Egon Wellesz
Complete Symphonies • Works for Chamber Orchestra
cpo 555 739-2
5 CD • 5h 30min • 2001-2004, 2009
29.07.2026
Künstlerische Qualität:![]()
Klangqualität:![]()
Gesamteindruck:![]()
Die vorliegende Egon-Wellesz-Anthologie umfasst als kombinierte Wiederveröffentlichung in einer Box auf 4 CDs sämtliche neun Symphonien und den 1969 vor der 8. Symphonie (zunächst als möglichen Kopfsatz derselben) entstandenen ‚Symphonischen Epilog‘ sowie auf einer weiteren CD sämtliche Werke für Kammerorchester mit Ausnahme der Pastorale von 1935, des Oktetts op. 67 (1948-49) und des späten Divertimento op. 107 von 1969. In den Symphonien leitet Gottfried Rabl das ORF-Radio-Symphonieorchester, in den kammerorchestralen Werken Peter Keuschnigg das in Wien ansässige Ensemble Kontrapunkte. Für den Dirigenten Gottfried Rabl und Hannes Heher, den Autoren der Begleittexte, war diese Edition ein echter Liebesdienst, und entsprechend hoch ist das Niveau der Texte (Rabl hat selbst zu jeder Ausgabe der Symphonien einen eigenen Kommentar verfasst) — also insofern waren alle Voraussetzungen für eine epochale Edition vorhanden, zumal ein führendes Rundfunkorchester unter der Leitung eines ausgewiesenen Experten in der vertrauten Zusammenarbeit mit seinem eingespielten Aufnahmeteam agierte.
Symphonien als Wegmarken des ‚zweiten Lebens‘
Egon Wellesz (1885-1974) ist der seltene Fall eines echten großen Genies, das zunächst entsprechend hoch geschätzt wurde, dann jedoch aufgrund der geschichtlichen Ereignisse als Komponist zu einem Randphänomen marginalisiert und nur noch von über den Tagesmoden und ästhetischen Grabenkämpfen stehenden, undogmatischen Kennern angemessen goutiert wurde. Im Grunde hatte er als Mensch und Komponist zwei Leben. Die finale Krönung des ersten Abschnitts bilden die 1936 vollendeten Symphonischen Stücke nach Shakespeare Prosperos Beschwörungen op. 53. Wellesz wohnte 1938 den holländischen Erstaufführungen unter Bruno Walter bei, als Hitler den Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich vollzog, und ging als Nachfahre einer jüdisch-ungarischen Familie daraufhin direkt ins englische Exil, wo er als führender Forscher der byzantinischen Musik bald darauf Professor in Oxford wurde.
Sämtliche Symphonien sind Wegmarken seines ‚zweiten Lebens‘.
Die 1945 in nur drei Wochen komponierte 1. Symphonie, durch die Berliner Philharmoniker unter Sergiu Celibidache uraufgeführt, knüpft in der feinsinnig effektvollen Behandlung des Orchesterklangs an Mahler und Pfitzner an, ist erfüllt von tranzendenter Poesie und schließt mit einem außerordentlich herrlichen Molto adagio sostenuto. Doch was die organisch zusammenhängende Formung betrifft, ist Wellesz alles andere als ein Nachfolger Mahlers, führt zunächst weit eher das Erbe Bruckners fort, tonsprachlich durchbildet von den ganz nahen Erfahrungen mit seinem Lehrer Schönberg und auch in sehr milder Form Alban Berg. Auch die nächsten drei Symphonien (1946-53), von denen er die zweite als ‚Englische‘ und die vierte als ‚österreichische‘ bezeichnete, sind klare Bekenntnisse zur freien Fortführung der großen symphonischen Tradition des deutschsprachigen Raums unter Nutzung der hohen Kunst des der Sprache der neuen Zeit anverwandelten Kontrapunkts.
Heftiger Umbruch hin zu radikal moderner Tonsprache
Dann vollzieht Wellesz 1955-56 in der 5. Symphonie einen aufwühlend heftigen Umbruch hin zu einer radikaler modernen, dissonanzgetränkten Klangsprache von stark tragischer Durchfärbung (mit einem unerbittlich wiederkehrenden und sich gewaltig emporreckenden Kondukt im Finale). 1961 schreibt er sein großes Violinkonzert, und erst 1965 kehrt er zur Symphonie zurück, woraufhin bis 1971 die Symphonien Nr. 6-9 Gestalt annehmen, zunehmend verdichtet, mit äußerster plastischer Energie in scharfen Konturen zugespitzt, am gelungensten wohl im Symphonischen Epilog und vor allem der 9. Symphonie, dem erstaunlichen Zeugnis der ungebrochenen Vitalität und Kreativität des 86jährigen Meisters. Die Symphonien Nr. 1-5 sind sämtlich umfangreicher als die Symphonien Nr. 6-9, deren Qualität auch in der zunehmenden Konzentration und Verwesentlichung der Aussage besteht, gleichwohl auch um den Preis höherer Anforderung an das Auffassungsvermögen der Musiker und Zuhörer.
