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Besprechung CDFanny Mendelssohn Hensel

Fanny Mendelssohn Hensel

Complete Solo Piano Works Vol. 1
Ana-Marija Markovina

hänssler CLASSIC HC23071

4 CD • 4h 29min • 2024, 2025

17.06.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Erneut stürzt sich Ana-Marija Markovina, die sich bereits erfolgreich dem kompletten Clavierwerk Carl Philipp Emanuel Bachs widmete, mit Leidenschaft in eine Gesamteinspielung. Diesmal dreht sich alles um das bisher nur wenig erschlossene Klavierwerk von Fanny Mendelssohn Hensel, der um vier Jahre älteren und zumindest ebenso talentierten Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy. Hierbei handelt es sich durchweg um hörenswerte, interessante und vor allem originelle romantische Stücke, die ihren Anfang aus der Bach-Schule nehmen. Schließlich hatten die Großtanten Bella und Sara Unterricht bei Wilhelm Friedemann, die Mutter bei J. P. Kirnberger, der gesichert von Schülern des großen Johann Sebastian und womöglich eine kurze Zeit vom Meister selbst ausgebildet wurde.

Literatin und Salonnière ja, Musikerin nein

Bei den Geschwistern Mendelssohn kam eine unglaubliche Menge musikalischer und intellektueller Potenz zusammen. Der eine Großvater der Begründer der jüdischen Aufklärung, Großtanten mit professioneller Ausbildung am Tasteninstrument, die Tanten bedeutende Salonnièren in Wien, die Mozart, Haydn und Beethoven förderten. Somit ist es fast unerklärlich, dass die Eltern Fanny zwar eine professionelle Musikausbildung und umfangreiche intellektuelle Studien zubilligten, sie diese aber nur im privaten Rahmen zuließen, sie im goldenen Käfig des Berliner Stadtpalais gleich einer Familien-Preziose hüteten.

Das hatte auch Auswirkungen auf die Überlieferung im Familienarchiv, das erst seitdem es sich in der Berliner Staatsbibliothek befindet, systematisch erschlossen werden konnte. Renate Hellweg-Unruh erstellte im Jahr 2000 das Werkverzeichnis. Hierauf beziehen sich die zu den erwähnten Stücken angeführten H-Nummern, die chronologisch geordnet sind. Die in Berlin digitalisierten Eigenschriften sind zwar sehr gut lesbar, daraus spielen möchte man jedoch nicht unbedingt. Glücklicherweise finden sich mittlerweile sämtliche ca. 160 Klavierkompositionen bei den HenselPushers kostenlos als PDFs im Internet.

Fanny, häufig wenig funny

Hört man ihre Kompositionen, die phantasievoll farbig und weitaus unkonventioneller als diejenigen ihres in klassizistischer Wohlanständigkeit verharrenden Bruders sind, deren melodische Qualität wirklich zu rühren vermag, fragt man sich spontan, wer von den beiden talentierter war. Hat Felix, der ja bekanntermaßen auf den Rat der Schwester große Stücke hielt, dies erkannt und sich durch das gezielte Abraten, Werke zu veröffentlichen hier womöglich die Konkurrentin im eigenen Haus vom Leib halten wollen. Gnädigerweise hatte er ja sechs ihrer Lieder stillschweigend in seine opp. 8 & 9 integriert.

Dass Fanny womöglich darunter schwer gelitten haben mag, könnte man aus der auffällig starken Bevorzugung der Moll-Tonarten in ihren Klavierwerken ableiten. Häufig kommt es dabei zu temperamentvollen Zornesausbrüchen wie im balladesken Allegro agitato H 302 in g-Moll (CD 4, Tr. 9). Dass ein paar ihrer Wurzeln im stürmend-drängenden Spätestbarock liegen, belegt die sechssätzige e-Moll-Suite im Klavierbuch H 214 (CD3, Tr. 5-10). Doch aus hochromantische Notturni gehören zu ihrem Rüstzeug, wovon H 145 (CD2, Tr. 14) und das hymnische H 314 (CD 4, Tr. 8) zeugen. Die Fuge Es-Dur H 273 kann sich locker mit denen des brüderlichen op. 35 messen und verzichtet auf dessen pseudoreligiösen Kitsch.

Wertvolle Repertoireerweiterung, sympathisch präsentiert

Mit der Gesamteinspielung des Klavierwerks von Fanny Mendelssohn Hensel stellt sich Ana-Marija Markovina einer höchst anspruchsvollen Aufgabe. Da zu Lebzeiten nur vier Lieder für das Pianoforte und aus dem Nachlass acht weitere im Druck veröffentlicht wurden, steht es um Werke mit detaillierten Vortragsbezeichnungen, die die Komponistin ja selbst nicht benötigte, schlecht. Somit muss sich hier jeder Interpret selbst vertiefte Gedanken hinsichtlich Dynamik und Artikulation machen. Dies ist besonders wichtig, weil die Komponistin häufig mehrere Klangebenen realisiert, was auf den heutigen Flügeln aufgrund der ausgeglichenen Register weitaus schwieriger zu realisieren ist als auf einem Pleyel oder Erard um 1830 bei dem die Saiten parallel und nicht überkreuz angeordnet sind. Dies gelingt Frau Markovina über weiteste Strecken sehr schön. Allerdings wirken ihre Akkorde im Bass-Register gelegentlich etwas fett. Aus den beiden letzten Sätzen der Ostersonate, die eine ganze Zeit lang als posthumer Sensationsfund des Bruders galt ließe sich bei etwas schnellerem Tempo im Scherzo und etwas mehr „Pranke“ im mit Allegro strepitoso (strepitoso heißt „lärmend“) überschriebenen Finale ein weitaus größerer Effekt generieren. Aber das sind Details, die der insgesamt ausgezeichneten Gestaltung keinen Abbruch tun.

