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CD-Besprechung

Olli Kortekangas: Messenius and Lucia

Ondine 2 CD ODE 1073-2D

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 10.08.06

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Ondine ODE 1073-2D

2 CD • 1h 42min • 2005

Nicht mal ein Jahr ist vergangen, seit die Oper Messenius ja Lucia im finnischen Oulu uraufgeführt wurde, und schon haben wir das Ergebnis dieser ersten Produktion auf zwei CDs vorliegen. Äußerlich ganz im Stile unserer modernsten Unterhaltungsstrategen also, die jedes neue „Kino-Highlight“ wohl schon auf DVD in der Schublade haben, bevor es überhaupt in die Lichtspieltheater kommt: Man könnte ja ein paar Krümel vom multimedialen Kuchen verpassen, und wer weiß, ob das Publikum in ein paar Tagen nicht schon wieder vergessen hat, womit es gerade noch zwangsernährt wurde – immerhin ist die Halbwertzeit des Erinnerungsvermögens inzwischen nur noch mit Präzisionsuhren zu messen ...

Doch was immer die Gründe für die hurtige Herausgabe der Produktion gewesen sein mögen – es war eine gute Tat, die Gunst der Stunde und einer weitgehend sehr guten Besetzung zu nutzen, um das Werk zu konservieren, bevor alle Beteiligten vielleicht in die vier Winde zerstreut sind und der jüngste Solist in den Stimmbruch gekommen ist. Was uns hier offeriert wird, ist eine Komposition, die aus rein musikalischem Blickwinkel fast alles mitbringt, was einem die „echte” Moderne gemeinhin verweigert: Weite Gesangslinien, atmosphärische Schilderungen, tonale Schwerpunkte und Perspektiven, motivische Zusammenhänge und tatsächlich wiedererkennbare Themen; einige fesselnd-dramatische Chorszenen, raffinierte, mitunter spukhafte Klangereignisse, die einen wirklich erschauern lassen; und sogar, man höre und staune, eine derb humoristische Episode – das allein ist schon mehr, als uns ein durchschnittliches Stück Musiktheater von heute zu bieten hat.

Dabei ist die Handlung nicht mal besonders aufregend, sondern im Gegenteil eher eine behäbige Aneinanderreihung in sich geschlossener Bilder aus dem Leben des schwedischen Schriftstellers und Historikers Johannes Jönsson, der in den 1590er Jahren an der ostpreußischen Jesuitenschule Braunsberg unterwiesen wurde und dort von dem Ordenspriester Magnus Andrae den Namen Messenius erhielt. Am Anfang der Oper steht ein nicht eben origineller Vorgang: Die Kunsthistorikerin Karla, eine Figur der Jetztzeit, will das Portrait des Johannes Messenius analysieren, als der Abkonterfeite aus dem Gemälde heraustritt und mit ihr eine Diskussion beginnt, wie man sie gewiß schon manchem Geisteswissenschaftler gewünscht hätte. Anschließend sehen wir den Knaben Johannes in Braunsberg, beim Gespräch mit seiner zukünftigen Ehefrau Lucia in Danzig (1607) und einem weiteren Dialog, in dem er ein Jahr später erklärt, dem katholischen Glauben abschwören und nach Schweden übersiedeln zu wollen. In Uppsala, wo das authentische, freundlicherweise auf dem Cover abgebildete Bild entsteht, kommt es zu theologischen Auseinandersetzungen mit Bischof Rudbeckius, der den Heimkehrer der Ketzerei beschuldigt. Ein paar Jahre später wird Messenius als Hochverräter verurteilt und mit seiner gesamten Familie auf der Burg Kajaani „lebenslänglich” inhaftiert.

