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CD-Besprechung

Hilary Hahn

Elgar • Vaughan Williams

Hilary Hahn

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7

Klangqualität:
Klangqualität: 7

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Besprechung: 10.11.04

DG 00289 474 5042

1 CD • 66min • 2003

Um das Pferd einmal von hinten aufzuzäumen: Michael Kennedy gibt in seinem Standardwerk „A Catalogue of the Works of Ralph Vaughan Williams“ für The lark ascending eine ungefähre Spieldauer von 13 Minuten an. Hier beträgt sie 16’21, und allein die einleitenden beiden Takte der nach dem Elgar-Konzert plazierten Romanze dauern in dieser Neueinspielung 24 Sekunden! Das gibt zu denken; man schaut in die Partitur: Der Komponist schreibt dort Andante sostenuto und 6/8-Takt. Sodann folgt eine ausführliche Violinkadenz in freiem Tempo, in Takt 5 „a tempo“. Begleitung und Rhythmus entsprechen einem typischen Siciliano, und folgt man den Tempovorschriften des Komponisten, so sollte das Anfangstempo der beiden Einleitungstakte und das Hauptzeitmaß identisch sein. Doch als hier bei 2’33 das fragliche „a tempo“ erreicht wird, dauern zwei Takte nur sechs Sekunden. Mit anderen Worten: Colin Davis gelingt das Kunststück, die beiden Anfangstakte viermal langsamer zu nehmen. Das ergibt für das Hauptzeitmaß punktierte Viertel gleich etwa 42, für den Anfang jedoch Achtel gleich 30 (nämlich 2 Sekunden pro Achtel). Nun ist zwar keine dezidierte Metronomangabe beigegeben, doch auch wenn man zugesteht, daß derlei Stellen bei Vaughan Williams von Interpreten gern verschleppt werden, um die Musik – ähnlich wie bei Bruckner – etwas weihevoller zu machen (beispielsweise der Beginn der Tallis-Fantasy, wo das Andante sostenuto Viertel = 56 entspricht) – Colin Davis übertreibt es hier.

Auch die Solistin Hilary Hahn fühlt sich dabei offenbar nicht sonderlich wohl; man glaubt in den begleiteten Passagen immer wieder, daß sie lieber etwas rascher vorangehen würde. Kaum erträglich wird die Einspielung allein schon durch die Gewohnheit des Dirigenten, um sein Unvermögen, das eingeschlagene langsame Tempo auch zu halten, zu kaschieren, mehrtaktige Abschnitte durch Ritardandi abzufangen. Die Musik kommt da praktisch immer wieder zum Stillstand. Noch störender ist die Nivellierung der schwingenden, kleinatmigen Bögen des Werkes, die Davis geradezu mit dem Pinsel zukleistert (vgl. z.B. die breite Phrasierung der Holzbläser und der Solisten über jede gesetzte Artikulation hinweg, T. 69/Tr. 4, ab 7’04). „Cantabile“ in der Partitur soll doch wohl keineswegs heißen, nicht mehr zu artikulieren und in die Vibrato-Sauciere zu tauchen. Das ist wie bei Karajan, der bei jedem „dolce“ bei Mozart sofort den Klang süßlich aufblühen ließ – weil er nicht wußte, das Mozart „dolce“ in der Regel als Abschwächung von piano verstand, er aber nicht pianissimo schrieb...

Tödlich gelangweilt ist man schließlich am Ende dieser unglücklichen Romanze, ungeachtet des betörenden, doch angesichts dieser Begleitung völlig wirkungslos verpuffenden Nobeltons von Hilary Hahn. Alle Nuancen, vor allem das Exaltierte der Musik, die sich völlig vom Irdischen loslöst, fehlen hier – als ob die Lerche in grauen Herbstnebel aufsteigt, bei Sichtweiten unter 50 Meter. Wer einen angemessenen Eindruck des Werkes haben möchte, sollte die historische Einspielung konsultieren, die Jean Pougnet, begleitet vom London Philharmonic Orchestra unter Adrian Boult, am 21. Oktober 1952 wohl im Beisein des Komponisten in den gleichen Abbey Road Studios einspielte (EMI CDH 7 63308 2). Dann versteht man auch, daß diese pastorale Miniatur an die Siziliano-Sätze des von RVW sehr geschätzen Bach anknüpft und nicht etwa an die (1914 in England ohnehin kaum bekannten) nordischen Weiten von Jean Sibelius...

