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Buchkritik

Anno Mungen: Hier gilt’s der Kunst

Wieland Wagner (1941-1945)

Ein bisschen zielen Titel und Cover dieses Buches an seinem eigentlichen Inhalt vorbei. Evchens Ausspruch im 2. Akt der Meistersinger von Nürnberg, die dem Neuen Bayreuth zum Motto diente, um die früheren politischen Verstrickungen der Festspiele und ihrer Leitung zu verdrängen, wird hier nicht als Zitat kenntlich gemacht und wirft damit ein eher ironisches Licht auf das spekulative Foto (Montage?).

Aber soviel vorab: Ein Enthüllungsbuch ist das nicht, was der in Bayreuth lehrende und in Thurnau forschende Theater- und Musikwissenschaftler Anno Mungen hier ausführt. Die Beziehungen Hitlers zu Bayreuth sind längst erschöpfend durchleuchtet und auch die Rolle Wieland Wagners, der dem Führer eine Art Sohnersatz war und diese Situation für sein Fortkommen nutzte, ist dabei immer wieder in den Focus geraten, etwa in Renate Schostacks „Hinter Wahnfrieds Mauern“ (Hamburg 1998), einer Biographie Gertrud Wagners, oder in Brigitte Hamanns „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“ (München 2002).

Mungens Versuch, die Jahre 1941-1945 in Wielands Werdegang aufzuarbeiten, kann also in investigativer Hinsicht nichts wesentlich Neues ans Licht bringen, sondern lediglich das bereits Bekannte auf der Grundlage vorher nicht berücksichtigter oder nicht zugänglicher Quellen vertiefen. Dabei stützt sich der Autor hauptsächlich auf die bislang nicht edierten Tagebücher der nationalsozialistisch geprägten, der Familie Wagner nahe stehenden Archivarin Gertrud Strobel, den im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München einsehbaren Nachlaß Wieland Wagners und auf Zeitungsberichte des Bayreuther Tagblatts und des Bayreuther Kurier (vormals Bayerische Ostmark).

Der Kronprinz

In kurzen, fast tagebuchartig aufeinander folgenden Kapiteln, die eher buchhalterisch knapp als erzählerisch ausschmückend gehalten sind, beschreibt Mungen die Stationen von Wielands Entwicklung zunächst als Bühnenbildner, dann auch als Regisseur. Er war von Hitler als der Bayreuther Kronprinz, als künftiger Leiter der Festspiele erkoren und er verfolgte dieses Ziel mit Energie und auch im Clinch mit seiner Mutter Winifred. Die notwendigen Erfahrungen musste er außerhalb sammeln, an den Opernhäusern von Nürnberg und Altenburg. Ob der Bühnenbildner Emil Preetorius und der Regisseur Heinz Tietjen, die in Bayreuth lange Zeit tonangebend waren und von Hitler geschätzt wurden, durch die Intrigen des ehrgeizig aufstrebenden Wieland verdrängt wurden, bleibt ein unbewiesener Verdacht. Allerdings wusste er sich noch in diesen Kriegsjahren den gewünschten Platz in Bayreuth zu verschaffen.

Geburt des Regie-Theaters?

Dass er als junger Regisseur einer vermeintlichen Nazi-Ästhetik („was deutsch und echt“) gefolgt sei und dann nach dem Krieg in völliger Abkehr davon einen neuen, abstrahierenden Stil kreiert habe, wie gelegentlich behauptet wurde, ist nach den hier vorgelegten Dokumenten allerdings nicht richtig. Der Neuerer trat schon 1943 mit seinem Engagement in Altenburg auf den Plan, wo er den Ring erarbeitete. Ein Jahr zuvor war im Würzburger Konrad Tritsch Verlag das Buch „Die Oper als lebendiges Theater“ von Siegmund Skraup erschienen (das man übrigens heute noch preiswert antiquarisch erwerben kann). Der Autor, selbst Dramaturg und Regisseur, wendet sich darin – ausgerechnet im Kapitel über Richard Wagner – gegen die „sogenannte Werktreue“ und plädiert für die „moderne Schauspieloper“. Der Regisseur vertrete darin das „eigentlich Schöpferische“. Das ist gewissermaßen das „Alte Testament“ des heutigen Regie-Theaters.

Der neue Intendant am „nationalsozialistischen Lehrtheater“ von Altenburg, Kurt Overhoff, kündigte dem Personal bei seinem Amtsantritt an, dass mit seinem Freund Wieland, der sich innovativ an die Opern seines Großvaters heranmachen wolle, künftig ein neuer Wind im Hause wehen werde. Jahre später äußerte er in einem Brief, dass in diesen (zwei) Jahren in Altenburg „Neu-Bayreuth“ vorbereitet worden sei.

Nicht als Zeitreise, sondern als detektivische Spurensuche begreift Mungen seine Arbeit als Theaterhistoriker. Theaterzettel lassen ihn „die Fährte aufnehmen“, er konsultiert Zeitungsberichte, Fotos, Skizzen, Briefe, Entwürfe und Noten. Videos von den damaligen Bayreuther Aufführungen gibt es nicht, Tondokumente allerdings einige, die vorsichtige Rückschlüsse auf den Wagnerstil dieser Zeit zulassen. Also ganz so archäologisch muß man die Spurensuche doch nicht betreiben. Abbildungen, Fotos oder Facsimiles von den erwähnten Aufführungen enthält das Buch leider nicht, dafür zahlreiche kursiv gesetzte Beschreibungen der Bilder, die der Autor in den Archiven gefunden hat. Die Phantasie des Lesers ist also doppelt gefordert.

Ekkehard Pluta

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