Zeiten der größten Entbehrungen, visionäre Gespräche mit dem früheren Lehrer Magnus Andrae, ein brutaler Hauptmann, der Lucia nachstellt, zwischendurch Karlas Einwendungen, dann der Befehl des Königs, Messenius’ Kinder nach Stockholm zu schaffen und endlich nach dem Tode des Königs Gustav II. Adolf (1634) die Begnadigung – das sind die Stationen. Was sie miteinander verbindet, ist so leicht nicht herauszufinden, jedenfalls nicht für ein schlichtes Gemüt, wie ich es bin: Warum schwört Messenius seinem Glauben ab? Aus Karrieregründen oder Überzeugung? Was treibt ihn, seine große Scondia illustrata zu schreiben, die Geschichte Skandinaviens von der Sintflut bis zur (damaligen) Gegenwart? Welche Konsequenzen haben die nächtlichen Heimsuchungen durch den Geist des Magnus? Wie kommt es zu der Beschuldigung, er habe insgeheim noch immer Kontakte zu den Jesuiten und sei daher ein Hochverräter? Was steckt hinter den heftigen Streitereien mit Rudbeckius? Daß man sich gegenseitig Schimpfworte an den Kopf wirft, mag in Parlamentsdebatten genügen, ist auf anderen Bühnen aber ein wenig dürftig...

Olli Kortekangas hat diese statische Bilderfolge offensichtlich nur als Vorwand benutzt, um seine eindrucksvolle, historisch orientierte und doch praktisch zitatfreie, vielfach ganz unmittelbar packende Musik zu schreiben: Die nachgerade schaurig-schöne Stimmung, mit der die Jesuitenschule gezeichnet wird; der zarte Dialog Messenius-Lucia über das unterschiedliche Verständnis von Liebe; die Traumsequenzen; oder auch die gewalttätigen Ausbrüche des hirnlosen Hauptmanns und schließlich der triumphale, ein wenig orffische Jubelchor „Der König ist tot“ sind nur einige der auffallendsten Momente in einem auffallenden Werk, das immer wieder mal beinahe so klingt, als ließe Jean Sibelius jemanden ein Cellosolo aus seiner vierten Sinfonie spielen – aber eben nur beinahe, wie alles, was uns vielleicht an „etwas“ erinnert und ganz subtil auf der historischen Zeitachse hin und her bewegt (im übrigen könnte ich mir Ärgeres vorstellen als eine Reverenz vor dem Mann aus Järvenpää).

Zur Ausführung ist wenig zu sagen – wie immer, wenn man es mit einer Premiere zu tun hat. Hannu Niemelä in der Titelrolle hätte gelegentlich autoritärer und bitterer auftreten können; die Stimme der Karla (Essi Luttinen) will mir besonders im Prolog an der Oberfläche ein wenig zu rauh erscheinen, während die Lucia von Päivi Nisula ganz vorzüglich die liebende Dulderin vermittelt, aus deren ungebrochener Zuneigung man nie recht klug wird; der Hauptmann (Jouni Kokora) und der Jesuit Magnus Andrae (Niklas Spångberg) geben ihren jeweiligen Partien den gehörigen Anstrich; und der Rudbeckius des Tenors Lassi Virtanen ist fürwahr der Inbegriff eines Zeloten – angesichts seiner bigotten Hysterie fragt man sich unwillkürlich, was dieser „Mann Gottes“ wohl zu verbergen habe.

Unangenehm fallen lediglich einige zu harte, quasi ungepolsterte Track-Anfänge auf. Das Booklet ist rundum informativ und einwandfrei.

Rasmus van Rijn [10.08.2006]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 O. Kortekangas Messenius and Lucia

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Hannu Niemelä Johannes Messenius, Historiker - Bariton
Pälvi Nisula Lucia Grothusen, Messenius' Frau - Sopran
Essi Luttinen Karla, Kunsthistorikerin - Mezzosopran
Niklas Spangenberg Magnus Andrae, Ordenspriester - Baß
Lassi Virtanen Rudbeckius, Bischof - Tenor
Jouni Kokora Captain, Burghauptmann auf der Burg Kajaani - Bariton
Paula Etelävuori Elsa, Magd - Alt
Jaakko Kuusela Papista, Kaufmann - Bariton
Boys' Choir Ynnin Pojat Chor
Oulu Chamber Choir Chor
Oulu Symphony Orchestra Orchester
Arvo Volmer Dirigent
 
ODE 1073-2D;0761195107324

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