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CD-Besprechung

hänssler CLASSIC 98.592

2 CD • 1h 29min • 2009

28.08.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 5
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Die Ode Alexander's Feast, or the Power of Music von John Dryden entstand 1697 – nach dem Bekenntnis des Dichters während einer einzigen Nacht und in einem Zug, so sehr habe der Stoff ihn ergriffen. Die Dichtung war bestimmt für die Feiern zum Cäcilientag am 22. November, der traditionell von der Musical Society, einer Vereinigung von Musikliebhabern aus Adel und Bürgertum, mit der Aufführung einer Festode begangen wurde – Henry Purcell hatte den Brauch 1683 mit seiner Ode Welcome to all the pleasures begründet. Die leider verloren gegangene Musik für das Jahr 1697 zu Drydens Poem lieferte der Komponist Jeremiah Clarke; Händel komponierte sein Alexander's Feast auf eine dramatisierte Version der Ode, die der Dichter Newburgh Hamilton angefertigt hatte.

Zwar ist Händels Werk nicht in einer Nacht entstanden, doch der Komponist arbeitete im üblichen zügigen Tempo: Der 5. Januar 1736 steht als Abschlusstermin für den ersten Teil in seinem Autograph, und schon 12 Tage später folgte der Eintrag der Vollendung auch des zweiten Teils. Am 19. Februar 1736 wurde Alexander’s Feast im Covent Garden Theatre uraufgeführt; als Begleitmusiken erklangen das Konzert für Harfe op. 4 Nr. 6, das Concerto grosso in C-Dur HWV 318, das bis auf den heutigen Tag namentlich mit dem Alexanderfest verbunden ist, und das Orgelkonzert in g-Moll op. 4 Nr. 1. Alexander’s Feast gehört zu Händels erfolgreichsten Werken: Insgesamt 25-mal führte er seine Ode zwischen 1736 und 1755 auf, durch die damals üblichen kleinen Veränderungen liegt das Werk in verschiedenen Versionen vor, die sich aber im Kern kaum unterscheiden. Beim Verleger John Walsh erschien die Komposition als erste vollständige Partitur Händels im Druck, das Honorar dafür war überdurchschnittlich hoch: 100 Guineen, der Gegenwert von 105 £, damals ein Vermögen! Auch nach Händels Tode blieb das Werk populär, so gehörte es beispielsweise zu denjenigen Werken, die Mozart 1788-90 für den Baron van Swieten bearbeitete.

„Der Chor imponierte wieder durch die Homogenität der jungen Stimmen, das auf 34 Spieler reduzierte Orchester zeigte sich schon in der sinfonisch bereiteten Ouvertüre gut auf Barockstil eingestellt.“ So urteilten die Lübecker Nachrichten in ihrer mit „Ovationen für Händels ‘Alexanders Feast’“ betitelten Kritik über die Aufführung von Alexander’s Feast vom Ende März dieses Jahres, deren Mitschnitt hier zur Besprechung vorliegt. Die Kieler Nachrichten schrieben: „Rolf Beck blieb sich treu, dirigierte bewusst keine messerscharf argumentierende Klangrede à la Gardiner, sondern elegant gerundeten Händel, vollmundig, differenziert in den Klangcharakteren und in der Dynamik abgestuft.“ Hohes Lob, dem sich der Rezensent nicht anschließen mag. Der Kritiker der Kieler Nachrichten wagt sich mit dem Vergleich einer angeblich „messerscharf argumentierenden Klangrede à la Gardiner“, von der Beck sich bewusst absetze, weit vor. „Klangrede“ ist lediglich ein anderes Wort für musikalische Rhetorik, die bei Gardiner selbstverständlicher Horizont seiner Interpretation ist und in ein sehr deutlich artikulierendes und die Akzente setzendes Musizieren mündet. Die Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis sind so sehr zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass sie heutzutage auch für Aufführungen ohne historisches Instrumentarium in die interpretatorischen Überlegungen einbezogen werden müssen, an ihnen ist nicht mehr vorbeizugehen. Rolf Beck meidet bewusst die romantisierende Annäherung an Händels Musik, versäumt aber auch jede Gestaltung musikalischer Rhetorik. Das Resultat ist eine musikalische Ästhetik im Geist der 1960er Jahre, wo schnelle Tempi zu schnell und langsame zu langsam genommen wurden und die heutigen Musikern kaum mehr zu vermitteln ist (was sicher auch zu der seltsam unpersönlichen Atmosphäre dieser Aufnahme beigetragen hat).

Der Schleswig-Holstein Festival Chor, dem von den Lübecker Nachrichten „Homogenität der jungen Stimmen“ bescheinigt worden war, kann mit der Homogenität von John Eliot Gardiners Monteverdi Choir freilich nicht konkurrieren. Von den Solosängern entstammen die Frauenstimmen dem Schleswig-Holstein Festival Chor, die beiden Männerstimmen sind hinzuengagiert worden, über sie ist aus dem Beiheft nichts zu erfahren.

Besonders nachteilig fallen Probleme mit der Aussprache des immerhin literarisch wertvollen englischen Textes ins Gewicht: Deklamation ist für den Chor wie für die Solisten ein Fremdwort, Textverständlichkeit kommt nicht zustande – offensichtlich hat sich trotz der hörbaren Sprachprobleme niemand bei den Proben zu dieser Aufführung bemüht, die Aussprache gesondert einzustudieren, was allerdings vonnöten gewesen wäre.

Die einzigartige Mischung von Festlichkeit, Charme, Grazie und affektiver Tiefe, die den besonderen Reiz von Händels Musik ausmacht, ist in keinem Augenblick dieser anderthalb Stunden währenden Aufführung der herrlichen Ode zu spüren. John Eliot Gardiners zugegebenermaßen artikuliertes Musizieren bringt jedoch dieses Miteinander von äußerem Glanz und innerer Tiefe deutlich zur Geltung, gar nicht zu reden von Harry Christophers’ Version, die sich in weitem Abstand zu dieser Neueinspielung befindet.

Vergleichsaufnahmen: Donna Brown (Sopran), Carolyn Watkinson (Alt), Ashley Staffrod (Countertenor), Nigel Robson (Tenor), Stephen Varcoe (Bariton), The Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner (Leitung) – Universal/Philips CD 0028947577744; Nancy Argenta (Sopran), Ian Partridge (Tenor), Michael George (Baß), The Sixteen, The Symphony Of Harmony And Invention, Harry Christophers (Leitung); Coro COR16028.

Detmar Huchting [28.08.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Georg Friedrich Händel
1Alexander's Feast HWV 75

Interpreten der Einspielung

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