Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Über uns | Impressum | Kontakt | Sitemap

Suche

CD-Besprechung

Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail KV 384

Oper Frankfurt 1 DVD-Video 280 072

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 24.01.06

Oper Frankfurt 280 072

1 DVD-Video • 3h 05min • 2004

Mozarts Entführung aus dem Serail haftet nach wie vor hartnäckig das Image vom harmlos-heiteren, entspannt einem unausweichlichen Happy-End entgegensteuernden Singspiel an. Auf CD hat erstmals Nikolaus Harnoncourt mit seiner bahnbrechenden Einspielung aus dem Jahr 1984 damit Schluss gemacht und gezeigt, dass sich in Mozarts Musik mehr verbirgt als nettes Schellengeklingel und sich ins Ohr schmeichelnde Holzbläserkantilenen. Irritierend, ja fast brutal akzentuierte er in den „türkischen“ Musikzitaten in der Ouvertüre, in den Janitscharenchören, im Duett Pedrillo-Osmin etc. die geräuschhaften Klänge dieser Musik, die das fremde, exotische, auch gefährliche Ambiente der Türkei evozieren sollen. Die Dirigentin der Frankfurter Aufführung, Julia Jones, hat sich die Harnoncourt-Aufnahme gut angehört und lehnt sich an deren musikalische Grundkonzeption unüberhörbar an. Dazu gehört vor allem Harnoncourts wohlkalkulierte Tempodramaturgie, die, ausgehend von den Tempo-Extremen für den Gesamtablauf des Stücks schlüssige Spannungsverhältnisse entwickelt.

Ihr optisches Echo findet Jones’ Dirigat in Christof Loys intelligenter, nicht mit Überraschungen und Ungewohntem geizender Regie. Er verzichtet fast völlig auf den üblichen orientalischen Firlefanz, lässt auf einer fast leeren Bühne spielen, wo die diversen Schauplätze nur durch wenige Requisiten angedeutet werden. Loy konzentriert sich auf das Personendrama, das heißt auf die beiden Figurendreiecke Belmonte-Konstanze-Bassa Selim und Pedrillo-Blondchen-Osmin und versucht hier die gängigen Klischees aufzubrechen: von einer reinen, unerschütterlich und ungefährdet liebenden Konstanze, einem Belmonte, der nur hehren Idealen nachhängt, einem oberflächlich plapperhaften Blondchen, einem treuherzig naiven Pedrillo, einem Osmin, der der Inbegriff eines brutalen und geilen Christenfressers ist und – last but not least – einem Bassa Selim, der nicht viel mehr ist als ein mobiles Versatzstück auf der Bühne, dessen Menschsein nur in zwei völlig konträren Momenten zutage tritt: wenn er Konstanze „Martern aller Arten“ androht und wenn er – völlig unvermittelt und unbegründet – am Ende milde Nachsicht übt. In Loys Regie ist nichts eindeutig, klischeehaft oder schwarz-weiß gezeichnet, hier gibt es keine Typen, sondern es agieren Menschen aus Fleisch und Blut mit all ihren Widersprüchen, Konflikten, psychischen Abgründen und den in ihrem Inneren sinneverwirrend waltenden Emotionen.

Das durchweg sehr junge Sängerteam trägt dieses Konzept nicht nur darstellerisch und schauspielerisch beeindruckend glaubhaft mit, sondern vermag auch gesanglich-musikalisch zu überzeugen. Daniel Kirchs schön timbrierter lyrischer Tenor hat seine besten Momente, wenn er Temperament und Leidenschaft zeigen darf, könnte in den Koloraturen noch mehr Geschmeidigkeit entwickeln. Peter Marshs Pedrillo ist keineswegs der abgetakelte Charaktertenor oder stimmlose Buffo, die man in dieser Rolle häufig antrifft, sondern spielgewandt, agil und an tenoraler Lyrik seinem Herrn Belmonte durchaus ebenbürtig. Auch Kerstin Avemo bringt für die hier zu erlebende Konzeption des Blondchens als gestandene junge Frau mit Selbstbewusstsein und Durchsetzungswillen die entsprechende stimmliche Präsenz und darstellerische Souveränität mit. Einzig Jaco Huijpen erliegt mitunter der Versuchung, den Haremswächter Osmin einseitig als grimmigen, augenrollenden, primitiven Bösewicht zu zeichnen, doch gelingen ihm im 2. Akt auch sensiblere Nuancen, die die Figur differenzierter erscheinen lassen. Exzellent Christoph Quest als Bassa Selim, der diese von der Regie häufig stiefmütterlich behandelte Sprechrolle dank seines facettenreichen Spiels zur Hauptfigur aufwertet. Prima inter pares: die überragende Diana Damrau als Konstanze, nicht nur mit einer stimmlich makellosen Leistung, die durchaus mit jener der jungen Edita Gruberova konkurrieren kann, ja ihr sogar an darstellerischer Intensität und Expressivität überlegen ist. Auch dank der Präsenz und Glaubwürdigkeit ihres Bühnenspiels gelingt der jungen Sopranistin ein faszinierendes, tief berührendes Porträt.

Kurt Malisch † [24.01.2006]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 W.A. Mozart Die Entführung aus dem Serail KV 384

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Diana Damrau Konstanze - Sopran
Kerstin Avemo Blonde - Sopran
Daniel Kirch Belmonte - Tenor
Peter Marsh Pedrillo - Tenor
Jaco Huijpen Osmin - Baß
Christoph Quest Bassa Selim - Sprechrolle
Chor der Oper Frankfurt Chor
Frankfurter Museumsorchester Orchester
Julia Jones Dirigent
Christof Loy Inszenierung
Herbert Murauer Bühnenbild und Kostüme
Olaf Winter Licht
Berry Gavin Regie
 
280 072;4035714280727

Bestellen bei jpc

 

Das könnte Sie auch interessieren:

 

⇑ nach oben

AGBs Impressum Kontakt Mediadaten Sitemap Datenschutz

© Klassik Heute

jpc