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CD-Besprechung

American Angels – Songs of Hope, Redemption & Glory

harmonia mundi HMU907326

1 CD • 61min • 2003

16.03.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Wer kennt nicht die traditionelle Melodie Amazing Grace? Im Jahre 1829 tauchen die Noten zu dieser Volksweise zum ersten Mal in der amerikanischen Liedsammlung Columbian Harmony auf, und wenig später (1835) als Mittelstimme eines volkstümlich schlichten, dreistimmigen Chorsatzes in dem Sammeldruck The Southern Harmony. Der Liedtitel New Britain und der Hinweis „Baptist Harmony“ weisen in Verbindung mit dem Textinhalt auf einen mehrstimmigen Gemeindegesang englischer Neusiedler bei ihren Zeltmissionen und gottesdienstlichen Zusammenkünften hin. Auf der vorliegenden CD hört man diesen Satz als Track 7. Vier Frauen bringen das a-cappella-Kunststück fertig, den reinen, von naiver Unbeschwertheit geprägten Klang ihrer Stimmen in den Dienst dieser und weiterer folkloristischen Wiederentdeckungen zu stellen. Nach vielen Aufnahmen mittelalterlicher Musik befassen sie sich hier einmal mit amerikanischen Volksmelodien.

Stilistisch sind die hier zu hörenden, weitgehend akkordischen Sätze vergleichbar mit dem alpenländischen Dreiergesang, wie er von wenigen, homogen aufeinander abgestimmten Dirndl-Terzetten bewundernswert beherrscht wird. Im vorliegenden Falle geht es jedoch um die Wurzeln der amerikanischen Gospelsongs, natürlich ohne Jodler und – neben einigen Solovorträgen – im vierstimmigen Ensemble. Zwanzig ausgewählte Beispiele mit vollständigen Texten (plus französische und deutsche Übersetzungen) und ergänzt durch einen quellenmäßig abgesicherten Fachkommentar vermitteln einen guten Eindruck von einer musikhistorisch aufschlußreichen, fast vergessenen Tradition. Allenfalls der totale Verzicht auf das Kolorit von Männerstimmen, die man sich in den neu-englischen Urgemeinden des 19. Jahrhunderts in Nordamerika unbedingt vorzustellen hat, gibt Anlaß zu Zweifel an der angestrebten Authentizität. Auch haftet dem Timbre der Sängerinnen in den 60 Minuten „Konzertdauer“ neben andächtigen Halleluja-Passagen (Track 18) immer wieder eine ganz bewußt eingesetzte, unretuschierte Sopran-Sprödigkeit an. Kulturhistorische Details im Beiheft erinnern indessen Kenner des Doktor-Faustus-Romans von Thomas Mann beim Hören dieser religiösen „American-Angels-Chöre“ an den dort im achten Kapitel beschriebenen Vortrag des stotternden Kantors Wendell Kretzschmar über die Baptisten-Singschule des Johann Conrad Beißel.

Dr. Gerhard Pätzig [16.03.2004]

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