Die Klangtechnik geht generell in Ordnung, allerdings klingt der Flügel auf der letzten CD im Diskant unangennehm klirrend. Der vorwiegend biographisch gehaltene Booklet-Text ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine zu Unrecht noch Unbekannte.

Fazit: Kaufzwang für alle Klavierpädagogen mit Schülern der oberen Mittelstufe und für Klavierstudenten, die in einer Prüfung die Jury nicht mit einem der alten Schlachtrösser langweilen wollen. Die höchst verdienstvolle Arbeit von HenselPushers.org macht diese Werke, unter denen sich durchaus auch lohnende Aufgaben für Amateure finden lassen, dankenswerterweise frei zugänglich. Auf die zweite Hälfte dieser Einspielung darf man voller Vorfreude äußerst gespannt sein.

Thomas Baack [17.06.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Fanny Mendelssohn-Hensel
1Klavierstück d-Moll H 4 00:00:51
2Klavierstück e-Moll H 29 00:02:57
3Klavierstück E-Dur H 30 00:03:51
4Klavierstück g-Moll H 37 00:02:02
5Klavierstück B-Dur H 39 00:02:45
6Klavierstück g-Moll H 40 00:02:45
7Klavierstück As-Dur H 41 00:02:06
8Klavierstück a-Moll H 42 00:01:40
9Sonatensatz E-Dur H 44 00:07:36
10Übungsstück C-Dur H 53 00:01:43
11Beethoven Cadenza C-Dur 00:01:48
12Übungsstück C-Dur H 67 00:01:35
13Übungsstück g-Moll H 69 00:01:37
14Übungsstück g-Moll H 71 00:03:10
15Übungsstück es-Moll H 74 00:03:17
16Übungsstück G-Dur H 79 00:01:57
17Übungsstück G-Dur H 84 00:02:06
18Übungsstück C-Dur H 86 00:02:06
19Übungsstück C-Dur H 88 00:02:06
20Übungsstück h-Moll H 92 00:03:04
21Übungsstück g-Moll H 96 00:02:07
22Klavierstück C-Dur H 99 00:03:03
23Klavierstück B-Dur H 102 00:01:58
24Übungsstück d-Moll H 103 00:02:16
25Übungsstück C-Dur H 108 00:01:51
CD/SACD 2
1Sonata o Capriccio f-Moll H 113 00:08:34
2Tokkate c-Moll H 114 00:06:51
3Klavierstück c-Moll H 116 00:02:49
4Übungsstück g-Moll H 123 00:03:01
5Gigue e-Moll H 127 00:02:23
6Sonate c-Moll H 128 00:13:59
9Klavierstück g-Moll H 130 00:02:22
10Klavierstück f-Moll H 132 00:02:11
11Übungsstück c-Moll H 136 00:01:30
12Klavierstück c-Moll H 139 00:01:36
13Klavierstück g-Moll H 144 00:01:59
14Klavierstück f-Moll H 145 00:02:12
15Klavierstück c-Moll H 146 00:01:36
16Capriccio fis-Moll H 165 00:03:50
17Klavierstück f-Moll H 167 00:04:17
18Klavierstück d-Moll H 177 00:02:30
19Klavierstück c-Moll H 181 00:03:19
CD/SACD 3
1Westöstlicher Redaktionswalzer H 184 00:02:12
2Fugata Es-Dur H 193 00:05:54
3Klavierstück h-Moll H 200 00:02:24
4Klavierstück f-Moll H 202 00:02:54
5Klavierbuch H 214 00:18:23
11Klavierstück E-Dur H 229 00:02:35
12Ostersonate H 235 00:25:40
16Fantasie As-Dur H 253 00:06:01
CD/SACD 4
1Duett H 269 für Tenor und Sopran 00:03:58
2Fuge Es-Dur H 273 00:04:33
3Klavierstück B-Dur H 294 00:04:20
4Klavierstück g-Moll H 302 00:04:21
5Klavierstück f-Moll H 304 00:05:06
6Bagatelle F-Dur H 310 00:01:32
7Bagatelle D-Dur H 311 00:02:07
8Klavierstück B-Dur H 314 00:04:08
9Klavierstück e-Moll H 322 00:05:58
10Klavierstück E-Dur H 330 00:05:20
11Klavierstück Es-Dur H 332 00:08:20
12Notturno napolitano h-Moll 00:03:17
13Klavierstück e-Moll H 393 00:03:35
14Klavierstück Es-Dur H 396 00:03:28
15Lied b-Moll H 423 00:04:33
16Wanderlied Nr. 3 E-Dur H 458 00:03:17
17Lied Es-Dur H 461 (Lenau) 00:02:42
18Lied H 463 00:02:36

Interpreten der Einspielung

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