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CD-Besprechung

A. Schnittke

BIS 1 CD 1727

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 19.10.09

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BIS 1727

1 CD • 61min • 2008

Alfred Schnittke bedürfe keiner besonderen Vorstellung, meint Alexander Iwashkin in seinem Booklettext: Schnittkes „Musik wird in der ganzen Welt aufgeführt und ist auf zahlreichen CDs eingespielt. Seine großen Kompositionen sind auf allen Kontinenten zu hören”. Das scheint mir ein purer Euphemismus zu sein, eine Verkennung der Situation. Schnittke (1934–1998) war zeitlebens einer der Stillen, einer derjenigen, die wenig Aufhebens von seiner eigenen Person machten. Eitle Selbstdarstellung, gar Eigenmarketing, waren so gar nicht seine Sache. Und seiner Musik haben sich eigentlich immer nur einige wenige Interpreten angenommen, allen voran der Geiger Gidon Kremer und der Dirigent Gennadi Roschdestwensky.

Insofern ist diese Aufnahme hochwillkommen und nötig – zumal sie Novitäten präsentiert. Dabei könnten die Werke nicht gegensätzlicher sein. Das Concerto grosso für zwei Violinen, präpariertes Klavier und Streicher aus dem Jahre 1977 ist das erste von sechs Concerti grossi, die Schnittke in den Jahren 1977 bis 1993 komponierte. Ihm war wie so manchem Zeitgenossen an einer Wiederaufnahme oder Wiederbelebung der barocken Form und des Prinzips des intensiven Dialogs zwischen Orchester und Solisten gelegen. 1988 erstellte er auf Wunsch des russischen Oboisten Wjatscheslaw Lupatschew eine Fassung, in der die beiden Violinen durch eine Flöte und eine Oboe ersetzt werden. Das Concerto grosso zählt zu den „polystilistische” Kompositionen. Schnittke komponiert einerseits neoklassizistisch mit deutlich barocken Anklängen, integriert andererseits unterschiedliche Stile oder Idiome: Melodien nach Art eines Schlagers, eine atonal gesetzte Serenadenpassage und im Mittelteil des Rondos gar einen Lieblingstango seiner Großmutter, außerdem Fragmente aus eigenen Schauspiel- und Filmmusiken. Der Film hatte es Schnittke angetan, mit der Komposition von Filmmusiken verdiente er in schwierigen Zeiten seinen Lebensunterhalt. Schließlich war es immer seine Absicht, „die Kluft zwischen >E<(rnster) und >U<(nterhaltungs)-Musik zu überbrücken, auch wenn ich mir dabei den Hals breche”. Das Concerto changiert zwischen alt und modern, zwischen neobarock und avanciert, und es hat auch sympathisch-nostalgische Züge, ist zugleich aber unverkennbar ein Werk des 20. Jahrhunderts. Die Solisten leuchten ihren Part sorgfältig aus, das Zusammenspiel ist virtuos und kammermusikalisch, Solisten und Streichorchester konzertieren animiert.

Die Neunte Sinfonie zählt zu den letzten Werken des Komponisten. Nachdem Schnittke im Juli 1994 einen zweiten Schlaganfall erlitten hatte, konnte er nur noch mit der linken Hand schreiben. Er komponierte aber bis zu seinem Tod am 3. August 1998 in Hamburg noch eine Sinfonie, ein Violakonzert sowie Variationen für Streichquartett. Die Neunte Sinfonie lag 1997 fertig abgeschlossen, aber in einer nur schwer zu lesenden Partitur vor. Gennady Roschdestwensky erstellte eine Aufführungsfassung, als Versuch, „ein musikalisches Abrakadabra zu entziffern – soweit es die eigenen Kräfte zuließen”. Dabei griff er indes stärker in die Partitur ein, als dem Komponisten lieb war. Die Fassung kam zwar im Juni 1998 in Moskau zur Uraufführung, wurde auf Wunsch des Komponisten dann aber zurückgezogen. Einen zweiten Versuch der Entzifferung unternahm der russisch-kanadische Komponist Nikolai Korndorf; leider starb er über den Arbeiten. Schließlich konnte Alexander Raskatov in mühevoller, 4 Jahre dauernder Arbeit eine „authentische” Aufführungsfassung erstellen. In einem Interview 2007 legte er Wert auf die Feststellung, dass es sich um die Neunte Sinfonie von Schnittke handele und „nicht eine Bearbeitung von Raskatov, die Noten lagen ja fertig vor, sie mussten ‚nur’ in eine aufführbare Form gebracht werden”. Diese Fassung wurde im Juni 2007 in Dresden von den dortigen Philharmonikern unter Leitung von Dennis Russell Davies uraufgeführt.

Die Aufnahme der Philharmoniker aus Cape Town ist ein eindrückliches Plädoyer für dieses Vermächtnis von Alfred Schnittke. Deutlich wird, dass diese Sinfonie – eine Art komponierter Abschied wie schon Mahlers Neunte – ein sehr ernstes, im wesentlichen introvertiertes Werk ist. Stellenweise hat es den Charakter einer Kammersinfonie; immer wieder blitzen Mahlerische Züge durch. Erwähnenswert ist, dass sich mit dieser Aufnahme außerdem ein Kreis schließt. Bei BIS liegen nun sämtliche Sinfonien Schnittkes vor – gewiss keine Selbstverständlichkeit in der heutigen Zeit, sondern ein Signal!

Peter Heissler [19.10.2009]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Schnittke Concerto grosso Nr. 1 (Bearb. für Flöte, Oboe, Cembalo, präpariertes Klavier und Streichorchester) 00:27:13
7 Sinfonie Nr. 9 (Es muss sein; Rekonstr.: Alexander Raskatov, 2006) 00:33:19

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Sharon Bezaly Flöte
Christopher Cowie Oboe
Grant Brasler Cembalo
Albert Combrink Klavier
Cape Philharmonic Orchestra Orchester
Owain Arwel Hughes Dirigent
 
1727;7318590017272

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