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SACD-Besprechung

cpo 999 981-2

1 SACD • 57min • 2003

02.09.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Eines der bekanntesten Werke von Felix Weingartner ist die Hammerklaviersonate von Ludwig van Beethoven, deren Orchesterfassung beweisen sollte, daß es sich bei dem pianistischen Monstrum in Wahrheit um eine Sinfonie handelte. Das ging schief (das Erzherzogtrio oder einige der späten Quartette wäre bessere Objekte gewesen), doch zeigt dieses Experiment ebenso wie die „Fertigstellung” der E-Dur-Sinfonie von Franz Schubert, welch weites musikalisches Interesse und Wissen der aus Dalmatien stammende Edle von Münzberg für seine Berufe mitbrachte.

Rekonstruktive Fähigkeiten sind nun freilich kein Garant für eigenes schöpferisches Potential, sondern, wie uns die leidvolle Erfahrung lehrt, unter Umständen lediglich der Ausdruck eines Vergnügens am Unfertigen. Selbst ein Werkverzeichnis, das rund ein Dutzend Opern, sieben Sinfonien, mehrere Sinfonische Dichtungen, fünf Streichquartette sowie etliche Kammermusik aufführt, sagt noch gar nichts. Man muß die Musik schon hören, und daher ist es im höchsten Maße erfreulich, daß cpo sich jetzt der Orchesterwerke annimmt und schon mit der ersten Veröffentlichung eine Frage beantwortet, die kaum jemand bisher gestellt hat: Ob Weingartners Musik nötig und vielleicht gar eine Repertoirebereicherung sei.

Die Antwort ist nach der hier vorliegenden Kostprobe ein klares Ja. Und das in erster Linie aufgrund der polystilistischen Haltung, welche die 1898 entstandene erste Sinfonie verrät. Wer gern nörgelt, wird sie im Stehen hören wollen wie weiland Johannes Brahms das g-moll-Violinkonzert von Max Bruch. Wer aber beispielsweise Weingartners Beinahe-Zeitgenossen Ferruccio Busoni schätzt (oder gar liebt), der wird hier eine ähnliche künstlerische Grundeinstellung erkennen: Wenn schon Frédéric Chopin nach Schumanns Dafürhalten in seiner zweiten Klaviersonate vier seiner tollsten Kinder zusammengekoppelt hatte, so tut es ihm Weingartner hier nach. Ein nach Böhmens Hain & Flur klingender Kopfsatz; ein Allegretto alla Marcia, das in seinem mahlerischen Trauerton dahinstolpert, bis es sich im Trio in der saftigsten Operettenmelodik verliert und sich am Ende doch recht lisztig für die Heldenklage entscheidet; ein Scherzo, das entgegen dem leicht lieblosen Einführungstext eben nicht Mendelssohn, sondern vielmehr eine Mischung aus Borodin und Tschaikowsky darstellt; und ein Schlußsatz, dessen Refrain sich auch in harmonischer Hinsicht wie ein gemütliches Beisammensein mit Busonis praktisch gleichaltriger Lustspielouvertüre anmutet, dazwischen aber herzlich vor sich hin „böhmakelt” und einen so lustigen, höchst vergnüglichen Kehraus beschert, daß man die nächsten Aufnahmen mit desto größerer Freude erwartet.

Die zwei, drei Jahre ältere Tondichtung King Lear ist so, wie man das von einem jungen Spätromantiker erwarten sollte. Im Booklet wird dankenswerterweise Weingartners eigenes Programm mitgeteilt, und so erfahren wir, daß auch er sich in der Gestalt des greisen Königs getäuscht hat: Der reckt hier sinfonisch die geballte Faust des hintergangenen Vaters ins Gewitter empor, bejammert sein Schicksal, rüffelt und verstößt nach Lust und Laune seine Töchter – und kommt überhaupt nicht auf den Gedanken, daß die Sache ohne seine unerträgliche Rechthaberei und sein pausenloses Gestänker einen ganz andern Verlauf genommen hätte. Dessen ungeachtet ist in der Komposition von dieser Parteinahme eigentlich nichts zu spüren: Als großer sinfonischer Satz zwischen Brahms und Liszt (!) verfehlt dieser King Lear seine Wirkung nicht, obwohl der Komponist das „Drama” insgesamt um ein paar Minuten hätte kürzen dürfen.

Rasmus van Rijn [02.09.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Felix Weingartner
1König Lear op. 20 (sinfonische Dichtung)
2Sinfonie Nr. 1 G-Dur op. 23

Interpreten der Einspielung

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