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CD-Besprechung

Roger Norrington

Berlioz

Roger Norrington

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 04.06.04

SWRmusic 93.103

1 CD • 69min • 2003

Roger Norrington hatte bereits 1989 mit seinen London Classical Players eine fulminante Aufnahme der beiden hier nun erneut vorgelegten Werke gemacht. Seit Beginn seiner Arbeit als Chefdirigent des Radiosinfonieorchester Stuttgart des SWR (RSO) im Herbst 1998 möchte er erforschen, inwieweit sich seine über Jahrzehnte gewonnenen Erkenntnisse über Aufführungspraxis auf moderne Orchester und deren heutige Instrumente übertragen lassen. Mit dieser Idee hat er das RSO in den vergangenen sechs Jahren nicht nur zu einem der besten, sondern auch zu dem wohl am besten historisch informiert spielenden Rundfunkorchester Europas gemacht. Es ist deshalb besonders aussagekräftig, die Neuaufnahmen mit dem RSO mit den früheren EInspielungen zu vergleichen.

Man entdeckt dabei, dass es zunächst vor allem Norringtons besondere Musizierweise ist, mit der er sein Publikum und seine Musiker so sehr. Seine Wiederentdeckung des vibratolosen Streicherklanges erweist sich dabei immer wieder als essentiell für die Musik des 19. Jahrhunderts (wohl erst Mahler begann extensiv Vibrato zu fordern, wie wir beispielsweise aus überlieferten Musiker-Erinnerungen wissen). Nicht weniger wichtig für Norringtons spezifischen Klang ist seine genaue Kenntnis der spezifischen Streicher-Techniken der verschiedenen Schulen des 19. Jahrhunderts, sein Wissen um Besetzungsstärke und räumlich wirksame Disposition der Instrumente auf dem Podium, vor allem jedoch sein untrügliches Gespür für die Schwerewirkungen von Phrasen über das Diktat des Einzeltaktes hinaus, also sein Plazieren von Hebungen und Senkungen übergeordneter Takteinheiten, wodurch jener mitreißende Swing von Norringtons Musizierweise entsteht. Allein durch solche Tugenden kann ein Dirigent jedes professionelle Orchester zu Aufführungen inspirieren, die über dem philharmonischen Durchschnitt stehen.

Bei aller Wertschätzung dieses Dirigenten bleiben doch auch Fragen – zum Beispiel hinsichtlich dieser Neueinspielung der Symphonie Fantastique. Natürlich hebt neben den genannten Vorzügen des Dirigenten allein schon das fulminant spielende RSO diese Produktion von allen anderen ab, nicht zuletzt macht auch die hervorragend eingefangene antiphonische Aufstellung des Orchesters (Geigen links und rechts, je zwei Harfen und je einem Pauken-Set am äußersten linken und rechten Bühnenrand sowie acht Kontrabässen oben hinter dem Orchester), die im Klanggeschehen für einzigartige Raumeffekte und Transparenz sorgt, das Besondere der Aufnahme aus. Auch über Dramaturgie und Stringenz der Aufführung gibt es nichts zu klagen. Norrington nimmt sich noch etwas mehr Zeit als früher, die Klänge sich entfalten zu lassen; auch werden etliche Kühnheiten der Partitur noch hemmungsloser ausgekostet als in der früheren Aufnahme – die knirschenden Dissonanzen im Gang zum Richtplatz und im Hexensabbath beispielsweise. Mit Freude hört man auch die effektiven, in vielen Orchestern immer noch verpönten Portamenti der Violinen im Ball. Und doch scheinen mir insbesondere die heutigen, zu lauten Holz- und Blechblasinstrumente zu sehr miteinander zu verschmelzen und die Eigenfarbigkeit von alten Instrumente so deutlich zu reduzieren. Für meinen Geschmack fehlt dieser Neueinspielung das nervig-rauhe, verstörende Klangbild der früheren Aufnahme ebenso wie der atmende Klang der London Classical Players im ersten und dritten Satz. Abgesehen davon stört mich bei jeder separaten Einspielung der Symphonie Fantastique, dass Berlioz' eigene Dramaturgie außer Acht gelassen wird, die dieses op. 14a explizit mit Lélio oder die Rückkehr ins Leben op. 14bis zu einem dramatischen Gesamtkunstwerk verbindet. Leider hat Norrington sich in seiner viel beachteten Berlioz-Jubiläumsspielzeit ausgerechnet dieses Stück entgehen lassen, von dem überdies zur Zeit keine einzige zufriedenstellende Aufnahme verfügbar ist. So liegt hier zwar immer noch eine der besten Einspielungen dieser Sinfonie auf dem Markt vor, aber doch keine so einsame Sternstunde wie die Pioniertat vor 15 Jahren.

Dr. Benjamin G. Cohrs [04.06.2004]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 H. Berlioz Les francs-juges op. 3 (Die Femerichter, Ouvertüre) 00:12:32
2 Symphonie fantastique op. 14 (Episoden aus dem Leben eines Künstlers) 00:56:18

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR Orchester
Sir Roger Norrington Dirigent
 
93.103;4010276014300

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