Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Über uns | Impressum | Kontakt | Sitemap

Suche

CD-Besprechung

The Sibelius Edition

Chamber Music II

The Sibelius Edition

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 29.09.09

label_888.jpg
→ Katalog und Neuheiten

BIS 1924/26

5 CD • 4h 51min • 1996, 1999, 2003, 2005, 2009

Einiges aus dieser Box hatte mir schon vor zwei Jahren vernehmliche Freudenrufe abverlangt, als mich nämlich das „unglaublich tiefe, gespannte, klangschöne und oft höchst dramatische Klavierquintett des 25-jährigen Sibelius, Monica Groops prachtvolle, schwere Mezzosopranstimme, der herrliche Rezitationston des Schauspielers Lasse Pöysti“ (RvR 2007) und somit das ganze Melodrama aus Johann Ludvig Runebergs Nächte der Eifersucht enthusiasmierten.

Im Kontext des neunten Gesamtkartons der Sibelius-Gesamtausgabe wiegen diese Werke noch schwerer, da sie vor den hier versammelten Schnippseln um ein vielfaches plastischer hervortreten. Wenn sich Miniaturen, Gelegenheitsstückchen und Studienkanons mit Kreationen wie der phänomenalen Schauspielmusik zu Mikael Lybecks Die Eidechse mischen; wenn das vergnüglich-dezente »Gepläster« der hübschen Blechbläserpiecen von Entwürfen und teils verheißungsvollen, teils doch eher nichtssagenden Fragmenten unterbrochen oder salonmusikalische Nonchalance mit den Skizzen des Wahrheitssuchers kontrastiert wird – dann beginnen wir eine Berg-und-Tal-Fahrt, die über wirklich alle physiognomischen Erhebungen und Vertiefungen dieses nordischen Nationalheiligen führt. Ob dabei allerdings auch sämtliche Bartstoppeln und Unfertigkeiten nötig sind, darüber könnten wir füglich streiten: Muß dieser totale Sibelius auch noch die Alternativen zweier Solostücke für Violoncello enthalten, die sich gerade einmal um einen Takt von den definitiven Versionen unterscheiden? Und gehörte eine Fantasie für Violoncello und Klavier, deren Begleitstimme verschollen ist, nicht vielleicht doch nur in eine Handschriftensammlung?

Von unstrittigem Werte und ganz unmittelbar anrührend sind dann wieder solche Momentaufnahmen wie die Wassertropfen des elf- oder zwölfjährigen »Janne« für Violine und Violoncello – angeblich das erste Stück, das der kleine Träumer aufgeschrieben hat, und tatsächlich so etwas wie das winzige Aufzucken der ungeahnten Geisteskräfte, die sich tief ins Innere zurückgezogen hatten und immer nur nach furchtbaren Kämpfen hervorbrechen konnten: Luftschloß heißt das zweite Duo des Knaben, und Luftschlösser müssen irgendwann einmal seine Heimat gewesen sein, bevor er hinabstürzte, um ein ganzes schöpferisches Leben auf die Rückbesinnung zu verwenden. Immer dann, wenn ihm das gelang: in den Symphonien, dem Violinkonzert, in den vielen meisterhaften Sachen des ewigen Zweiflers – dann ist die Aussicht frei. Wenn’s ihn aber inmitten des Besinnens erneut hinunterwarf, bleiben die Bruchstücke, die zersplitterten Spiegelgläser, ja sogar die Banalitäten dessen, der da weiß, daß er von Luft allein auf dieser Erde nicht leben kann ... Das in restlos jeder Facette dargestellt zu haben, ist dann doch das Hauptverdienst dieser speziellen Box, mit der man vor allem beim ersten Kontakt sehr selektiv verfahren sollte und deren Interpretationsbenotung angesichts der Vielzahl der Ausführenden bitte nur als wohlwollende Schätzung aufgefaßt werden möge.

Rasmus van Rijn [29.09.2009]