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CD-Besprechung

D. Schostakowitsch • B. Tschaikowsky • M. Weinberg

SWRmusic 1 CD 93.176

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 26.06.06

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SWRmusic 93.176

1 CD • 71min • 2005

Das ist nun wirklich mal eine intelligente Kopplung! Dmitri Schostakowitsch, flankiert von zwei Freunden und Schülern, deren eigenes Schaffen er offenbar ebenso schätzte wie ihre Fertigkeit, seine jeweils neuesten Kreationen in engerem Kreise am vierhändigen Klavier vorzustellen: Das leuchtet ein, geht musikalisch auf, ist biographisch stringent – und befördert uns gleich aufs historische Glatteis. Denn sofort erzählt man uns wieder von der (gewiß perfiden) Ermordung des jüdischen Schauspielers, Theaterleiters und Vordenkers Solomon Michoëls, von der Verhaftung seines Schwiegersohnes Mieczyslaw Weinberg (russisch Moshe Wainberg) und von Dmitri Schostakowitschs erfolgreicher brieflicher Intervention, die das Leben des geschätzten Kollegen gerettet habe. Seltsam nur, daß Isaak Dawydowitsch Glikman, der Empfänger und Herausgeber der Briefe an einen Freund, diesen letzteren Vorgang in seinen sonst so gründlichen Fußnoten nicht erwähnt und daß Krzystof Meyer in seiner großen Biographie sogar genau das Gegenteil behauptet: „Schostakowitsch schrieb Briefe an Lawrenti Berija und versuchte, seinen begabten Kollegen zu retten, aber vergebens.” Ausgerechnet an den Schlächter Berija, möchten wir hinzufügen, den Stalin seinen „Himmler” nannte, dessen Name aber – wie wundersam – in Solomon Volkovs Zeugenaussage ganze zweimal auftaucht, indessen Mieczyslaw Weinberg (Moshe Wainberg) in dem gesamten Buch keinerlei Erwähnung findet.

Eines Tages werden wir vielleicht die Wahrheit kennen, die noch immer durch Ondits verschleiert wird. Gottlob haben wir bei Betrachtung der Musik und ihrer Interpretation schnell wieder festeren, gehaltvolleren und gangbaren Boden unter den Füßen. Was nicht bedeuten soll, daß mir die grundlegende Widersprüchlichkeit der Darstellung entgangen wäre, die vor allem beim Vergleich der Sonaten von Wainberg und Schostakowitsch ins Ohr springt. Während das 1958/59 entstandene Opus des Jüngeren, das wieder einmal so klingt, als hätten wesentliche Teile der Erfindung im Papierkorb des älteren Kollegen gelegen – während also diese Musik auffallend frisch und geradlinig drängend dargeboten wird, gönnt sich das Duo Moser-Rivinius in Schostakowitschs Sonate ein solches Quantum an (nicht notierten) agogischen Freiheiten, daß bereits das Nebenthema des Kopfsatzes zu einer tränenreichen Schnulze gerät, die kaum mehr zu ertragen ist. Wenn sich da nicht plötzlich der Verdacht regte, die beiden Herren könnten ganz bewußt übertrieben haben, was heute als die eigentliche Schwachstelle des Komponisten bezeichnet werden muß: seine Anfälligkeit für fremde Schicksale, sein „Mitleid”, an dem er schließlich wohl auch zerbrach. Wäre das der Beweggrund für die wiederholte Male in die Breite getretene und „ausgekostete” Musik der Cellosonate, dann wäre diese CD nicht nur eine intelligente, sondern eine geradezu genial konzipierte und ausgeführte Produktion. Und ich will einfach mal annehmen, daß letzteres zutrifft. Denn die abschließende Sonate von Boris Tschaikowsky zeigt dann wieder eine straffe, schmerzfreie Spielweise, die das nun auch bald schon 50 Jahre alte Stück ganz nebenbei als veritable Repertoire-Entdeckung kennzeichnet: Auch hier überhört sicherlich niemand die Einflüsse des Lehrers Schostakowitsch, doch insgesamt sind sie in Gesten und Klangkonstellationen eingebettet, die bei dem jüngeren der beiden Schüler den eigenständigeren Ton erkennen lassen. Namentlich der zweite Satz ist von einer ungemein persönlichen Kantilene beherrscht, die wahrlich anders singt als das der Meister getan hätte; und auch das köstliche flautando, mit dem das Finale beginnt, gehört zu jenen erlesenen Momenten, in denen die Züge der Handschrift ihre Selbständigkeit gewinnen.

Editorisch hätte der Veröffentlichung etwas mehr Sorgfalt wohl angestanden: Boris Tcheikosky [sic!] auf Seite 2 des Beihefts sowie die ebendort angebrachte Datierung seiner Sonate auf 1972 [sic!] wären gewiß zu vermeiden gewesen, Einführungstext und Biographien hätten sich vermutlich netter anordnen lassen.

Rasmus van Rijn [26.06.2006]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 M. Weinberg Sonate Nr. 2 op. 63 für Violoncello und Klavier (1958/1959) 00:21:02
4 D. Schostakowitsch Sonate d-Moll op. 40 für Violoncello und Klavier 00:28:34
8 B. Tschaikowsky Sonate für Violoncello und Klavier (1972) 00:21:48

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Johannes Moser Violoncello
Paul Rivinius Klavier
 
93.176;4010276018483

Bezug über Direktlink

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