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CD-Besprechung

Johann Hermann Schein

Israels Brünnlein 1623

cpo 555 459-2

2 CD • 1h 41min • 2021

23.01.2023

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Auch wenn der Thomaskantor Johann Hermann Schein (1586-1630) mit Schütz und Scheidt zu den drei großen „S“ des musikalischen Frühbarocks gehört, wird er im Konzertleben eher wenig berücksichtigt. Zu Unrecht, wenn man sein 1623 veröffentlichtes Israelsbrünnlein hört, diese Sammlung von „geistlichen Madrigalen“ in „Italian-Madrigalischer Manier“, wie Schein selber es ziemlich widersprüchlich formuliert. Das Booklet erklärt es kundig: Motetten sind geistliche Vokalwerke in lateinischer Sprache, die den Text auslegen. Madrigale sind weltliche Vokalwerke in deutscher Sprache, die die Musik zu emotionaler Sprache werden lassen, zu einer „rhythmisch einheitliche(n) Deklamation, um diese Rede textverständlich zu halten“. Motettisch ist die streng imitatorische Satzweise, madrigalistisch die Chromatik und die Verwendung von Koloraturen und kleinen Notenwerten. Schein vermischt beides in expressiver Weise.

Spannendes Hör-Erlebnis

Dass diese rein musikologische Betrachtungsweise zu einem großen auch emotionalen Hörerlebnis wird, ist das Verdienst des Gesangsensembles Opella Musica unter der Leitung von Gregor Meyer. Die fünf Stimmen verbinden sich bei aller individualistischen Verschiedenheit zu einem vollkommen ausgewogenen Ensemble-Klang. Die Frauenstimmen haben ein etwas mädchenhaft-unschuldiges Timbre und singen äußerst klar, sind instrumental geführt, aber fähig und auch willens zum leichten Vibrato, meist am Ende von langen Haltetönen wie ein leichtes Nachzittern, oder auch als Moment der Ergriffenheit vom Inhalt des gesungenen Textes. Die Tenorstimme hellt ihre Vokale extra auf, um sich den Frauenstimmen klanglich anzupassen, die Bassstimme ist immer ein dunkelwarmes Fundament. Gregor Meyer selbst spielt die Truhenorgel, zusammen mit dem Violone von Tillmann Steinhöfel ergibt sich ein ebenso unauffälliger wie grundlegender Basso continuo. Gerade im Zusammenklang mit den Stimmen erfreut die absolut reine Intonation bei müheloser Stimmgebung. Angedeutete Doppelchörigkeit ist unaufdringlich umgesetzt.

Das Tempo ist immer natürlich fließend und am Text orientiert, die Sänger lassen sich Zeit, ohne dass man einen Stillstand fürchten muss. Vor allem aber hört und fühlt man, wie sie mit Wärme und Mitempfinden die Fülle und Lebendigkeit der einzelnen Stücke gestalten, ohne dabei allzu expressiv zu werden. Sie markieren oft gewichtig die vielfachen harmonischen Rückungen. Sie singen nicht nur die Musik, sondern vor allem den Text, sie singen so rhetorisch, dass man merkt: Sie wissen nicht nur, wie man richtig singt, sondern sie wissen auch, was sie singen. Das macht das Hörerlebnis dieser Doppel-CD geradezu spannend. Dazu kommt auch noch, dass die nicht sehr hallige Akustik der Kirche Maria am Wasser in Dresden-Hosterwitz hervorragend natürlich eingefangen ist, so dass alle Stimmen höchst transparent zur Geltung kommen und das Stimmengeflecht immer transparent ist: Man kann die einzelnen Stimmen hörend verfolgen.

Unwillkürlicher Jubelausbruch

Beispiele gibt’s genug: In Wende dich, Herr (CD 1, Track 6) werden die Stimmen ganz armselig, wenn sie die Einsamkeit und das Elend des Psalmisten besingen, ziehen das „A“ in Angst in angstvolle Länge und artikulieren so jämmerlich deutlich, ja deftig das „J“ in „Jammer“, dass es sich fast wie „Chjammer“ anhört. Jakobs Tod (Da Jakob vollendet hatte, CD 1, Track 10) wird sehr beredt und aussagekräftig und fast schaudernd vor Ehrfurcht erzählt, in Siehe an die Werke Gottes (CD 1, Track 13) brechen die beiden Soprane immer wieder fast unwillkürlich ins Jubeln aus, wispern dann fast hexenhaft-gespenstisch mit überdeutlich gezischten „S“- und „Sch“-Lauten, dass der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist. Das Flehen in Herr, lass meine Klage für dich kommen (CD 2, Track 4) ziehen sie deutlich chromatisch bittend nach oben und im darauffolgenden Siehe, nach Trost war mir sehr bange machen die Soprane mit intensiv gesungener verminderter Sext deutlich, wie ausgesetzt und bange der Mensch in der Welt ist ohne göttlichen Trost, erschaudern dann in geheimnisvollem Pianissimo ob der besungenen Hölle, Tod und der Grab-Grube, um dann doch in vielfacher Wiederholung in grenzenlosen Jubel auszubrechen – Jubel, in den man innerlich beim Hören diese Doppel-CD immer wieder einstimmen möchte.

Rainer W. Janka [23.01.2023]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Hermann Schein
1O Herr, ich bin dein Knecht 00:03:41
2Freue dich des Weibes deiner Jugend 00:03:51
3Die mit Tränen säen 00:03:41
4Ich lasse dich nicht 00:03:02
5Dennoch bleibe ich stets an dir 00:03:18
6Wende dich, Herr, und sei mir gnädig 00:04:04
7Zion spricht: Der Herr hat mich verlassen 00:04:44
8Ich bin jung gewesen 00:03:21
9Der Herr denket an uns 00:04:31
10Da Jakob vollendet hatte 00:04:53
11Lieblich und schöne sein ist nichts 00:03:47
12Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn 00:04:14
13Siehe an die Werk Gottes 00:03:19
CD/SACD 2
1Ich freue mich im Herren 00:02:53
2Unser Leben währet siebzig Jahr 00:03:35
3Ihr Heiligen, lobsinget dem Herren 00:03:43
4Herr, lass meine Klage 00:03:11
5Siehe, nach Trost war mir sehr bange 00:04:15
6Ach Herr, ach meiner schone 00:03:15
7Drei schöne Ding sind 00:03:43
8Was betrübst du dich, meine Seele 00:05:17
9Wem ein tugendsam Weib bescheret ist 00:03:29
10O Herr Jesu Christe 00:04:47
11Ich bin die Wurzel des Geschlechtes David 00:04:06
12Lehre uns bedenken 00:04:15
13Nun danket alle Gott 00:04:22

Interpreten der Einspielung

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