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Besprechung CD

A Cinematic Suite

Quintessence Saxophone Quintet

PASCHENrecords PR 260094

1 CD • 51min • 2025

31.03.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Das Quintessence Saxophone Quintet beweist seit drei Jahrzehnten, dass das Saxofon-Quintett eine Gattung ist, die es eigentlich gar nicht geben dürfte – fünf Instrumente derselben Familie, kein kanonisches Repertoire, keine kammermusikalische Tradition – die genau deshalb so frei ist. Ihr neues Album heißt „A Cinematic Suite‟: zehn Szenen, ein imaginärer Film. Dass er mit Bachs d-Moll-Toccata beginnt, ist kein Zufall, sondern ein Statement. Bevor das Kino kommt, wird erst einmal der Grundstein gelegt – und der heißt seit dreihundert Jahren Bach. Die Antithese zu jeder Filmmusik-Inflation, der Prüfstein, an dem sich zeigt, ob ein Ensemble mehr kann als allzu vertraute Oberflächen nachzuspielen. Das Quintessence Saxophone Quintet besteht diese Prüfung auf Anhieb: Die Toccata groovt in Registern, die an Orgelpfeifen denken lassen, nur mit Funk-Unterbau – und setzt damit den Maßstab für alles, was folgt.

100 Jahr Filmmusik

Nino Rota, Morricone, Ramin Djawadi, Yoko Kanno – eine imaginäre Reise quer durch hundert Jahre Kinogeschichte, und zwischendurch blitzt Bach immer wieder auf wie ein Geist, der sich im falschen Jahrhundert verirrt hat. Was sofort auffällt: Hier widerstehen fünf Saxofone dem im Jazz völlig überstrapazierten Solo-Egotrip und besinnen sich aufs Kollektiv – um aus ihrer Stimmen- und Registervielfalt eine gemeinsame Stimme zu formen. Uli Lettermanns Arrangements schicken die fünf Register – Sopran bis Bass – in polyphone Verflechtungen, aus denen ein Klangkörper entsteht, der weit mehr ist als die Summe seiner fünf Rohrblattpfeifen. Der Godfather-Satz atmet dunkel und weich, als hätte jemand ein Streichquartett durch einen Traum gezogen. Und Gabriels Oboe singt so zart im Sopranregister, dass man die Oboe tatsächlich vergisst – hier streichelt die Musik die Seele.

Enorme klangliche Spannweite

Die ganze Klangpracht dieses Quintetts lebt von der Spannweite: rau und sägend im einen Moment, geschmeidig singend im nächsten, von sakralem Weihrauchduft bis zu satten Bigband-Blues. Die Intonation stimmt bis in die Obertöne, die Übergänge sind filmschnittartig montiert, die dynamischen Steigerungen packen physisch. Yoko Kannos Anime-Jazz-Klassiker Tank! fegt mit einem Swing-Drive durch den Raum, der jeden Big-Band-Bläsersatz blass aussehen lässt. Von der Orgel bis zur Jazz-Bigband, und das im Sekundentakt – was dieses Quintett an klanglicher Spannweite im Handumdrehen überspannt, macht unmittelbar erlebbar, welches orchestrale Potenzial in dieser Gattung schlummert. Und arrangieren können sie. Und doch: Braucht die Welt noch ein Medley aus Star Wars, Game of Thrones und The Mission? Die Blockbuster-Filmmusik ist zum Gemischtwarenladen der klassischen Szene geworden, jedes Ensemble bedient sich am gleichen Buffet, und manchmal schmeckt man die Ermüdung. Auch hier gibt es Passagen, in denen die Szenenfolge etwas zu bereitwillig dem Wiedererkennungsreflex dient. Das Game-of-Thrones-Thema etwa – rhythmisch markant gespielt, gewiss, aber was erzählt es, was es nicht schon tausendmal erzählt hat? Die Antwort liefert das Quintett selbst, und sie liegt mit einem dicken Ausrufezeichen im Wie und garnicht so sehr im Was. Geht es doch darum, allzu vertraute Oberflächen zu durchbrechen, um den Tiefenschichten dieser Musik auf die Spur zu kommen. Immer wieder bricht sie durch: Geballte kammermusikalische Intelligenz, die schon in der Eröffnung mit Bach alle Register gezogen hat. Die Arrangements und ihre fünf kreativen Urheber denken weiter als das Original, wenn sie kommentieren, ironisieren und verdichten. Das Finale schließlich sammelt Motive wie ein Film seine Erzählfäden und steigert sich zu einem furiosen Schluss, der wirklich so klingt, als hätte sich John Williams mit Bach auf ein Bier getroffen und Henri Mancini die Rechnung übernommen.

A Cinematic Suite ist kein Album für Puristen. Denn hier passiert, was man so noch nicht gehört hat: Fünf Saxofone drehen einen Film.

Stefan Pieper [31.03.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 00:06:57
John Williams
2Star Peace 00:05:09
Nino Rota
3The Godfather 00:06:36
Ramin Djawadi
4Game of Thrones 00:05:21
Ennio Morricone
5Gabriel's Oboe 00:05:51
Yōko Kanno
6Tank! 00:03:51
Leonard Bernstein
7Maria (aus: West Side Story) 00:05:10
John Williams
8Indiana Jones 00:05:18
Lalo Schifrin
9Mission: Impossible 00:04:50
Alfred Newman
10A Cinematic March 00:02:13

Interpreten der Einspielung

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