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CD-Besprechung

Alpha Productions 143

2 CD • 2h 22min • 2008

24.07.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Gleich vorweg: Das Ensemble Calliopée mit seiner Bratschistin und künstlerischen Leiterin Karine Lethiec spielt um ein vielfaches besser, als uns das die etwas miesepetrig dreinschauende Dame auf dem Cover – Detail eines im Innern der Klapppapppackung näher ausgeführten Gemäldes von Jan Zrzavy – beim ersten Hinsehen will glauben machen. Außerdem klingt die Aufnahme insgesamt recht gut und die hier eingespielten Kammermusiken von Bohuslav Martinu: Streichtrio, Klavierquartett, Streichquintett sowie die im Todesjahr 1959 entstandene Kammermusik Nr. 1 Nächtliche Feste für Streichtrio, Klarinette, Harfe und Klavier bilden ein durch und durch eindrucksvolles Programm, aus dem sich das Trio insofern noch einmal besonders heraushebt, als es ein jahrzehntelang verschollenes Stück aus der ganz frühen Pariser Zeit des Komponisten ist – geschrieben zu Beginn des zwanglosen Unterrichts bei Albert Roussel, beim Postversand in die tschechische Heimat verlorengegangen, auf wundersamen Wegen beim Antiquariat Schneider in Tutzing gelandet und von dort an die Königliche Bibliothek Kopenhagen verkauft, wurde das markante Werk schließlich durch die Prager Musikwissenschaftlerin Eva Velicka eindeutig als Martinu identifiziert, editiert und bei Bärenreiter publiziert, bevor es nunmehr in dieser Produktion des Labels Alpha der Öffentlichkeit erstmals zugänglich ist.

Die Geschichte des Werkes und seiner Wiederentdeckung, gewürzt mit Probenausschnitten, Gesprächen, Anmerkungen des Martinu-Werkverzeichners Harry Halbreich, den strahlenden Ausführungen der begreiflicherweise stolzen Wissenschaftlerin aus der Goldenen Stadt und den Erläuterungen des Kopenhagener Bibliothekars Niels Krabbe sind auf geschickte Weise zu einem ebenso hübschen wie informativen, knapp halbstündigen Film zusammengefaßt und ganz raffiniert auf der Rückseite der zweiten CD als DVD untergebracht worden – womit sich der vergleichsweise hohe Anschaffungspreis von 58 Mark (= 29,99 Euro) rechtfertigen mag, den ich zwar ein wenig happig finde, von dem sich aber echte Martinu-Enthusiasten und -Sammler nicht sollten abhalten lassen.

Zugeben muß ich freilich, daß das zwischen den typischen „Nähmaschinen-Rhythmen“ und prächtigen, teils silberfeinen Kantilenen (der Mittelsatz ist wahrhaft exzellent) angesiedelte Streichtrio Nr. 1 nach meinem Empfinden der wirkliche Hit des Doppelalbums nicht ist: Gerade der Kopfsatz klingt streckenweise nach Stacheldraht an Eisenraspel, und die chronisch hohen Texturen können einem nach einiger Zeit ein wenig auf die Nerven gehen – desto mehr, als auch das Streichquintett von 1927 mit seinem Hang zum „Höheren“ den Begriff der „Penetranz“ in seiner ursprünglichen Wortbedeutung durchdringend demonstriert.

Wer auf diesem Ohr zu empfindlich ist, sollte vielleicht zwischen den beiden reinen Streicherstücken eine Hörpause einlegen oder sich auf das fabelhafte, originelle Klavierquartett (1942) bzw. das fürwahr „nokturnale“ Geschehen der ersten „Musique de chambre“ stürzen: Die Intensität der klanglichen Regionen und Kombinationen, die Bohuslav Martinu hier wenige Monate vor seinem Tode erreicht, bewegt sich irgendwo zwischen Träumen und Phantasmagorien auf einem Niveau, an das keine „Nähmaschine“ und kein Wolkenkratzerthema heranreicht.

Leider hat der Herausgeber bei der deutschen Übersetzung der Texte nicht dieselbe Mühe walten lassen wie beim Rest der Produktion. Insbesondere der Nahkampf mit der Leertaste und der Umschaltung (NB: Shift, im richtigen Moment gedrückt, ergibt Großbuchstaben!) sowie mit der Grammatik und Semantik unserer Sprache hätte günstiger ausfallen können – oder ein bißelchen redaktioniert seien gemüßt, wie ich am nachfolgenden Beispiel illustrieren darf. „Als die Musik zum Abenteuer wird“, ist der Artikel von Karine Lethiec überschrieben, obwohl im Englischen richtig „when“ steht, und dann lesen wir: „Durch meinen Tschechischen Gatten und sein Familie, meine viele Reisen [...] hat sich seit vielen Jahren eine wahre Leidenschaft für Tschechische Kultur und Musik entwickelt. [...] Daher, als ich zum ersten Mal die ganz neue Partitur des Trio H. 136 von Martinu öffnete, im Jahre 2005, nach achtzigjährigem Verschwinden endlich verlegt, und als die Noten in meinem Kopf hervorbrachen, da wusste ich sofort, dass es sich um ein Meisterwerk, vielleicht Martinus allererstes handelte. Da ahnte ich ein Leuchten eines neuen musikalischen Abenteuers.“

Daß man etwas verlegt, bevor es verschwindet, kann vorkommen – weshalb man sich ja hinterher auch oft in Verlegenheit befindet. Doch wie es aussehen mag, wenn die Noten in dem Kopf hervorbrechen und wann sie durch die Schädeldecke stoßen, das will ich mir gar nicht erst

ausmalen ...

Am Ende komme ich also zu dem Schluß (was auch sonst), daß die Leute der Calliopée besser nach dem Vorbilde des Schusters bei ihrem Leisten geblieben wären, weil das, was sie musikalisch und filmisch geleistet haben, nicht im entferntesten so zusammengeschustert ist.

Rasmus van Rijn [24.07.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Bohuslav Martinů
1String Trio No. 1 H 136 00:18:28
4Chamber music No. 1 H 376 (Fêtes Nocturnes) 00:19:39
CD/SACD 2
1Piano Quartet H 287 00:23:43
4Quintette à cordes H 164 00:19:09

Interpreten der Einspielung

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