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CD-Besprechung

cpo 777 409-2

1 CD • 62min • 2008

01.10.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 6
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Joseph Martin Kraus (1756-1792): „Badischer Mozart“ oder „Außenseiter der Musikgeschichte“? Solche Urteile kann man in Fachbeiträgen und in Symposionsberichten der Internationalen Joseph Martin Kraus-Gesellschaft e.V. mit Sitz in Buchen/Odenwald nachlesen. Unstrittig ist die respektable Schaffensfülle, die seit dem Erscheinen des systematisch-thematischen Werkverzeichnisses „VB“ (Verzeichnis-Boer) leicht zu überblicken ist: Bertil H. van Boer, Die Werke von Joseph Martin Kraus, Stockholm 1988. Der Erscheinungsort hängt mit dem Wirken des Komponisten in Schweden zusammen, wo er im Alter von 25 Jahren zum Königlichen Hofkapellmeister im Gefolge Gustav III. berufen wurde. Hier erlebte Kraus die Krönung seines Schaffens, während er in seiner Heimat – geboren im kurmainzerischen Miltenberg am Main – als aufmüpfiger Jurastudent und Hainbündler u.a. an der Göttinger Universität seinen Ruf offensichtlich verscherzt hatte. Bis weit in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein ist er, mit Ausnahme der Erwähnung in Fachlexika, nahezu unerkannt und unbekannt geblieben. Da er sich in seiner polemischen Streitschrift Etwas von und über Musik fürs Jahr 1777, gedruckt 1778 in Frankfurt am Main, äußerst kritisch und zugleich respektlos über seinerzeit führende Komponisten geäußert hatte, war damit sein deutsches Schicksal gleichsam besiegelt. Entsprechend seinen Anforderungen an eine andächtige, dem religiösen Charakter entsprechende Kirchenmusik blieben auch seine Mängelrügen buchstäblich „unerhört“: „Soll die Musik in den Kirchen nicht am meisten fürs Herz seyn?“ – “Setzt andre Worte darunter, so könnt ihr Operettchen draus machen.“ Solchen Vorwürfen eines stark verweltlichen Umganges mit vielen geistlichen Werken seiner barocken und praeklassisch-empfindsamen Vorgänger wird man schwerlich widersprechen können.

Wie richtig und sinnvoll sie sind, verrät die vorliegende Zusammenstellung von Kraus’ immer noch unentdeckt schlummernden geistlichen Trauermusiken. Denn das enttäuschende, weil mißverstandene Klangergebnis zeugt von einer allzu deutlich den heutigen Klangidealen und dem perfektionierten Konzertbetrieb abgelauschten Aufführungspraxis. Nicht nur das Fehlen empfindsamer Töne „fürs Herz“ bestimmt die Einspielung, sondern auch ein offensichtlich fehlendes Verhältnis zum redenden Prinzip und zur musikalischen Rhythmik lateinischer Textdeklamation. Vor allem befremden die alles Besinnliche vermeidenden, straffen Zeitmaße eines aktuellen instrumentalen und vokalen Virtuosentums, die sich kontraproduktiv zur Aura liturgischer Trauermusiken verhalten. Nicht einmal phonetisch vermag der Zuhörer dem kaum noch geläufigen, nun auch akustisch unverständlichen Kirchenlatein zu folgen, da auch das modische Legatissimo-Verschleifen der einzelnen Töne, Worte und Wortsilben zu den ästhetischen Schönklang-Prinzipien gegenwärtiger Chorpraxis gehört. Zwar hilft die Textbeilage mit Übersetzungen, sofern sie nicht durch Druckfehler entstellt ist (wie auf Seite 30), doch sorgen auch die aufnahmetechnischen Balanceverhältnisse mit deutlicher Sopranlastigkeit und gleichberechtigtem Instrumentalklang für einen Verschleierungseffekt der Textinhalte. Löbliche Ausnahmen bilden hier die „sprechenden“, solistisch besetzten Solopartien für Alt (Paul Gerhard Adam und Carmen Schüller), Tenor (Julian Prégardien) und Baß (Ekkehard Abele). Fazit: Krauses apodiktisch krause Anforderungen an musikalische Wortgestaltung, Ausdruck und Stimmung, Funktion und „Herz“ sind gar nicht so abwegig „badisch-mozartisch“ oder „historisch außenseiterisch“. Trotz Sturm und Drang von einst bleiben seine Maximen im Dienste gottesdienstlicher Rituale zeitlos gültig.

Dr. Gerhard Pätzig [01.10.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Joseph Martin Kraus
1Miserere c-Moll VB 4 00:28:29
14Requiem d-Moll VB 1 00:24:39
25Stella coeli C-Dur VB 10 00:08:13

Interpreten der Einspielung

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