pointiertheit zurückgefunden.

Der große Vorteil der Einspielung Gunar Letzbors ist, dass er die aufregend modernen, zum Teil aber auch spröden Werke Westhoffs genau kennt und in einer sehr kontrollierten Interpretation ungeheuer transparent, strukturklar und ohne jeden aufgesetzten Effekt präsentiert. Letzbors erreicht so eine sehr flüssige und natürliche Diktion, welche hier im Sonderfall Westhoff durchaus als Sprachnähe der Musik zu verstehen ist – der vielgebildete und polyglotte Westhoff bekleidete schließlich sogar vorübergehend eine Professur für Sprachwissenschaft. Im Gegensatz zum Bach´schen Gesang vernimmt man hier eine gleichwohl hochmusikalische und sehr ansprechend artikulierte Rede. Das Klangbild ist freilich vielleicht doch etwas zu trocken geraten; die Akustik läßt zwar das modulationsreiche Spiel Letzbors gut hervortreten, aber auch die Violine nicht allzu resonant wirken. Schade ist übrigens auch, dass man im Beiheft kein Notenbeispiel aus dem Alten Druck wiedergegeben hat, dessen besondere Notation der Violinist in seinem Einführungstext so lebendig in ihren Eigenarten, aber auch ihren Vorteilen beschreibt.

Dr. Michael B. Weiß [06.05.2010]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Paul von Westhoff
1Partia Nr. 1 a-Moll 00:11:43
5Partia Nr. 2 A-Dur 00:11:12
9Partia Nr. 3 B-Dur 00:10:41
13Partia Nr. 4 C-Dur 00:09:25
17Partia Nr. 5 d-Moll 00:09:14
21Partia Nr. 6 D-Dur 00:09:17

Interpreten der Einspielung

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