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CD-Besprechung

Michael Korstick
The Beethoven Cycle Vol. 7

Michael Korstick<br />The Beethoven Cycle Vol. 7

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 08.02.10

Klassik Heute
Empfehlung

OehmsClassics OC 620

1 CD/SACD stereo • 71min • 2008

Das Beruhigende und auch Erregende an Michael Korsticks Beethoven-Einspielungen besteht für mein Empfinden darin, dass sich jeder auch noch so marginale Einwand, jede Art der oppositionellen Meinungsäußerung auf einer künstlerischen Hochebene bewegt, die weit, sehr weit über dem Durchschnitt gewissermaßen konkurrierender Einspielungen angesiedelt ist. Michael Korstick ist kein Klavierspieler im üblichen Sinn, kein Beethoven-Praktiker im Sinne unbefragter Tradition, sondern ein forschender, ein unbeeindruckt von so genannten Vorbildern entscheidender und dann verfügender Interpret, ein Mann, der sich nicht dem Lauf des großen ästhetischen Flusses anvertraut, sondern an der Quelle – sei sie in Bonn oder auch südlicher gelegen in den entsprechenden Beethoven-Archiven – nach Klarheit und Orientierung sucht und letztendlich für sein Tun und Lassen die nötige Grundlage findet. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an seine schier schonungslose Darstellung der Hammerklaviersonate (op. 106), in rigorosem Bedenken von Beethoven notierten Metronomangaben. Die Folge: Korstick gelang es, die abschließende Fuge nicht nur in enormem Tempo zu bewältigen, sondern den gleichsam futuristisch-konservativen Satz in allen seinen turbulenten, ätzenden, ungemütlichen Erscheinungen transparent, mehr noch: verständlich zu halten.

Wie eingangs angekündigt, geht es in diesem Fall der Beethoven/Oehms-Folge 7 nicht ohne einen Einwand ab. Er bezieht sich auf Korsticks beschleunigte, wenn nicht gar oberflächliche Diktion im Umfeld des Kopfsatzes aus op. 31 Nr. 1! Immer wieder wird dieser so sonderbar mit einem Quasi-Vorschlag beginnende Abschnitt wie lustlos eröffnet – und die folgenden, dem ersten Eindruck nach etüdenähnlich anmutenden Akkordzerlegungen munter, meist sorglos, oft sogar bis zur Unkenntlichkeit zermanscht über die Tastatur gesprüht. Besonders Rudolf Buchbinder hat sich um diese Passage unverdient gemacht, aber auch Glenn Gould deformierte diese Wegstrecke in gewalttätig beschleunigtem Zeitmaß bis zur Unkenntlichkeit. So weit ich die diskographische und konzertante Sachlage überblicke, ist und bleibt Grigory Sokolov der Einzige, der den erwähnten „Vorschlag“-Beginn durch überraschende Verzögerung und defensive Artikulation zu einem Urerleben gestaltet und in unwiderstehlicher Manier die folgende Etüdenbewegung verständlich, ausgefeilt und in liebevoller Strenge zum wahrlich Besten gegeben hat. Ich beziehe mich auf ein Konzert in Bad Kissingen (2.7.1998) und einen im März 1998 in Madrid entstandenen Fernsehfilm mit Werken von Rameau, Beethoven und Brahms, der leider nie auf VHS oder auch auf DVD in den Handel gelangt ist.

Nun aber zu Korsticks angekündigten Vorzügen! Für den zweiten Satz der G-Dur-Sonate, ein ausgedehntes Adagio grazioso mit durchaus karikativem Nebensinn, was die Verzierungslust egoistischer Vokalisten anbetrifft –, für diesen Satz nimmt sich Korstick etwas mehr Zeit als seine historischen und gegenwärtigen Mitbewerber. Wie unter einem imaginären Mikroskop beleuchtet, durchleuchtet dieser vital praktizierende Klavierwissenschaftler die verzweigten Linien, die melodischen Verkringelungen und die begleitenden Pikanterien dieser musikantischen Körperlichkeit, um im Schluss-Rondo dann mit geläufiger, entkrampfter Beweglichkeit in eine völlig andere Atmosphäre überzuleiten. Korstick beweist jedoch Sinn für den motivischen Rückbau dieses Finales, der – ähnlich dem Finale von Schuberts a-Moll-Sonate D 845! – nicht in besänftigender „Vollendung“ schließt, sondern in einem (für die damalige Zeit!) provokanten Prozess der Zerstückelung.

Überzeugend gestaffelt sind dann die Segmente des Kopfsatzes op. 31 Nr. 2, andächtig, keinesfalls larmoyant die rezitativischen Vor- und Einblendungen, markant, aber nicht überhetzt die schnellen, dramatischen Passagen – kurzum: eine Fülle von kleinen und größeren Denkwürdigkeiten, die den Hörer – für den ich hier zu sprechen wage – unweigerlich in den schönen, bisweilen geradezu beängstigenden Sog einer Geschichte ziehen, die man meinetwegen auch mit Shakespeares Sturm in Verbindung bringen mag, aber tief beeindruckt fühlen darf man sich auch ohne diese literarisch-ästhetisch fragwürdige Querverbindung.

Von pulsierendem Leben sind die vier Sätze der Es-Dur-Sonate erfüllt! Rhythmische Sorgfalt, souveräne Geläufigkeit, genaueste Unterscheidung zwischen den Wichtigkeiten und den Begleiterscheinungen – wenn man will: den mobilen Beiläufigkeiten der klavieristischen Ideenwelt scheinen Korstick zu einem Vortrag zu verführen, der sich an den Text hält und dennoch aus der Frische der Neu- und Wiederbegegnung eine Spontaneität gewinnt, die den Stress einer Studioproduktion nur noch erahnen lässt.

Vergleichsaufnahmen: Buchbinder (Teldec), Gould (Sony), Kempff (DG), Lewis (Harmonia mundi HMC 901902), Wehr (Connoisseur Society), Oppitz (Hänssler 98.205), Brautigam (BIS SACD 1572), A. Schiff (ECM 476 6186); Op. 31,1: Saint-Saens (2. Satz /Tacet 159), M. Schirmer (Tacet 173); op. 31,3: Haskil (5.1955 /Philips 475 7739), Richter (Brillant Classics 92229 / II).

Peter Cossé [08.02.2010]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 L.v. Beethoven Klaviersonate Nr. 16 G-Dur op. 31 Nr. 1 00:25:14
4 Klaviersonate Nr. 17 d-Moll op. 31 Nr. 2 (Der Sturm) 00:24:15
7 Klaviersonate Nr. 18 Es-Dur op. 31 Nr. 3 (Die Jagd) 00:21:26

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Michael Korstick Klavier
 
OC 620;4260034866201

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