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CD-Besprechung

V. Holmboe

BIS 1 CD CD-1176

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 04.02.05

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BIS CD-1176

1 CD • 78min • 2004

Der Däne Vagn Holmboe (1909-1996) war nicht nur ein immens fleißiger, sondern auch ein überaus charaktervoller Komponist. Früh hatte er die Grundlagen seines Stils gefunden, und diesen blieb er über die Jahrzehnte hin treu, ohne daß er sich je von den scheinbar Erfolg und Subventionen versprechenden Modeerscheinungen der Neuzeit hätte ablenken lassen. Ein engstirniger Konservativer also? Mitnichten, wie schon ein flüchtiger Blick auf die dreizehn großen Kapitel seines sinfonischen Schaffens verrät: Was er in diesen zwischen 1935 und 1994 entstandenen Werken an expressiven, formalen und technischen Mitteln erprobte, wäre allein schon genug für einen der vorderen Plätze in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts – wenn, ja wenn er eben nicht „aus der Art geschlagen” wäre und sich dem Avantgardismus so ganz und gar versagt hätte.

Seine schöpferischen Quellen waren nicht Schönberg oder Webern, sondern vielmehr Carl Nielsen (der tatsächlich auch noch in den späten Sinfonien zu erahnen ist), Igor Strawinsky und Béla Bartók, dann freilich auch die Berliner Lehrer Ernst Toch und Paul Hindemith, und diese Einflüsse resultierten in einer Diktion, die Platz bot für ergreifendste Emotionen wie in der vierten Sinfonie, Sinfonia sacra, für Chor und Orchester (1941/45), für feinste, bezaubernde Instrumentalspiele wie im zentralen Variationssatz der dritten, aber auch für subtile, mal forsch-freche, mal verklärte a cappella-Chorsätze und schließlich für ein regelrechtes Universum an Streichquartetten, die es qualitativ ohne weiteres mit den Kreationen des drei Jahre älteren Kollegen Dmitri Schostakowitsch aufnehmen und ihn quantitativ um fünf Exemplare übertreffen. Im Gegensatz zu diesem hat Holmboe allerdings stets versucht, seine persönlichen Gefühle nicht in den Vordergrund zu rücken: „Das Gefühl ist nicht das Ziel. Man kann hingegen sagen, daß das Gefühl jene Triebkraft ist, durch die der Komponist angeregt wird, sich in dem für ihn natürlichen Material auszudrücken: der Musik. Diese gefühlsmäßige Ursache ... kann dem Hörer egal sein, wenn er dem Kunstwerk gegenüber steht. Dieses muß allein stehen können, ohne Erklärung oder Begründung ...” Das mag der Grund für die leichte und doch allenthalben spürbare Distanz zwischen dem Urheber und seinem Werk, aber auch zwischen Werk und Hörer sein: Es ist prinzipiell dasselbe Phänomen, dem wir uns bei Strawinsky gegenübersehen – und der vermag uns bekanntlich noch immer zu faszinieren.

Auf der aktuellen, bis an den Rand gefüllten BIS-CD gibt es nun weitere Nachrichten von Vagn Holmboe, und zwar mit demselben Team, das noch zu Lebzeiten des Komponisten sämtliche Sinfonien eingespielt hat (BIS 843/846). Und wieder steht ein Schaffenssegment auf dem Programm, das – wie die Sinfonien und die Streichquartette – einen größeren Komplex bildet. Insgesamt dreizehn Kammerkonzerte für unterschiedliche Soloinstrumente oder Concertino-Besetzungen hat Holmboe komponiert, und von diesen sind hier die Nummern 1 für Klavier op. 17 (1939), 3 für Klarinette (1940-42) und 7 für Oboe (1944/45) aufgenommen worden, zwischen denen, wie man bald feststellt, ein größeres verwandtschaftliches Verhältnis besteht als etwa zu den jeweils benachbarten Sinfonien Nr. 2 op. 15, Nr. 3 op. 25 und Nr. 5 op. 35 – was sich zunächst in einer völlig andern Formgestaltung niederschlägt: Anders als diese dreisätzig angelegten Sinfonien bestehen die Konzerte durchweg aus nur zwei Sätzen, deren erster zwei bis dreimal so lang ist wie der jeweilige Final-Appendix und in rhapsodischen Ausflügen von wilder Virtuosität bis zu fabelhafter Filigranarbeit, von massivem Muskelspiel bis zu subtilsten Sequenzen und geradezu witzigen Wendungen reicht.

Als nächstes werden wir feststellen, daß alle drei Stücke ausgesprochen idiomatisch sind, daß also Holmboe ganz offenkundig mit der Entscheidung für ein bestimmtes Solo-Instrument nicht nur vordergründig den naturgegebenen Tonraum festlegte, sondern daß diese Entscheidung über das Technische hinaus die Gestaltung der Musik und auch die Orchesterbehandlung definierte. Der fröhliche, trompetenhaltige Auftakt für das Klarinettenkonzert, die tiefen, bartókisch grübelnden Streicher, die den Einsatz des Klaviers vorbereiten, und die ruhige Pastoralgrundierung für die Oboe stammen zwar unüberhörbar von ein und demselben Komponisten, ergeben aber je ganz eigene, vom instrumentalen Individuum projizierte Architekturen, die – wie es Holmboe stets wollte – „für sich allein stehen” können.

Dementsprechend dankbar sind die drei Werke für die Interpreten, die durchweg mit Spielwitz, mitunter sogar mit wahrem Behagen zur Sache gehen. Von der Studiotechnik hätte man sich allenfalls einen etwas günstigeren Blickwinkel auf das Klavier gewünscht, das so, wie es hier aufgenommen wurde, im Kern immer dann ein wenig blechern klingt, wenn die große konzertante Gebärde gefordert wird. Ansonsten ist an der Produktion nichts auszusetzen, insbesondere nicht an der Wahl des Schlußstücks Beatus Parvo op. 117, in dem Vagn Holmboe einige Verse des 32. Psalms derart schön und schlicht vertont hat, daß man schon nach wenigen Augenblicken die Waffen streckt. Und wieder zeigt sich, daß die Elemente der verschiedenen Schaffensbereiche diachron enger miteinander verknüpft sind als die zeitgleich entstandenen Werke anderer Gattungen, daß also die Sinfonik, die Konzerte, die Quartette und die Chormusik jeweils eigene Familien bilden. Wie anders wäre es zu erklären, daß Beatus Parvo zwar mehr als dreißig Jahre nach der Sinfonia sacra entstand, ihr aber in der Gesanglichkeit um so vieles näher ist als der zehnten oder elften Sinfonie, die die Psalmkomposition umrahmen? Schier unvorstellbar, daß Vagn Holmboe je den Blick für das Medium verloren und beispielsweise Abstrakt-Instrumentales für Chor gesetzt hätte. Mit dieser Haltung war natürlich vorübergehend unmodern, aber desto erfreulicher dürfte die Zukunft seiner Musik sein.

Rasmus van Rijn [04.02.2005]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 V. Holmboe Konzert op. 17 für Klavier und Orchester
2 Konzert op. 21 für Klarinette und Orchester
3 Konzert op. 37 für Oboe und Orchester
4 Beatus Parvo op. 117 für Chor und Orchester

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Danish National Opera Choir Chor
Aalborg Symphony Orchestra Orchester
Owain Arwel Hughes Dirigent
 
CD-1176;7318590011768

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