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CD-Besprechung

F. Couperin • M.-R. de Lalande

BIS 1 CD 1575

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 10.04.08

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BIS 1575

1 CD • 69min • 2005

Die Klagelieder des Propheten Jeremias aus dem Alten Testament gehören zu den eindrucksvollsten Texten der Bibel. In dramatischem Stil und in packenden Bildern betrauert der Prophet die Besetzung und den Untergang der Stadt Jerusalem, die Zerstörung des Tempels und die Vertreibung der Juden durch den babylonischen König Nebukadnezar II. In der römisch-katholischen Kirche erklangen diese Klagelieder in Gregorianischem Gesang vor Anbruch des Tages im morgendlichen Frühgebet der Mönche am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Am Anfang des 16. Jahrhunderts wurden diese nächtlichen Gottesdienste auf den späten Nachmittag des Vortages festgelegt, und bei der Rezitation der Klagelieder zum Ende der Karwoche am Mittwoch, Gründonnerstag und Karfreitag nach Sonnenuntergang entfaltete sich ein strenges Ritual: In festgelegten Abständen wurden nach und nach die Kerzen gelöscht, bis im Kirchenraum völlige Dunkelheit herrschte. Diese Andachten waren zugleich Passionsmeditation und ein religiöses Hochfest des Gefühls der Reue über die eigene Sündhaftigkeit, dessen Inständigkeit noch gesteigert wird, wenn zum Ende einer jeden Lesung eine eindringliche Ermahnung an das Gottesvolk zur Umkehr ergeht: "Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zu dem Herrn, Deinem Gott!"

Es ist nicht verwunderlich, dass die eindringlichen und affektgeladenen Texte Generationen von Komponisten inspiriert haben. Eine besondere Blüte erlebte das Officium tenebrarum der letzten drei Tage der Karwoche im barocken Frankreich, wo die Lecons des Ténèbres zahlreicher Komponisten Zeugnis von der Bedeutung dieses eindringlichen Rituals in der Religionsausübung der Zeit ablegen.

Alfred Deller, der 1979 mit nur 67 Jahren verstorbene Pionier der Kunst des Countertenor-Gesangs, erweckte die Lecons des Ténèbres von Francois Couperin in seiner Aufnahme aus den 70er Jahren zu neuem Leben, seither haben diese ergreifenden Kompositionen in zahlreichen Einspielungen ihr Publikum gefunden. Jetzt legen zwei Grandes Dames der Alten Musik, Emma Kirkby und Agnès Mellon, ihre Version der Stücke vor. Manches hat sich seit Dellers Tagen verändert, so verwendet man heute selbstverständlich die französische Aussprache des Lateinischen, die bis ins 20. Jahrhundert bei unseren Nachbarn ebenso allgemein gebräuchlich war wie hierzulande die deutsche humanistische Aussprache der alten Muttersprache des Abendlandes. Latein war damals ein gemeinsamer geistiger Besitz der Völker der römisch-katholischen Welt (somit auch der Protestanten); niemand wäre auf den Gedanken gekommen, darin ein altertümliches Italienisch zu sehen und die Sprache so auszusprechen. Der Zauber des Zusammenwirkens von französischem Latein und der Musik des Grand siècle ist heute jedem für diese Klanglichkeit Sensiblen in vielen Einspielungen zugänglich.

Die musikalische Gestaltung von Emma Kirkby in den solistisch vorzutragenden Lecons des Ténèbres und das Duett der Sängerinnen in der dritten Lecon des Mittwoch kommen indes der Intensität der altehrwürdigen Deller-Aufnahme ganz nahe, ohne im geringsten eine stilistische Neuauflage zu sein, dafür hat sich in den letzten 30 Jahren in der Darstellung Alter Musik doch zuviel verändert. Das letzte Drittel der CD von Emma Kirkby und Agnès Mellon ist Lecons des Ténèbres von Michel-Richard Delalande (1657-1726) gewidmet, der bisher vor allem durch seine Tafelmusik für den Sonnenkönig bekannt war. Es mag an der alten Vertrautheit des Rezensenten mit den Kompositionen Couperins liegen, dass ihm diese eindrücklicher erscheinen als die Kompositionen Delalandes; die beiden Künstlerinnen, die jeweils eine Lamentation vortragen, machen in der Intensität ihrer Interpretationshaltung keinen Unterschied zwischen beiden Komponisten, und das ist zweifellos auch gerecht so.

Wenn junge Künstler der Alten Musik den Unterschied zwischen virtuos dargestellter und perfekt eingefühlter Interpretation von Alter Musik lernen wollen, mögen sie sich diese CD anhören. Nur für den Fall, dass solche Kategorien noch von Interesse sind.

Vergleichsaufnahme: Alfred Deller (Countertenor), Philipp Todd (Tenor), Raphael Perulli (Gambe), Michel Chapuis (Orgel) harmonia mundi HMA 195210

Detmar Huchting [10.04.2008]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Couperin Leçons de Ténèbres 00:38:41
4 M.-R. de Lalande Leçons de Ténèbres 00:29:10

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Emma Kirkby Sopran
Agnès Mellon Sopran
Charles Medlam Basse de viole
Terence Charlston Orgel
 
1575;7318590015759

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