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Besprechung CD

Olivier Messiaen

Vingt Régards Sur l'Enfant-Jésus

Telos Music TLS 255

2 CD • 2h 06min • 2022

23.11.2023

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Der Pianist Prodromos Symeonidis, 1972 in Thessaloniki geboren und seit 1990 in Deutschland lebend, hat sich besonders als Spezialist für Neue Musik (etwa als Mitbegründer und langjähriges Mitglied des Ensembles Berlin PianoPercussion), aber auch für französische Komponisten wie Maurice Ohana einen Namen gemacht. Auf seinem neuesten Album wendet er sich Olivier Messiaens monumentalem Zyklus Vingt Regards sur l’Enfant-Jésus zu, der sich überhaupt dieser Tage wachsender Beliebtheit zu erfreuen scheint – allein in den gerade erst beginnenden 2020ern ist er bereits in mindestens fünf Einspielungen neu auf den Markt gebracht worden.

Musik von enormer Vielfalt und Eindringlichkeit

In seinen Vingt Regards, 1944 innerhalb eines halben Jahres entstanden, blickt Messiaen in 20 Klavierstücken zu gut zwei Stunden Spieldauer aus den verschiedensten Perspektiven auf die Geburt Christi. Ein wesentliches Merkmal des Zyklus ist seine enorme Vielfalt. Steht am Anfang meditative Versenkung und stille Andacht in elysischem Fis-Dur und extremer, nahezu zeitloser Langsamkeit ganz ähnlich wie in manchen Sätzen des Quatuor pour la fin du temps, reicht die Spannbreite der weiteren Stücke von schmerzerfüllter Trauer und Blicken in den Abgrund bis hin zu ekstatisch überschäumender Freude, von filigraner Zartheit bis hin zu brachial-archaischer Urgewalt. Ebenso vielgestaltig sind die musikalischen Mittel, aufbauend auf Messiaens eigenen Modi, einer enorm differenzierten Rhythmik und einem eminenten Sinn für Klangfarben; nahezu ungetrübte Tonalität steht neben grellen Dissonanzen und perkussiven, bewusst geräuschhaften Effekten (à la Tam-Tam), Fugenkunst neben dezidierter Homophonie. Ein Werk gewiss in der Tradition französischer Klaviermusik (gerade der Bezug zu Debussy und Ravel ist unverkennbar), in dem sich aber auch außereuropäische Einflüsse, geistliche Musik und Vogelgesang widerspiegeln. Einheit stiften eine Hand voll Themen und Motive, besonders prägnant das „Thème de Dieu“ sowie das „Thème de l’Etoile et de la Croix“. Musik eines tief gläubigen Menschen, die (frei nach Symeonidis’ Worten) zwar nicht notwendigerweise einen christlichen, wohl aber einen spirituell empfänglichen Hörer fordert.

Dynamische, klare Lesart

Es gibt eine Reihe von klassischen Aufnahmen der Vingt Regards (Loriod, Béroff, Ogdon, Aimard), die auf ihre Weise Maßstäbe gesetzt haben, doch auch die Totalität der Aufnahmen dieses Zyklus bewegt sich auf einem insgesamt bemerkenswerten Niveau. Hier reiht sich auch Symeonidis’ Neueinspielung ein: eine hochklassige, den Zyklus und seine Vielschichtigkeit beispielhaft darstellende Interpretation. Symeonidis wählt insgesamt moderate Tempi, vergleichbar mit Yvonne Loriods Einspielung von 1973, nur in manchen der langsamen Sätze noch eine Spur langsamer, ohne dabei aber das Quasi-Stillstehen der Zeit in dem Maße auszukosten wie beispielsweise jüngst Kristoffer Hyldig. Besonders liegen Symeonidis die dynamischen, energisch-kraftvollen Stücke, etwa die brillant-ekstatischen Nr. 6&10, bemerkenswert auch La parole toute puissante (Nr. 12), wo es ihm gelingt, in dieser schroff-zerklüfteten musikalischen Landschaft die melodische Linie klar herauszuarbeiten und so der Musik Richtung zu geben. Charakteristisch ist in dieser Hinsicht ebenfalls seine Lesart von Le baiser de l’Enfant-Jésus (Nr. 15), wo er selbst den affirmativsten, ja „seligsten“ Passagen mit einer gewissen Geradlinigkeit begegnet, die der hier durchaus im Bereich des Möglichen liegenden Tendenz zum Sentiment entgegenläuft. Symeonidis setzt also vielmehr auf Klarheit, obwohl nicht in der Konsequenz speziell eines Michel Béroff (wie schon im anfänglichen Regard du Père deutlich, das bei Béroff eine eminente Transparenz besitzt). Einige der zarteren, zurückgenommeneren Stücke könnten allerdings mehr Differenzierung in Dynamik und Anschlag vertragen, etwa Regard des Hauteurs (Nr. 8), dessen Beginn deutlich zu stark für ein dreifaches Piano erscheint: hier wäre mehr Mysterium, mehr Hintergründigkeit möglich.

Eine hochklassige Interpretation

Die Klangqualität der Aufnahmen ist insgesamt ordentlich, in manchen der zarteren Stücken (so Nr. 7&9) fällt allerdings ein gewisses Maß an Nebengeräuschen (der Mechanik des Flügels) auf. Den Begleittext hat Symeonidis selbst verfasst, eine gründliche, fundierte, dabei auf den Punkt gebrachte Darstellung der musikalischen und theologischen Hintergründe des Zyklus. Insgesamt eine empfehlenswerte Neuerscheinung.

Holger Sambale [23.11.2023]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Olivier Messiaen
1Vingt régards sur l'enfant-Jésus 02:06:27

Interpreten der Einspielung

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