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ARD-Musikwettbewerb

Unterschiedlichste Charaktere

Semifinale Violine beim 70. ARD-Musikwettbewerb

Auch das Semifinale im Fach Violine fand wieder im Prinzregententheater mit dem Münchener Kammerorchester statt. Die sechs aus der 2. Runde weitergekommenen Kandidatinnen und Kandidaten konnten als Konzert aus dreien von Mozart bzw. denen Joseph Haydns wählen und mussten allesamt die Auftragskomposition der Schwedin Lisa Streich (Jg. 1985) uraufführen.

Undankbares Stück für einen Wettbewerb

Streich erhielt 2017 den KomponistInnen-Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung. Ihr Solowerk Falter orientiert sich tatsächlich an den Flügelbewegungen eines (erwachenden?) Schmetterlings, nicht nur klanglich, sondern laut Partitur auch quasi choreographisch über die Bewegungen des Bogenarms der Interpreten. Schwer nachzuvollziehen, wenn die sich dann noch hinter drei bis vier Notenständern verstecken. Nur der Koreaner Alexander Won-Ho Kim kam hier auf die Idee, sich 90 Grad seitlich gedreht zu präsentieren. Hinter solch bildhafter Naturreflexion spürt man bei Lisa Streich zugleich immer auch einen spirituellen Hintergrund. Dynamisch überwiegend an der Hörbarkeitsgrenze, verlangt Falter komplizierte Flageoletts und Bewegungen, die eben nicht immer mit denen für die klanglich bestmögliche Realisation einer Stelle korrelieren – vielleicht der undankbarste Beitrag dieses Wettbewerbs.

Das Konzert KV 207 – klassisch ausgewogen

Immerhin zwei Teilnehmer wählten Mozarts frühes B-Dur-Konzert KV 207. Der Japaner Seiji Okamoto überzeugte dabei durch völlige Stilsicherheit, spielte – wie gefordert – praktisch alle Tuttis mit und wählte schöne (eigene?) Kadenzen. Rhythmisch toll, klassisch ausgewogen, dabei ohne irgendwelche überbordenden Emotionen, konnte er Orchester und Publikum trotz einer gewissen Introvertiertheit durchaus gewinnen. Bei seinem Falter hätte man eine Stecknadel fallen hören können; er machte die dynamische Totalverweigerung konsequent mit, produzierte gleichzeitig interessante Klänge – alles hochprofessionell. Der wohl noch sehr junge Südkoreaner Dayoon You setzte hingegen ganz auf romantischen Schönklang, selbstsicher und sympathisch, jedoch auch äußerst konventionell. Mit dem Auftragswerk konnte er rein gar nichts anfangen.

Zweimal Mozarts KV 218

Fumika Mohri ist die typische, japanische Perfektionistin: Mozarts D-Dur-Konzert KV 218 geriet tadellos im Zusammenspiel, aber der richtige Kontakt zum Publikum fehlte. Insgesamt ohne Wärme und farblich blass, mit etüdenhaften Kadenzen, wirkte selbst das abwechslungsreiche Finale nicht zielgerichtet. Bei Streich gelang es Mohri wohl, zumindest den reinen Notentext genau umzusetzen, doch sie wurde zu laut und blieb belanglos. Alexander Won-Ho Kims Bewegungen erschienen teils manieriert; er spielte Mozart sehr geradlinig, das Andante allzu flüssig, seine zu langen Kadenzen störten fast wie Fremdkörper. Bei Streich vertraute er mehr der Choreographie als dem Klang, was sich gefährlich der Beliebigkeit näherte.

Rundum ein Genuss: Der unterschätzte Haydn

Eigentlich leitet ja Daniel Giglberger das Münchener Kammerorchester vom Konzertmeister-Pult aus. Nicht so bei Haydns Konzert G-Dur, Hob. VIIa:4. Nun nahm der Russe Dmitry Smirnov mutig alles selbst in die Hand, dirigierte mit seinem Barockbogen – und zwar richtig gut. Überhaupt lieferte der Violinist hier ein Kabinettstück an historisch informierter Aufführungspraxis ab: Höchst differenziert, dabei mit entwaffnender Nonchalance, im Adagio sehr direkt, im Finale mit hinreißender Frische – eine absolut perfekte Show! Bei Falter wählte Smirnov einen geschickten Mittelweg zwischen Klang und Choreographie – riskant bis zur Unhörbarkeit.

Alexandra Tirsu aus Moldawien/Rumänien schließlich war rein geigerisch klar die solistisch ausgereifteste Interpretin. Die pure Anmut in ihrer ungekünstelten, direkten Kommunikation mit Orchester und Publikum, verfügt sie über einen warmen, ungemein berührenden Ton. Aus Haydns substanziell eher simplen C-Dur-Konzert machte sie ein echtes Erlebnis. 45 Grad zum Publikum gedreht, konnte sie zudem als Einzige Streichs Stück mit musikalisch dichter Eloquenz abliefern, auch technisch der Konkurrenz weit überlegen.

Einfache Entscheidung

Nach den Leistungen des Semifinales zu urteilen, war die Entscheidung der Jury eher leicht, deckte sich anscheinend aber auch mit den Erfahrungen des 2. Durchgangs: Alexandra Tirsu, Dmitry Smirnov und Seiji Okamoto spielen am Sonntag im Finale.

Martin Blaumeiser (12.09.2021)

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