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CD-Besprechung

Tales Of The Sea

Lydia Maria Bader

Ars Produktion ARS 38 617

1 CD • 64min • 2023

08.09.2023

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Auf ihrer neuen CD hat die Offenbacher Pianistin Lydia Maria Bader ein Programm von „Meeresmusiken“ zusammengestellt, sechs Werken von sechs verschiedenen Komponisten also, die sich alle auf das Meer (oder zumindest das Wasser) beziehen. Dabei geht es einmal rund um den Globus von China über Russland und Westeuropa bis nach Amerika mit Werken, die zwischen 1842 und 1952 entstanden sind und sich stilistisch zwischen Romantik und Impressionismus bewegen.

Dunkle Farben in MacDowells Meeresbildern

Das älteste hier eingespielte Werk ist Anton Rubinsteins (1829–1894) Opus 1, die Ondine-Etüde des Dreizehnjährigen aus dem Jahre 1842, eine hübsche, einfache Melodie in Des-Dur, begleitet von Akkordbrechungen, die das Glitzern des Wassers und das Spiel der Wellen suggerieren. Man ist geneigt, Parallelen zum Beginn von Liszts Un sospiro zu ziehen, das allerdings tatsächlich einige Jahre später entstand. Die Sea Pieces op. 55 (1896–98) des Amerikaners Edward MacDowell (1860–1908) sind einer seiner reifen Zyklen von Klavierminiaturen, die vielleicht den Höhepunkt seines Schaffens bedeuten. MacDowell zeichnet hier acht stimmungsvolle, mit kurzen Versen versehene Bilder, die von liedhafter, einprägsamen Melodik bestimmt sind; tatsächlich geht MacDowell mit Klangmalerei eher sparsam um (sehr nachdrücklich zu beobachten etwa in Starlight, das kaum mit Diskantzauber, sehr wohl aber mit oktavierten Bässen arbeitet) . Insgesamt dominieren abgedunkelte Farben, auch das fröhliche Melos des Songs wird eher versonnen und ein wenig melancholisch gedeutet. Endgültig dominieren die dunklen Farben dann in From the Depths und vor allem im abschließenden aufgewühlten, im Mittelteil nun doch deutlich bedrohliche Wellen beschwörenden In Mid-Ocean. MacDowell ist in den 1990ern von James Barbagallo mit einer ganzen Reihe von Einspielungen bedacht worden; die erhebliche Differenz der Spieldauern der Sea Pieces (13:30 vs. 20:00) ergibt sich dadurch, dass Bader sich im Gegensatz zu Barbagallo an den vorgegebenen Metronomzahlen orientiert. So wirkt ihre Einspielung wesentlich ruhiger, weniger miniaturenhaft als eher atmosphärisch kondensiert und sorgfältiger in der Gestaltung der Details (man beachte etwa die kleinen „Welle“ in Nr. 3 kurz vor dem Thanksgiving-Hymnus).

Samazeuilhs impressionistisch geprägte Meereshommage

Frank Bridges (1879–1941) Sea Idyl (1905) begreift Bader gemäß eigenen Angaben als „friedliche Sommerfrische in England mit vielen kleinen Segelbooten auf dem Wasser“, eine Art pastorales Albumblatt also. Freilich zeigt die Interpretation von Kathryn Stott, das das Stück, wenn man die Dynamik konsequent ausreizt und z.B. das allmähliche „Nahen“ der See am Beginn entsprechend disponiert, sehr wohl auch andere, breit-majestätische Seiten haben kann. Das erklärte Zentrum des Albums bildet der dreiteilige Zyklus Le chant de la mer des Franzosen Gustave Samazeuilh (1877–1967), entstanden in den Jahren 1918/19 (nach meinen Informationen nicht 1905, wie im Beiheft angegeben). Der Einfluss Debussys und Ravels (mit dem Samazeuilh auch persönlich bekannt war) ist unüberhörbar, auch der französischen Spätromantik, aber bei allen stilistischen Bezügen ist festzuhalten, dass Samazeuilh hier ein ausgesprochen stimmungsvolles, farbenreiches und pianistisch dankbares Werk gelungen ist. Baders Einspielung übertrifft diejenige von Olivier Chauzu gerade in den ersten beiden Sätzen deutlich, da sie wärmer timbriert ist und speziell im zweiten Satz eine wesentlich klarere, die Melodik deutlicher konturierende und gestaltende Lesart bietet. Im Anschlag und in den Klangfarben wäre dabei noch stärkere Differenzierung möglich, und der Sturm im dritten Satz könnte deutlich entfesselter im Sinne von Vortragsanweisungen wie „agité“ oder „tumultueusement“ realisiert werden.

Aparte Inszenierung kleiner Stimmungsbilder

Ähnlich verhält es sich mit Ernest Blochs (1880–1959) Poems of the Sea (1922): schön gelungen die beiden intim-verhaltenen ersten zwei Stücke, während die Kontraste, die Dynamik und die Spannungsbögen im dritten Stück stringenter dargestellt werden könnten. Der Chinese Zhu Gongyi (1922–1986) ist hierzulande nahezu unbekannt; dass er sein 1952 entstandenes Klavierstück Ein Bach als „Ouvertüre“ bezeichnet, mutet kurios an, denn tatsächlich handelt es sich um eine postimpressionistische Klavierminiatur in ternärer Form (mit einem Schuss Pentatonik). Das Murmeln des Baches wird von Bader wiederum sehr apart realisiert, und tatsächlich sind es gerade diese kleinen Stimmungsbilder, die sie immer wieder sehr reizvoll zu inszenieren weiß. Im Beiheft formuliert sie, durchaus von Enthusiasmus getragen, einige eigene Gedanken zu den hier vorgestellten Werken; die Klangtechnik ist tadellos. Explizit hervorzuheben ist natürlich die Auswahl an eher selten zu hörendem Repertoire.

Holger Sambale [08.09.2023]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ernest Bloch
1Poems of the Sea 00:10:44
Gongyi Zhu
4Small Stream (Ouverture) 00:03:13
Gustave Samazeuilh
5Le chant de la mer 00:22:23
Frank Bridge
8A sea idyl 00:04:40
Anton Rubinstein
9Etüde Nr. 1 (Ondine) 00:02:24
Edward MacDowell
10To the Sea op. 55 Nr. 1 (aus: Sea Pieces op. 55) 00:02:09
11From a Wandering Iceberg op. 55 Nr. 2 (aus: Sea Pieces op. 55) 00:01:51
12A.D. MDCXX op. 55 Nr. 3 (aus: Sea Pieces op. 55) 00:02:42
13Starlight op. 55 Nr. 4 (aus: Sea Pieces op. 55) 00:02:01
14Song op. 55 Nr. 5 (aus: Sea Pieces op. 55) 00:02:31
15From the Depth op. 55 Nr. 6 (aus: Sea Pieces op. 55) 00:03:03
16Nautilus op. 55 Nr. 7 (aus: Sea Pieces op. 55) 00:02:45
17In Mid-ocean op. 55 Nr. 8 (aus: Sea Pieces op. 55) 00:02:47

Interpreten der Einspielung

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