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Besprechung CDEx Nihilo

Ex Nihilo

Brecht Valckenaers Piano

Antarctica Records AR 080

1 CD • 63min • 2025

17.04.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Mit seinem Debütalbum möchte der belgische Pianist und Komponist Brecht Valckenaers (Jg. 2000), ein Programm vorlegen, das mehr darstellt als die Summe seiner Teile, und so hat er sich ein Konzept überlegt, das György Ligetis relativ frühe Musica ricercata gleichsam als Gerüst nutzt, als großen Bogen, der zwei zusätzliche Ebenen überspannt. Zum einen ist dies ein eigens für dieses Programm komponierter Zyklus von Valckenaers selbst, zum anderen fünf kurze Einschübe von fünf verschiedenen Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, die quasi als Interludien fungieren.

Recherchierte Musik „ex nihilo“

Ligeti ging es in seiner Musica ricercata, entstanden 1951 bis 1953, nach eigener Aussage darum, einen eigenen Stil zu finden, bewusst insbesondere in Abkopplung von Bartók, ausgehend von einfachsten Mitteln, also gewissermaßen ex nihilo – daher der Titel dieses Albums. Konkret bedeutet das unter anderem, dass sich in dieser „recherchierten Musik“, wie man den Titel des elfteiligen Zyklus auf Deutsch wiedergeben könnte (wobei allerdings auch das Genre des Ricercars eine Rolle spielt, jedoch erst im letzte Stück) der Tonvorrat je Stück erweitert. So arbeitet das erste Stück ausschließlich mit dem Ton A, nur der Schlusston ist ein D (diese in gewisser Hinsicht überraschende Wendung ist nicht atypisch für zahlreiche andere Stücke aus dem Zyklus, die oft eine kleine Pointe hinauslaufen) – zwei Töne also, im zweiten Stück dann drei Töne und so weiter, bis im letzten Stück alle zwölf Töne erreicht werden, wobei ganz am Schluss alles wieder mit einem A endet. Dies ist nur ein besonders offensichtlicher Aspekt eines im Detail noch komplexer, anspruchsvoller konzipierten Werks (ebenfalls eine Rolle spielen z.B. Symmetrien im Tonvorrat), wobei sich die Avanciertheit der Tonsprache selbst demgegenüber noch eher in Grenzen hält – ein gewisser Einfluss Bartóks ist trotz allem nach wie vor und teilweise recht deutlich vernehmbar.

Eine Fülle von Binnenbezügen

Das Besondere an Valckenaers’ Album ist nun, dass er eben nicht „nur“ eine (im Übrigen sehr kompetente, die Spezifika dieser Musik fein herausarbeitende und lebendige) Interpretation der Musica ricercata liefert, sondern sie als strukturbildend (vgl. die Illustration im Inneren der Papphülle) für sein Album begreift. Insbesondere spielt Valckenaers nur die ersten beiden Stücke direkt nacheinander, sämtliche anderen Stücke von Ligetis Zyklus werden durch geeignete Werke andere Komponisten eigentlich nicht getrennt, wie man meinen könnte, sondern vielleicht eher verbunden, Analogien aufgezeigt, dramaturgisch einander gegenübergestellt. Grob gesagt (gegen Ende stimmt es nicht ganz) ist jedes zweite dieser anderen Stücke eine der fünf Rhythm Studies, die Valckenaers 2022/23 speziell für dieses Programm komponiert hat. Valckenaers widmet hier natürlich dem Titel entsprechend rhythmischen Problemstellungen bzw. Irregularitäten, aber zugleich findet man auch allerhand Anspielungen und Beziehungen zu Ligetis Zyklus. Gleich der pochende Beginn lässt etwa an den Anfang der Musica ricercata denken, ohne dass Valckenaers direkt zitieren würde – es sind eher feine Verbindungen, wie etwa auch im Zerrspiegel von Nr. 3, bei dem man schon darüber nachdenken kann, inwiefern Valckenaers hier vielleicht auch das zuvor erklungene sechste von Ligetis Stücken in seiner verfremdeten Rückblende erblicken mag.

Verspielte Rhythmik, Humor und schwere Glockenklänge

Dabei teilt Valckenaers’ Zyklus mit Ligetis Musica ricercata eine gewisse stilistische Grundpositionierung, bei Valckenaers über weite Strecken allerdings durchaus verspielt, alert, mit Humor, so etwa in A Bit Drunk (Nr. 2), wenn nicht nur der Rhythmus ins Schwanken gerät, sondern auch Melos und Harmonie sich stets etwas verfehlen. Auch Jazzeinflüsse sind vernehmbar, allerdings bei weitem nicht so prominent wie etwa bei Nikolai Kapustin. Das am größten angelegte Stück mit der breitesten emotionalen Amplitude ist die massive, durchaus eindrückliche Chaconne des Cloches am Schluss; ihre elf schweren Glockenschläge zu Beginn resonieren mit den zwölf Glockenschlägen zu Beginn von Ligetis Béla Bartók in memoriam (Nr. 9), wobei Valckenaers die zwölf Schläge erst am Schluss erreicht, nachdem sich die eigentliche Chaconne abgespielt hat.