Die ersten vier kammerorchestralen Schöpfungen auf CD 5 entstanden 1909-24, die Four Songs of Return op. 85 und die Ode an die Musik op. 92 hingegen sind Spätwerke. Zwischen 1924 und 1961 hat sich Wellesz nicht dem Kammerorchester zugewendet. An Wesentlichem fehlt in dieser Kompilation vor allem die Musik für Streichorchester in einem Satz op. 91 von 1964.
Unter normalen Studiobedingungen nicht möglich
Was die Aufnahmen der Symphonien betrifft, bleibt mir ein sehr zwiespältiger Eindruck, der mich betroffen macht. Gottfried Rabl, zweifellos ein fähiger und kompetenter Musiker, hat die Partituren eingehendsten Korrekturen und Revisionen unterzogen und alles gründlichst vorbereitet (worüber er in seinen Beiträgen berichtet), doch zugleich besteht kein Zweifel, dass sich gerade Musik wie die Symphonien von Wellesz — in welchen sich die Form organisch zusammenhängend als Ganzes konstituiert und eben nicht effektiv aus interessanten Ideen zusammenmontiert ist, wo also alles auf das Entstehen der einzigartigen Gesamtgestalt als Erlebniskontinuum hin ausgerichtet ist — sich überhaupt nicht eignet für die ‚Verewigung‘ als Klangkonserve unter den üblichen Studiobedingungen. Ein zufriedenstellendes, adäquates Ergebnis ließe sich hier nur erzielen, wenn jedes Werk durch für das kollektive Verstehen der Musiker ausreichende Proben und mindestens eine Konzertaufführung als Möglichkeit zum zusammenhängenden Erleben so vorbereitet wäre, dass eine anschließende Aufnahme dieses gewachsene musikalische Gestalten dokumentiert. Das war hier nicht der Fall, und es erscheint mir eher, als wäre auch die Produktion so mancher Symphonie in verstreuten Sessions erfolgt, wodurch sich auch viele Inkonsistenzen bezüglich der Temporelationen erklären ließen. Warum allerdings viele Sätze deutlich zu geschwinde genommen wurden (insbesondere die langsamen Finalsätze der 7. und 9. Symphonie, wird dadurch nicht einleuchtender. Jedenfalls ließen die Aufnahmebedingungen keine den jeweils einmaligen Werkcharakter und das Werden der Form spezifisch manifestierenden Resultate zu.
Ein Anfang mit unter den gegebenen Umständen maximal möglicher Seriosität allerdings ist hier durchaus gemacht worden, der Wellesz als herausragenden Symphoniker präsentiert, der — in seiner Zeit schon eine Seltenheit — herrlich wilde, verspielte und originelle Scherzi, zutiefst berührende langsame Sätze und hochdramatisch kontrapunktfreudig verklammerte Gesamtgebilde zu schreiben verstand.
Christoph Schlüren [29.07.2026]
Anzeige
Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Egon Wellesz | ||
| 1 | Sinfonie Nr. 4 op. 70 (Sinfonia Austriaca) | 00:27:56 |
| 5 | Sinfonie Nr. 6 op. 95 | 00:23:18 |
| 8 | Sinfonie Nr. 7 op. 102 (Contra torrentem) | 00:18:58 |
| CD/SACD 2 | ||
| 1 | Sinfonie Nr. 2 op. 65 (The English) | 00:41:50 |
| 5 | Sinfonie Nr. 9 op. 111 | 00:23:16 |
| CD/SACD 3 | ||
| 1 | Sinfonie Nr. 1 op. 62 | 00:36:10 |
| 4 | Sinfonie Nr. 8 op. 110 | 00:23:23 |
| 7 | Symphonischer Epilog op. 108 | 00:11:35 |
| CD/SACD 4 | ||
| 1 | Sinfonie Nr. 3 op. 68 | 00:34:12 |
| 5 | Sinfonie Nr. 5 op. 75 | 00:28:57 |
| CD/SACD 5 | ||
| 1 | Sommernacht für Gesang und Kammerorchester | 00:07:09 |
| 2 | Satz für Kammerorchester | 00:01:05 |
| 3 | Persisches Ballett op. 30 (Ballet in einem Akt nach Ellen Tels) | 00:19:13 |
| 4 | Suite op. 38 für Violine und Kammerorchester | 00:11:20 |
| 8 | Where suddenly the wanderer comes op. 85 (aus: Four Songs of Return op. 85 für Sopran und Kammerorchester) | 00:03:54 |
| 9 | Separate the shrivell'd moon and sightless rides op. 85 (aus: Four Songs of Return op. 85 für Sopran und Kammerorchester) | 00:03:33 |
| 10 | The stubble was pale op. 85 (aus: Four Songs of Return op. 85 für Sopran und Kammerorchester) | 00:04:11 |
| 11 | Befriend us fortune op. 85 (aus: Four Songs of Return op. 85 für Sopran und Kammerorchester) | 00:04:40 |
| 12 | Ode an die Musik op. 92 für Bariton und Kammerorchester | 00:05:27 |
Interpreten der Einspielung
- ORF Radio-Symphonieorchester Wien (Orchester)
- Gottfried Rabl (Dirigent)
- Christine Whittlesey (Sopran)
- Adrian Eröd (Bariton)
- Josef Hell (Violine)
- Ensemble Kontrapunkte (Ensemble)
- Peter Keuschnig (Dirigent)

