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CD-Besprechung

Roger Norrington

dirigiert Brahms

Sämtliche Sinfonien

Roger Norrington

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 23.08.06

SWRmusic 93.903

1 DVD-Video • 4h 00min • 2005

Gemischte Gefühle hinterläßt diese DVD-Produktion aller Brahms-Sinfonien unter Roger Norrington bei mir vor allem hinsichtlich der Ausstattung und der Bild-Dramaturgie. Positiv zu vermerken ist die übersichtliche, einfache Navigation; die Zwei-Schichten-DVD-9 erlaubt es überdies, alle vier Sinfonien auf eine einzige Scheibe zu bringen. Es wundert mich freilich, daß im Beiheft keine Track- und Zeit-Angaben zu finden sind. Wer sich dafür interessiert, wieviel Zeit jeweils ein Satz oder welche Gesamtspielzeit eine Sinfonie beansprucht, muß sich die Angaben vom Display notieren.

An Roger Norringtons original englischen Ausführungen über Brahms hatte ich mehr Freude als an der deutschen Version: Man hat auf Voll-Synchronisation verzichtet und die deutschen Sprecher über den im Hintergrund bleibenden Originalton gelegt. Leider gestattet es das Menu nicht, das in vier Teile gesplittete Interview mit Norrington hintereinander weg zu sehen. Am bedauerlichsten finde ich, daß es sich nicht um Live-Aufnahmen handelt. Es hat in meinen Augen etwas Groteskes, wie in der menschenleeren Stuttgarter Liederhalle Orchester und Dirigent im Frack nur für die Kameras spielen. (Vom Gesamteindruck her wirkt das Musizieren ein wenig zu gezwungen, um sagen können, die Musiker spielten wenigstens mit Freude für sich selbst.)

Die Bild-Dramaturgie von Orchester-Aufnahmen scheint seit Karajans frühen Versuchen vor 40 Jahren kaum Fortschritte gemacht zu haben: Es gibt ein paar Grund-Positionen (Totale aus dem Zuschauer-Raum; Maestro frontal von der Mitte, von der linken oder rechten Seite; Musiker- oder Klanggruppen-Aufnahmen von links, rechts und vorn); die Auswahl der Kamera-Einstellung folgt platt der Partitur: Solo in der Flöte? Totale Flöte. Plötzlich auftauchende, interessante Nebenstimme im Cello? Cello-Gruppe. Zwischendurch der Maestro, vor allem bei Übergängen und natürlich bei emotional aufwühlenden Stellen. Hinzu kommt, daß es zwischen den Sätzen bei der Anzeige der Tempo-Angaben immer kurze Standbilder von Instrumenten gibt, die sich jeweils im Einsatz zu befinden scheinen. Nur haben diese Füllsel nichts mit dem eigentlichen Werk zu tun und wirken wie ein filmisches Äquivalent der Leersekunden zwischen Tracks auf einer Audio-CD. Das reißt den Zuschauer immer wieder aus dem Bilderlebnis. Irgendeine Art von attacca-Musizieren läßt sich so nicht vermitteln. Hätte man hier nicht kreativere Lösungen finden können? Selbst ein Standbild der Anfangseinstellung des jeweils neuen Satzes wäre vielleicht noch erträglicher gewesen.

Ich muß gestehen, daß eine gute Audio-Produktion mir doch lieber als eine Video-Aufzeichnung ist, zumal alle vier Sinfonien in schlüssigen Interpretationen erklingen, die Norringtons eigene Vorgabe mit den London Classical Players in einer Hinsicht überbieten – alles klingt ausgereifter, abgeklärter. Allerdings bleibt dadurch auch gelegentlich der Sturm-und-Drang-Charakter mancher Passagen auf der Strecke. Dies mag einerseits an den veränderten Bedingungen liegen: Die Classical Players spielten mit einer relativ kleinen Streicherbesetzung (10-10-8-6-6) und einfach besetzten Holzbläsern; das RSO spielt in der großen, leeren und dadurch vielleicht etwas über-resonanten Liederhalle in großer Streicherbesetzung mit durchweg verdoppelten Holzbläsern. Dadurch werden bei Wahrung der Durchhörbarkeit die Tempi naturgemäß breiter. Andererseits gelingt es Norrington nicht immer, den unwiderstehlichen Sog mancher Sätze so schön zu realisieren wie in den alten EMI-Einspielungen – ausgenommen allenfalls der Kopfsatz der Ersten. Darunter leiden insbesondere die Kopfsätze der dritten und vierten Sinfonie, die nicht so recht in Gang kommen und dann nicht stringent auf den Schluß hin entwickelt wirken. Nicht überzeugt hat mich auch das gefällig-elegante Scherzo der vierten Sinfonie, das vom Charakter weit mehr nach Elgar als nach Brahms klingt. Da dachte ich mit leiser Wehmut an die unerreichte Einspielung von Carlos Kleiber (Deutsche Grammophon 457 706 2) mit den herrlichen Atemstauungen, welche den Kraftausbrüchen des Themas mehr Gewicht verleihen und den Hörer staunen lassen.

Eine Freude ist es durchaus, das RSO Stuttgart und Norrington diese Werke so selbstverständlich und liebevoll musizieren zu erleben. Uneingeschränkt glücklich machen insbesondere die Innensätze aller Sinfonien, beseelt und lyrisch vorgetragen. Die Finalsätze der ersten und zweiten Sinfonie sind vielleicht ein wenig zu plakativ; doch das Verebben am Schluß der dritten Sinfonie ist atemberaubend, und die kompromißlose Strenge der Finale-Passacaglia der Vierten geradezu bestürzend. Die Balance ist dank historisch informierter Spielweise und entsprechender Orchesteraufstellung vorbildlich. Zum farbigen Klang tragen die fast ohne Vibrato geblasenen Querflöten aus Holz entscheidend bei – eine lobenswerte Initiative und ein gewaltiger Unterschied zu den modernen Silber- oder Goldflöten. Die Aufnahme demonstriert, daß sich Flötisten um die Durchsetzungfähigkeit auch bei Holzflöten keineswegs sorgen müssen, wenn die Holzbläser verdoppelt sind. Besonders schön ist auch der schlanke Posaunenklang. Schade nur, daß die Trompeten mitunter grell klingen. Die Kameraführung tut ihr Bestes, diesen Eindruck optisch zu kaschieren – die Trompeten sind fast nie zu sehen... Klanglich gibt es an der Produktion wenig auszusetzen: Schon die Stereomischung klingt vorzüglich; die 5.1-Surround-Wiedergabe bietet noch ein Plus an Räumlichkeit und Durchhörbarkeit. Nur vom Gesamteindruck her wirkt das Orchester insgesamt etwas zu rund und glatt – ein Hauch mehr Trockenheit und Körnung hätten gut getan, um mehr Rauhigkeit und Saftigkeit besonders des tiefen Streicherklangs zu erzielen.

Dr. Benjamin G. Cohrs [23.08.2006]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Brahms Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68
2 Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73
3 Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90
4 Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Sir Roger Norrington Dirigent
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR Orchester
 
93.903;4010276439035

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