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CD-Besprechung

BIS 1647

1 CD • 78min • 2006

20.06.2007

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Diese vor Alfred Schnittkes zehntem Todesjahr (2008) veröffentlichte Aufnahme, die Plattengeschichte schreiben wird, ist im Grunde eine Ohrfeige für den gesamten Musikmarkt: Nachdem Irina Schnittke ihre Zustimmung gegeben hatte, dauerte es noch lange, bis Booklet-Autor Aleksandr Ivashkin eine Aufführung dieser frühen, bedeutenden Hauptwerke realisieren konnte. Sergej Burdokov, künstlerischer Leiter des philharmonischen Orchesters in Kapstadt, griff zu. Bei der Vorbereitung mußten weitere Hürden genommen werden – die Manuskripte beider Werke lagen im Londoner Schnittke-Archiv, die Aufführungsmateriale dazu in den Archiven des Moskauer Rundfunks und des Moskauer Konservatoriums. Die Quellen mußten miteinander verglichen und neue, saubere Stimmen hergestellt werden, woran der südafrikanische Komponist Allan Stephenson maßgeblich beteiligt war. Das für einen Riesen-Apparat gesetzte Oratorium Nagasaki, Schnittkes Abschlußarbeit am Konservatorium (1958), war ursprünglich ein dreiviertelstündiges Werk in sechs Sätzen. Der Komponistenverband kritisierte es heftig und ließ eine öffentliche Aufführung nicht zu. Erst als Schnittke einen Satz entfernt und das ursprünglich tragisch endende Finale zu einem politisch erwünschten “Kampf und Sieg” umgearbeitet hatte, durfte Nagasaki einmalig für den staatlichen Rundfunk in Moskau aufgenommen werden. 1959 wurde es einmal in Japan ausgestrahlt, aber nie öffentlich aufgeführt. Mithin handelte es sich bei der Premiere am 23. November 2006 in Kapstadt um die eigentliche Uraufführung – zumindest der revidierten Version: Die sechssätzige Originalfassung steht weiter aus. Nagasaki ist gewaltig, ausdrucksstark und ein erschütterndes Memento für die Opfer des amerikanischen Atombomben-Abwurfs.

Nicht weniger gewichtig ist die Sinfonie, die Schnittke 1957 schrieb und die vom Orchester des Konservatoriums unter Algis Dschuraitis uraufgeführt wurde, bevor sie wieder in der Schublade verschwand. Schnittke hat sie nicht in seinen neunteiligen Zyklus von Sinfonien eingereiht, weshalb sie in der Literatur in Anlehnung an Bruckners annullierte d-Moll-Sinfonie (komponiert 1869) auch die “Nullte” genannt wird. Das entspricht keinesfalls ihrem tatsächlichen Wert; es handelt sich um einen großen, vierzigminütigen Viersätzer, der zwar in manchem an Prokofieff, Schostakowitsch oder Miaskovsky erinnert, aber doch völlig eigenständig und ausgereift wirkt – ein glänzend instrumentiertes Sturm-und-Drang-Stück, das in seiner Ungestümheit manchmal den beiden Sinfonien von Kurt Weill erstaunlich nahe kommt.

Das Cape Philharmonic Orchestra widmet sich im Bewußtsein der Bedeutung seiner Grosstat beiden Giganten staunenswert souverän. Man überhört angesichts dieses enormen Einsatzes gern, daß vor allem die Geigengruppen an ihrer Homogenität arbeiten könnten. Der Chor der Oper in Kapstadt hält ohne weiteres hiesige Standards. Aufhorchen läßt auch die Mezzosopranistin Hanneli Rupert, auch wenn sie in Nagasaki nicht sonderlich viel zu tun hat (Tr. 8). Der Waliser Owain Arwel Hughes, vor allem bekannt geworden durch seine sehr schöne Gesamtaufnahme der Sinfonien von Vagn Holmboe (BIS CD 843/846), bietet höchstes Engagement. Es wäre gleichwohl ein Fehler, mit dieser Einspielung beide Werke “abzuhaken”: Diese frühen Kompositionen Schnittkes haben Größe und Tiefe und sind derart lebendig, daß man sie unbedingt weiterhin aufführen sollte. Wann zum Beispiel wird man sie erstmals in Schnittkes letzter Wahlheimat Hamburg hören dürfen?

Dr. Benjamin G. Cohrs [20.06.2007]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Alfred Schnittke
1Sinfonie (Nr. 0) 00:40:34
5Nagasaki für Mezzosopran, Chor und Orchester (Oratorium) 00:36:09

Interpreten der Einspielung

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