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CD-Besprechung

Jean Cras: Polyphème (Lyrisches Drama in 4 Akten, 1922)

timpani 3 CD 3C3078

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 19.04.04

Klassik Heute
Empfehlung

timpani 3C3078

3 CD • 2h 40min • 2003

Da taucht ganz plötzlich eine Oper aus den Fluten der Musikgeschichte auf – so vollendet und genial durchdacht wie die „Nautilus“ des Käpt’n Nemo, und alles, was einem dazu einfällt, ist der abgegriffene, verschlissene Terminus „Sternstunde“, weil schon die ersten Klänge und der erste Eindruck derart überwältigen, daß man schier sprachlos wird ... und das umso mehr, als Jean Cras, der Verfasser des hinreißend schönen Werkes, nicht einmal Komponist war. Geboren in Brest als Sohn einer musikliebenden Familie, schrieb er zwar schon früh die ersten Werke, doch was ihn wie seinen Vater wirklich rief, war der Ozean. Cras senior war Stabsarzt bei der Marine, und sein Sprößling bestand mit 17 Jahren die Aufnahmeprüfungen, die ihm eine glanzvolle Karriere eröffnen sollten: Als er am 14. September 1932 nach einer kurzen schweren Krankheit starb, hatte er es bis zum Konteradmiral und Generalmajor des Hafens von Brest gebracht. In der Zwischenzeit hatte er die Weltmeere befahren, als Kommandant eines Torpedo-Bootes ins Schwarze getroffen, immer neue beeindruckende Musik geschrieben und „ganz nebenbei” mit seinem Polyphème den Preis des Ville de Paris-Wettbewerbs gewonnen. Die erfolgreiche Uraufführung des Werkes fand am 28. Dezember 1922 an der Opéra Comique unter Albert Wolff statt, und niemand wüßte zu sagen, welcher historische Seeteufel dafür verantwortlich ist, daß diese rundum bezaubernde, bewegende, arkadisch schöne Oper nie ins Repertoire gelangte.

Vielleicht liegt es ja daran, daß die jeweils verantwortlichen Programmgestalter zur Spezies der rezeptiven Grobmotoriker gehörten und den Polyphème als einen zweiten Pelléas ansahen, der im Archiv besser als auf der Bühne aufgehoben war. Dabei überwiegen die Unterschiede in ganz erheblichem Maße, obwohl der Dichter Albert Samain (1858-1900) seinen Polyphème ganz deutlich von dem antiken Zyklopen abhebt, der sich durch ganz besonders rüpelhafte Umgangsformen auszeichnete und – bevor er durch „Niemand“ geblendet wurde – mit seiner handfesten Art dem Glück des Liebespaares Acis und Galatea ein radikales Ende machte. Bei Samain hat das Monster gewissermaßen vom Baum der Erkenntnis gegessen: Sein Polyphem weiß, daß er ungeschlacht und häßlich ist; er hat sozusagen in denselben Spiegel geblickt wie der Zwerg in Oscar Wildes Geburtstag der Infantin, ist also nicht mehr der Haudrauf, wie wir ihn von Georg Friedrich Händel kennen, sondern letztlich ein äußerst verletztlicher, extrem sensibler Charakter, der sich am Ende selbst das Augenlicht nimmt, weil er die Schönheit und das Glück nicht mehr ansehen kann – weswegen ihn Cras ja auch nicht von einem rumpelnden Baß, sondern von einem lyrischen Bariton darstellen läßt. Er ähnelt eher Maeterlinck-Debussys Golaud, indessen aber Galatea keinesfalls mit der völlig unschuldigen Mélisande gleichgesetzt werden darf: Wenn Polyphem die Nymphe umfassen und küssen will, wenn er ihre Handgelenke packt, weiß sie ganz genau, wie sie mit ihm spielen muß und welche Wirkung sie tut, und wenn ihr geliebter Acis nachher wissen will, was denn geschehen sei, offeriert sie ihm die Hämatome wie mitleiderregende Trophäen ... und auch Acis wird letztlich zum Spielball. Eine interessante Figur ist Galateas kleiner Bruder Lycas: Gedankenlos wie Golauds Sohn Yniold verrät er seinem großen Freund Polyphem, was zwischen Acis und Galatea geschah, doch als er den verhängnisvollen Fehler erkennt, ist er es, der den Geblendeten davonführt – wie weiland Antigone ihren Vater Ödipus.

Die an sich schon wunderbare Dichtung aus der Zeit der zweiten europäischen Renaissance (man nennt sie gemeinhin Jugendstil oder Art nouveau) verwandelte sich unter den Händen des Komponisten Jean Cras in ein musikalisches Meisterwerk – wie Michel Fleury in seinem engagierten, begeisterten Begleittext sehr treffend vermerkt –, das direkt ins Herz des Hörer geht. Natürlich besteht kein Zweifel daran, aus welchem Land der Verfasser stammt, natürlich riecht auch das Meer des Marine-Offiziers mitunter ähnlich wie La Mér bei Dieppe – und gewiß singt sich auch Samains Text in jenem rezitativischen Tonfall, den wir unter anderem von Claude Debussy kennen. Doch die gesamte kompositiorische Konzeption und der orchestrale Tonfall des Polyphème haben ihre ganz eigenen Merkmale: Sie scheinen (beispielsweise in dem knappen, köstlichen Vorspiel) aus der Tiefe des Meeres emporzusteigen, aus der Heimat des Poseidon, den der moderne „Odysseus“ Jean Cras offenbar persönlich kennenlernte, als er in das feuchte Grab sprang, um ein Mitglied seiner Mannschaft zu retten ...

Es sind tatsächlich andere Valeurs und andere Phrasen, vor allem aber eine ganz eindeutig antike Haltung, die dieses Werk tragen, in dem selbst der Begriff der Psychologie auf seine Ursprünge zurückgeführt wird. Hörer und Zuschauer bedürfen keines Experten, um die Beweggründe der einzelnen Charaktere zu erfassen. Dafür sorgt die Musik, und in der vorliegenden Einspielung sorgen dafür sämtliche Mitwirkenden. Das Philharmonische Orchester Luxemburg atmet in dem herrlichen Großen Saal des Luxemburger Konservatoriums unter der Leitung von Bramwell Tovey innere und äußere Gezeiten; Armand Arapian ist ein Titelheld, dem man die Gratwanderung zwischen Schönheitssinn und Wutausbrüchen gern abnimmt; Yann Beuron versteht seinen Acis ganz zu Recht als verklärten Schwärmer, der bereit wäre, alles für seine Galatea zu tun – und diese ist bei Sophie Marin-Degor bestens aufgehoben: Sie verfällt nicht einmal dann in die scheinbar verwandte Mélisande, wenn sie als Galatea das vermeintlich scheue Reh zu geben hat. Daß sie an der Verzweiflung des Polyphem unschuldig sei, wird ihr niemand abnehmen ... Schöner und überzeugender hätte die Wiederentdeckung des Polyphème und seines Komponisten nicht ausfallen können.

Rasmus van Rijn [19.04.2004]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Cras Polyphème (Lyrisches Drama in 4 Akten, 1922)
 
3C3078;3377893330789

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