Anzeige

Teilen auf Facebook RSS-Feed Klassik Heute
Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

CD • SACD • DVD-Audio • DVD Video

CD-Besprechung

Harry Potter

Warner Bros 9362 49631 2

1 CD • 75min • 2005

21.12.2005

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Als bekannt wurde, dass Filmmusik-Legende John Williams (geb. 1932) nach bisher drei Partituren für den Zauberlehrling seinen Stuhl zugunsten Patrick Doyles (geb. 1953) räumen würde, sorgte Warner Brothers damit für reichlich Aufruhr in der Filmmusik-Szene. Williams hat sich mit seiner Arbeit zu Harry Potter zwar nicht unbedingt selbst übertroffen, aber er verlieh mit einer Fülle reizvoller charakteristischer Themen und Motive der Serie Profil und Kontinuität. Wenn die Celesta zum rührigen Hedwig-Thema anstimmt und sich dazu vor düsteren Wolken der markante Potter-Schriftzug zu erkennen gibt, ist mittlerweile jedem klar, was ihn tendenziell in den nächsten Stunden erwartet. In diesem Stadium der Serie die musikalische Leitung in fremde Hände zu legen, scheint vor dem beschriebenen Hintergrund zunächst als fragwürdig. Aber warum auch immer Williams das Projekt ablehnte, Doyle hat sich an ihm zu keinem Zeitpunkt stilistisch orientiert sondern versuchte eher, Joanne Kathleen Rowlings Phantasiewelt mit eigenen Mitteln zum Klingen zu bringen.

Patrick Doyle wurde einer internationalen Zuhörerschaft bekannt, als er für Kenneth Branagh’s Leinwand-Adaptionen einiger Shakespeare-Dramen im letzten Jahrzehnt die Filmmusik komponierte (u.a. Henry V, Much Ado About Nothing, Hamlet). Sein Stil ist flächig und sinfonisch, er arbeitet mit vielen traditionellen Formen und legt den Schwerpunkt seiner Filmmusik auf klangliche Untermalung anstatt melodische und instrumentale Charakterisierung. Das ist auch schon der Haupt-Unterschied zu Williams’ Vorgehen. Gleich von Beginn an macht Doyle ohne Zugeständnisse an seinen Vorgänger klar, welche musikalische Konsequenzen der Wechsel mit sich bringt. An Stelle der Celesta eröffnet eine drohende Ostinato-Klangkulisse in Moll den Zauberreigen (The Story Continues) und deutet auf den (Wett-)Kampf-Charakter des vierten Abenteuers hin – von nun an also mehr Klang statt Thematik. Obwohl die Partitur trotzdem stellenweise überaus melodisch gestaltet ist, ist dies dennoch keine Leitmotivik, sondern eher Farbe. Doyle hat zwar einige weinige Motive neu geschaffen (Voldemort, „Liebes-Thema“ in Harry in Winter, Hogwarts’ Hymn), jedoch erschließen diese sich nicht beim ersten Hören, da sie nicht sehr markant verwendet werden und teilweise charakterlich ähnlich sind. Die Instrumentierung ist wenig abwechslungsreich und tritt in atmosphärischen Standards oft auf der Stelle. Dabei stört zuweilen der inflationäre Gebrauch des anfangs überzeugend eingesetzten Schlagwerks (besonders Gran Cassa und Becken). Die dominanten Instrumentengruppen sind erwartungsgemäß Streicher und Blechbläser, wobei der Klang der Einspielung aufnahmetechnisch und kompositorisch von Anfang an auf das gesamte Orchester setzt. Dieses scheint zu keinem Zeitpunkt überfordert und spielt eher routiniert und vor allem laut. Auch im Falle der Harmonik kann man nicht unbedingt von Komplexität sprechen und dennoch bildet sie zusammen mit der Klischee-Instrumentierung (einfallslos ausgerechnet Death of Cedric) das kompositorische Hauptelement zur Erzeugung der gewünschten Stimmungen.

Der Pluspunkt in Doyles Arbeit ist die mit allen orchestralen Mitteln erzeugte Spannung. Musikalische Phrasen erschöpfen sich im Verhältnis zwischen Bild und Musik nicht 1:1, sondern spannen weite Bögen und geben den einzelnen Tracks des Albums Identität und Selbständigkeit in Bezug auf das Leinwandgeschehen. Einen weiteren Höhepunkt des Soundtracks bilden vier Stücke, die auf musikhistorische Gattungen zurückgreifen: zwei wunderbare und leicht instrumentierte (!) Walzer (Neville’s Waltz, Potter Waltz), ein exzellent eingespielter Marsch für Blechbläser (Hogwarts’ March) sowie eine elegische, aber wohltuend zurückhaltende Hymne auf Hogwarts (Hogwarts’ Hymn). Diese Stücke sind in sich geschlossen sind und können auch ohne die Bilder bestehen.

Der Vollständigkeit halber müssen noch die drei letzten Tracks des Albums erwähnt werden, welche per Aufkleber wieder gar zu Highlights der CD gekürt werden: Do the Hippogriff, This is the Night sowie Music Works. Dies sind die Songs, zu denen die Teenies in der Filmdisko tanzen, eingespielt von Größen der britischen Musikszene. Unabhängig davon, ob man die Titel mag oder nicht, gehören sie auf keinen Fall auf einen instrumentalen Soundtrack diesen Ranges. Der dramaturgische Bruch ist gewaltig, künstlerisch und nur durch den Blick auf dem Markt zu erklären.

Tobias Gebauer [21.12.2005]

Anzeige

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Patrick Doyle
1Harry Potter und der Feuerkelch (Score Music)

Interpreten der Einspielung

Vorherige ⬌ nächste Rezension

24.03.2003
»zur Besprechung«

 / Telarc
/ Telarc

16.09.2009
»zur Besprechung«

 / LSO
/ LSO

zurück zur Liste

Das könnte Sie auch interessieren

08.08.2021
»zur Besprechung«

Ludwig van Beethoven, Complete Piano Concertos
Ludwig van Beethoven, Complete Piano Concertos

21.08.2018
»zur Besprechung«

Anne-Sophie Mutter, Hommage à Penderecki / DG
Anne-Sophie Mutter, Hommage à Penderecki / DG

10.08.2018
»zur Besprechung«

American Symphonies / BIS
American Symphonies / BIS

11.06.2018
»zur Besprechung«

Bartók, Violin Concertos Nos. 1 & 2 / Erato
Bartók, Violin Concertos Nos. 1 & 2 / Erato

Anzeige

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Anzeige