Auch das Elgar-Konzert legt Zeugnis ab von dem geradezu verzweifelten Bemühen des Orchesters und seines Dirigenten, der Musik durch die oben beschriebenen Weichzeichner-Effekte (und vielleicht auch das ununterdrückte Atmen, Ächzen, Stöhnen und Summen des Dirigenten) zusätzliche „Bedeutung“ und „Tiefe“ zu verleihen. Oft kommt das Werk nicht von der Stelle; allzu selten greift Davis packend zu wie beispielsweise im Durchführungshöhepunkt des Kopfsatzes oder zu Beginn des Finales. Die Balanceprobleme des LSO mit seinen monströsen Blechbläsern werden in derlei Studioproduktionen zwar nicht so deutlich wie in den Live-Mitschnitten des LSO-Live-Labels aus dem akustisch entsetzlichen Barbican Center, doch hatten offenbar die Tontechniker auch hier einige Mühe, das Blech herunterzupegeln. Manchmal bricht es erschreckend barbarisch durch. Dem Orchesterklang fehlt es auch insgesamt an Differenzierung. Die Streicher etwa klingen immer ähnlich – goldwarm, schwül, stets leicht verhangen. Ein signifikantes Beispiel: Es macht klanglich fast keinen Unterschied, ob Dämpfer benutzt werden (Tr. 2, Anfang) oder nicht... Auch die Holzbläser wirken fast völlig farb- und charakterlos.

Alle Bemühungen um musikalische Details zeugen angesichts dieser Nivellierungen meines Erachtens von einer geradezu erschreckenden Hilflosigkeit. Das finde ich besonders – ja, tragisch für die ausgezeichnete Solistin, für die diese Produktion laut Beiheft eine persönliche Bedeutung hat (das Album ist ihren Eltern gewidmet). Hilary Hahn spielt das Konzert mit genau jenem aufrichtigen inneren Engagement, das man von der Begleitung her weitgehend vermißt, legt ihre ganze Seele in diese Musik, von deren Größe und Erhabenheit ihr Spiel zeugt. Ich wünschte für die Solistin, ich könnte über diese Aufnahme als Ganzes viel positiver urteilen. Doch wenn man die verschiedenen historischen Einspielungen dieses Werkes (z.B. Sammons 1929, Menuhin 1932 und Heifetz oder die großartige Produktion von Ida Haendel unter Boult) hört, kann man nicht umhin, über den Gesamteindruck dieser Neueinspielung (den Geigenpart ausdrücklich ausgenommen!) traurig zu sein – zumal selbst Colin Davis’ eigene frühere Konkurrenz-Einspielung aus Münchner Jahren (BMG 9026 61 612 2) vom Orchesterspiel und der Disposition des Werks her weit mehr überzeugt hat als diese. Künstlerisch also eine 10 für Hilary Hahn, eine 4 für die Begleitung... Ich würde diese hochmusikalische, fabelhafte Geigerin mit diesem Konzert gern einmal live und mit anderen Partnern erleben – z. B. mit Roger Norrington oder Paavo Järvi am Pult.

Dr. Benjamin G. Cohrs [10.11.2004]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 E. Elgar Violinkonzert h-Moll op. 61
2 R. Vaughan Williams The Lark Ascending (Die aufsteigende Lerche, Romanze für Violine und Orchester)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Hilary Hahn Violine
London Symphony Orchestra Orchester
Sir Colin Davis Dirigent
 
00289 474 5042;0028947450429

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