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Besprechung CD

Hugo Distler

Die Weihnachtsgeschichte Opus X

OUR Recordings 6.220684

1 CD • 40min • 2022

22.11.2023

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Wie schön, dass uns jetzt eine dritte, diesmal außerordentlich klangprächtige Aufnahme der Weihnachtsgeschichte von Hugo Distler (1901-1942) erreicht. Wer nach inniger, aber nicht sentimentaler Weihnachtsmusik sucht, aber nicht auf die Renaissance oder die hochbarocken Hits zurückgreifen will, erhält somit eine Alternative. Besonders bemerkenswert, dass sich ein Dänisches Vokalensemble des Werkes annimmt. Da scheint es doch eine Affinität zum typisch Norddeutschen der Musik der „Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik nach 1920“ zu geben.

Frübarockisierendes Bauhaus?

Nachdem Max Reger die Formen des Spätbarock mit der Wagnerschen Alterationsharmonik höchst emotionsgeladen vermählt hatte, was seine Vokalkompositionen extrem anspruchsvoll machte und diese individualromantische, überschwängliche Haltung durch die Katastrophe des Ersten Weltkriegs obsolet geworden war, benötigte man neue Modelle für geistliche Kompositionen. Diese fanden Distler, Ernst Pepping, Hans Friedrich Micheelsen, und Kurt Fiebig bei Heinrich Schütz. Durchaus von der Singe- und der Jugendmusikbewegung beeinflusst, griff man auf dessen Modelle der A-capella-Passion und den Motettenstil der Geistlichen Chormusik von 1648 zurück. Die Harmonik ist häufig modal, gelegentlich sogar pentatonisch, leere Quint-Oktav-Klänge verschleiern simple Dur-Moll-Kadenzen, die herber klingende Quarte ersetzt häufig die Terz, durch übereinander gesetzte Quarten entstehende Sekundreibungen schärfen den Klang. Der Evangelist – bei Distler „Erzähler“ genannt – verzichtet weitgehend auf die affektmäßige Ausdeutung des Berichts, nähert sich dem liturgischen Rezitationston an.

Mit Magnificat und Nunc dimittis

Distler fasst die Weihnachtsgeschichte weiter als J. S. Bach. Er beginnt mit dem Besuch Gabriels bei Maria und führt uns über Mariens Besuch bei Elisabeth (Magnificat) von der Christnacht bis zu Simeons Nunc dimittis. Eingangs- und Schlusschor sind große Motetten, die auch separat aufgeführt werden können. Die einzelnen Szenen werden durch eine vokale Choralbearbeitung per versos über Es ist ein Ros entsprungen verknüpft, bei der jeder Vers anders gesetzt ist. Hier könnte die von Distler ebenfalls gepflegte Choralpartita für Orgel als Inspiration gewirkt haben.

Das Werk selbst ist hochkomplex, da es einen für eine instrumental ungestützte Komposition in vielen Sätzen den außergewöhnlich großen Tonumfang von E-gis² fordert, was – auch bedingt durch die Quartenharmonik – hohe Anforderungen an die Intonationssicherheit des Ensembles stellt.

Gelungene Interpretation

Das Concert Clemens unter Carsten Seyer-Hansen gestaltet das Werk außerordentlich leuchtkräftig, intonationsrein und klangschön. Es entspricht von seiner Größe her wohl dem Kammerchor-Ideal des Komponisten. Durch von der Aufnahmetechnik famos eingefangene Akustik der Stk. Markus Kirke in Århus, meint man, mitten in der Kirche an einem Konzert teilzuhaben. Allerdings schluckt der Hall ein wenig die Verständlichkeit des gesungenen Textes. Sicherlich hätte man dieses auf Kosten der musikalischen Linie durch Konsonantenspuckerei vermeiden können, was jedoch den Genuss stärker beeinträchtigt hätte, da die Geschichte erstens bekannt ist und zweitens der Text im Booklet nebst einer englischen Einführung mitgeliefert wird. Somit handelt es sich definitiv um die glänzendste und prächtigste Aufnahme.

Fazit: Wer bei der Weihnachtsgeschichte im Klang schwelgen will, greife unbedingt zu dieser Aufnahme. Wem es um historische Aufführungspraxis und eine luxuriöse Besetzung der Soliloquenten geht und dafür eine eher trockene Studioproduktion in Kauf nimmt, sollte die Version mit Hans-Joachim Rotzsch (als Erzähler und Dirigent) und den Thomanern in Betracht ziehen. Denn Rotzsch kannte die Protagonisten der „Erneuerungsbewegung“ größtenteils noch persönlich, singt einen exzellent deutlichen Erzähler und konnte mit Regina Werner, H.-C. Polster und G. Stier auf Luxusbesetzung der Soliloquenten zugreifen. Wer tiefer in die Machart des Werks eintauchen will greife zu der äußerst transparenten Aufnahme des Athesinus Consort in Minimalbesetzung.

Vergleichsaufnahmen:

Rotzsch, Thomanerchor Leipzig, Eterna – Athesinus Consort, Carus.

Thomas Baack [22.11.2023]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Hugo Distler
1Die Weihnachtsgeschichte op. 10 00:40:17

Interpreten der Einspielung

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