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Unbestechliche Musikalität

Tenor, Dirigent, Pädagoge: Manfred Jung zum 75. Geburtstag

Manfred Jung

Manfred Jung
Foto: Peter Zirker

Mit den beiden Siegfried-Partien, die er in Patrice Chéreaus -später verfilmtem - Bayreuther „Jahrhundert-Ring“ sang, hat sich Manfred Jung ein Plätzchen im Olymp der Heldentenöre gesichert. Doch wenn Wagner auch lange Zeit im Zentrum seiner Bühnentätigkeit stand, so reicht sein musikalischer Radius doch weit über diesen einen Komponisten hinaus. Am 9. Juli wird der Künstler, der seit dem Ende seiner aktiven Sängerlaufbahn als Dirigent, Pädagoge und Manager tätig ist, 75 Jahre alt.

Zum Theater kam Jung, in Oberhausen geboren, zunächst als Beleuchter in Essen und Bayreuth. Manfred Jung als Loge
Manfred Jung als Loge
Foto: privat
Nach einem Gesangsstudium an der Folkwang-Hochschule debütierte er 1968 an der Kölner Kammeroper und trat drei Jahre später ein festes Engagement als lyrischer Tenor in Dortmund an, wo er bis 1975 in nicht weniger als 27 Partien auftrat, darunter Tamino und Hans (Die verkaufte Braut). Manfred Jung als Stolzing
Manfred Jung als Stolzing
Foto: privat
Die nächste Station war das Pfalztheater Kaiserslautern, wo mit Rollen wie Max und Don José der Übergang ins dramatische Fach schon vorbereitet wurde. Nach einem Gastspiel als Loge an der Düsseldorfer Rheinoper (Januar 1976) bot ihm der damalige Intendant Grischa Barfuß einen festen Vertrag an (der erst 1988 mit dessen Pensionierung endete). Noch im selben Jahr folgten die ersten großen Wagner-Partien: Parsifal in Wuppertal, Siegfried (Götterdämmerung) in Saarbrücken.

Dieselbe Rolle übernahm er das Jahr darauf bei den Bayreuther Festspielen im genannten Ring unter Chéreau und Pierre Boulez, später kam noch der Jung-Siegfried dazu, so dass Jung in der Verfilmung (1979/80) beide Rollen darstellen konnte. Von Bayreuth aus startete er eine große internationale Karriere, sang Siegfried und Tristan an der Met, diese und andere Wagner-Partien auch an den Staatsopern von Stuttgart, München, Hamburg und Wien sowie in Paris, Brüssel, Madrid, Barcelona und Warschau. Grammy für den "Jahrhundert-Ring"
Grammy für den "Jahrhundert-Ring"
Foto: privat
In den 90er Jahren war er immer häufiger in Partien des Charakterfachs zu erleben: in Bayreuth wechselte er vom Siegfried zum Mime (1994-98), in Partien wie Herodes und Aegisth konnte er seine weltweite Karriere fortsetzen. Verstärkt nahm er Musik des 20. Jahrhundert in sein Repertoire auf: Schönberg, Berg, Weill, Penderecki, Webber. Die Dirigenten von Karajan und Jochum bis Levine und Sinopoli schätzten ihn wegen seiner unbestechlichen Musikalität, die Regisseure profitierten von seinen (erst in der Praxis mühsam erworbenen) schauspielerischen Fähigkeiten und seiner Offenheit gegenüber neuen Ideen, seine Intendanten Wolfgang Wagner und Grischa Barfuß rühmten vor allem seine absolute Zuverlässigkeit (er sagte nie ab, auch wenn er indisponiert war), und sein Publikum liebte ihn wohl für alle diese Talente zusammen.

Noch in seiner aktiven Sängerzeit wurde Jung 1989 die Leitung der Städtischen Chorgemeinschaft Herne übertragen, in deren Konzerten er auch als Orchesterdirigent hervortrat. Und so war er gut gerüstet für seine nächste Aufgabe. 2006 beauftragte ihn die in Liechtenstein ins Leben gerufene Junge Musiker Stiftung mit der künstlerischen Leitung, die seinen Einsatz als Manager, Dirigent und Pädagoge umfaßt. Ziel der Stiftung ist die künstlerische und finanzielle Förderung junger Sänger und Instrumentalisten, die fast durchweg noch in der Ausbildung und vor ihrem ersten Engagement stehen. In Orchesterkursen, die jeweils mit einem öffentlichen Konzert abschließen, und in Meisterklassen renommierter Opernsänger werden die jungen Musiker behutsam an ihren Beruf herangeführt. Daneben findet einmal im Jahr ein Stipendienvorsingen statt, wo herausragende Begabungen für jeweils ein Jahr eine finanzielle Unterstützung erhalten können, die ihre Weiterbildung absichert.

Über die Abschlusskonzerte des Jungen Tonkünstler Orchesters, zuletzt eine bewegende Aufführung des Brahms-Requiems in der Basilika zu Kevelaer, habe ich für www.klassik-heute.de mehrfach ausführlich berichtet und dabei an Jungs Dirigaten besonders das Gespür für die richtige Klangbalance hervorgehoben. Er bringt die jungen Musiker dazu, einander zuzuhören wie in einer Kammermusik-Formation und erreicht damit immer einen homogenen und transparenten Klang.

Bei dieser Manfred Jung als Dirigent
Manfred Jung als Dirigent
Foto: Peter Zirker
Gelegenheit möchte ich aber auch auf den Sänger-Erzieher Jung eingehen, der einige Jahre an der Stuttgarter Musikhochschule als Lehrer tätig war, und den ich als einen engagierten, sehr strengen und pingeligen, aber zugleich auch liebevollen und unendlich geduldigen Pädagogen kennen gelernt habe. Parallel zu den öffentlichen Meisterklassen seiner berühmten Kollegen, unter denen Brigitte Fassbaender und Hans Sotin schon wiederholt zum Einsatz kamen, hält er mit den Studenten separate Korrepetitions-Stunden ab, in denen er unnachgiebig ins Detail geht. Für ihn sind die skrupulöse Umsetzung des geschriebenen Notentextes, vor allem die genaue Einhaltung der Vortragsbezeichnungen, sowie die deutliche und plastische Gestaltung des gesungenen Textes die ersten Voraussetzungen für eine Interpretation. Erst dann können technische und gestalterische Dinge behandelt werden. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, doch die meisten Sänger, die von der Hochschule kommen, wissen davon nur wenig, und der heutige Opernalltag bringt diese Defizite in der Ausbildung Abend für Abend schmerzlich zu Bewusstsein.

In diesem Sinne wünsche ich dem Un-Ruheständler (oder besser: Unruhe- Ständler) Manfred Jung über den Jubiläumstag hinaus stabile Gesundheit und nicht nachlassende Energie und Leidenschaft.

Ekkehard Pluta [9.7.2015]

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