Reflektierte, sehr stimmige Zusammenstellung

Ist Valckenaers’ eigener Zyklus also die zweite Ebene des Programms, so gibt es überdies noch eine dritte Ebene in Form von Miniaturen von Helmut Lachenmann, Henry Cowell, Bartók selbst, dem Nestor der ungarischen Komponisten und Jubilar des gegenwärtigen Jahres György Kurtág sowie George Crumb. Sind bei Valckenaers’ Zyklus die entsprechenden Bezüge Absicht, so ist bei der Zusammenstellung (ja: durchaus auch Komposition) des übrigen Programms bemerkenswert, dass sich die vielen bereits genannten Verästlungen und Binnenbezüge eben auch auf die übrigen, a priori erst einmal unabhängigen Stücke ausweiten. Dies liegt daran, dass Valckenaers hier eine kluge Auswahl getroffen hat, die auf allerhand gemeinsamen Nennern (so etwa Musik für Kinder, Glockenklänge usw.) basiert und oft genug sogar fließende Übergänge (auch bedingt durch verwandte Tongeschlechter) ermöglicht. Zusammen mit einem reflektierten, anregenden Essay des Pianisten selbst im Beiheft ergibt dies eine spannende einstündige Hörsitzung, die man in ihrer Gesamtheit gut und gerne als Valckenaers’ höchst eigene (Meta-) Interpretation von Ligetis Musica ricercata begreifen mag. Ein gelungenes, empfehlenswertes Debüt!

Holger Sambale [17.04.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
György Ligeti
11. Sostenuto/Misurato, stringendo poco a poco sin al prestissimo (aus: Musica ricercata I) 00:02:32
22. Mesto. Parlando (aus: Musica ricercata I) 00:03:42
Brecht Valckenaers
3I. Distorting Time aus Rhythm Studies 00:02:37
György Ligeti
43. Allegro con spirito (aus: Musica ricercata I) 00:01:06
Helmut Lachenmann
5I. Hänschen klein aus Ein Kinderspiel 00:00:53
6VI. Glockenturm (aus: Ein Kinderspiel (Sieben kleine Stücke für Klavier)) 00:01:45
György Ligeti
74. Tempo di valse (poco animato; aus: Musica ricercata I) 00:02:18
Brecht Valckenaers
8II. A Bit Drunk (aus: Rhythm Studies) 00:02:46
György Ligeti
95. Rubato. Lamentoso (aus: Musica ricercata I) 00:03:14
Henry Cowell
10III. The Voice of Lir, Largo (aus: Three Irish Legends) 00:04:07
György Ligeti
116. Allegro un poco capriccioso (aus: Musica ricercata I) 00:00:45
Brecht Valckenaers
12III. Distorting Mirror (aus: Rhythm Studies) 00:03:35
György Ligeti
137. Cantabile, molto legato, Con moto giusto (aus: Musica ricercata I) 00:03:47
Béla Bartók
14Klänge der Nacht, Lento (aus: Im Freien Sz 81 BB 89 (Fünf Stücke in Suitenform für Klavier)) 00:05:38
György Ligeti
158. Vivace. Energico (aus: Musica ricercata I) 00:00:55
Brecht Valckenaers
16IV. Mixed Feelings (aus: Rhythm Studies) 00:02:54
György Kurtág
17Bell-Fanfare for Sándor Veress (aus: Játékok) 00:01:07
György Ligeti
189. Adagio. Mesto (Béla Bartók in memoriam; aus: Musica ricercata I) 00:02:12
George Crumb
19Rain-Death Variations – Pisces (aus: Makrokosmos II (Twelve Fantasy-Pieces after the Zodiac for Amplified Piano, 1972/1973)) 00:01:44
20Twin Suns (Doppelgänger aus der Ewigkeit) [Symbol] – Gemini (aus: Makrokosmos II (Twelve Fantasy-Pieces after the Zodiac for Amplified Piano, 1972/1973)) 00:03:21
György Ligeti
2110. Vivace. Capriccioso (aus: Musica ricercata I) 00:01:23
Brecht Valckenaers
22V. Chaconne des Cloches (aus: Rhythm Studies) 00:06:33
György Ligeti
2311. Andante misurato e tranquillo (Omaggio a Girolamo Frescobaldi; aus: Musica ricercata I) 00:04:02

Interpreten der Einspielung

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